Volksstimme: Warum ist Magdeburg ein Paradies für Archäologen?

Dr. Gösta Ditmar-Trauth: Magdeburg gehört zu den historisch wichtigsten Städten in Deutschland. Sie war im Mittelalter eine Kaiserstadt, was die Bedeutung ins kaum Ermessliche steigen lässt. Davon gibt es wirklich nicht viele in Mitteleuropa. Die Geschichte von Magdeburg beginnt schon im Frühmittelalter im 5. Jahrhundert. Auf diese Zeit geht wohl schon die Namensgebung von Megedeborch (= große Siedlung) zurück. Die Lage von Magdeburg war schon seit jeher durch die Elbe und den Domhügel hervorragend. Kein Wunder, dass dort jetzt der Landtag steht.

Ist in Magdeburg noch viel mehr auszugraben?

Ja, ganz sicher. Da wird mir jeder Kollege zustimmen. Das innere Stadtgebiet ist komplett historischer Boden. Das heißt, wenn hier ein Boden aufgemacht wird, treffen Sie immer wieder auf historische Erdschichten – zum Beispiel aus dem Mittelalter.

Was würden Sie in Magdeburg gerne noch ausgraben?

Das höchste archäologische Ziel ist die eindeutige Identifizierung der Kaiserpfalz. An welcher Stelle standen die Hauptgebäude und später der erzbischöfliche Palast? Das ist die archäologisch spannendste Frage in Magdeburg.

Welcher Fund in Magdeburg war der wichtigste für Sie?

2005 habe ich an der Regierungsstraße seltene mittelalterliche Gussformen entdeckt. Die wurden im 13. Jahrhundert von Feinschmieden für die Fertigung von Broschen, Gewandverschlüssen und Gürtelschnallen benutzt. Das war eine Sensation, weil es europaweit in dieser Dimension einmalig war. Diese Ausgrabung war mein „Baby“ und wird mich ewig stolz machen.

Bei Bauarbeiten an der Polizeiinspektion haben Sie vor kurzem mehrere Skelette gefunden, die um die 3600 Jahre alt sind. Was ist besonders an diesem aktuellen Fund?

Es ist der älteste Friedhof Magdeburgs und man könnte auch sagen, dass die Skelette aus der Früh- bis Mittelbronzezeit die ältesten Magdeburger sind, die im Stadtgebiet je gefunden wurden. Das ist schon ein riesiges Erfolgserlebnis.

Was war das Skurrilste, was Sie gefunden haben, was nichts mit Archäologie zu tun hat?

Eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Das war die Baustelle auf dem Breiten Weg. Die habe nicht ich mit meinem kleinen Kratzer ausgegraben, sondern der Bagger, aber das war natürlich ein sehr mulmiges Gefühl.

Wenn der Bagger Ihnen das Loch gräbt, stehen Sie dann nicht zitternd daneben, dass er archäologische Schätze zerstören könnte?

Nein, Magdeburger Baggerfahrer haben Fingerspitzengefühl. Die machen das alle ganz toll. Die arbeiten sehr präzise. Sobald etwas anderes als Erde die Schaufel berührt, merken sie das. Klar, man denkt, ein Bagger bei archäologischen Ausgrabungen ist viel zu grob, aber das ist hochfeine Arbeit.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Der besteht aus Handarbeit. Meine Alltagsgeräte sind Schaufel, Spaten, Kelle und Kratzer. Damit sitze ich in der Baustellengrube und bin sozusagen auf Schatzsuche. Das ist wirklich das komplette Gegenteil zu einem Büro-Job. Ich spüre den Wind, den Regen, die Sonne. Sogar mit Tieren habe ich zu tun. Immerhin legen wir ja auch Maulwurf- und Wühlmausgänge frei. Die kommen einem dann auch schon mal entgegengehuscht.

Finden Sie auch Tier-Skelette?

In dieser Grube hat mein Team Knochen vom Feldhamster gefunden.

Wie gruselig ist Ihr Job?

Überhaupt nicht gruselig, eher emotional. Mir als Familienpapa schießt das Wasser in die Augen, wenn ich Kindergräber finde. Das geht mir sehr nahe. Jetzt hier haben wir ja ein weibliches Skelett gefunden, das vermutlich mit ihrem Baby beerdigt wurde. Diese enorme Vergänglichkeit, dass da wirklich nur noch der Schatten, also eine schwache Verfärbung, übrig ist – das ist schwer zu ertragen und traurig. Eine kleine Seele, die schnell wieder weg war.

Träumen Sie nachts von den Skeletten?

Nein, gar nicht. Ich kann da schon abschalten und Arbeit Arbeit sein lassen. Wenn ich Halloween Plastik-Skelette sehe, ziehe ich da auch keine Verbindung.

Wenn Sie an einem Skelett arbeiten, nehmen Sie das noch als Menschen wahr?

Ja, da werden keine dummen Witze gemacht. Natürlich ist das Routine, aber man arbeitet mit ganz viel Respekt. Man stört ja auch die Totenruhe, selbst wenn die Skelette, wie in diesem Fall, 3600 Jahre alt sind. Wenn wir die Gräber allerdings nicht ausheben würden, würden die Bauarbeiten die Funde einfach vernichten. Vom christlichen Standpunkt her sollten die Skelette natürlich eigentlich zu Staub zerfallen, aber die Menschen waren vor 3600 Jahren keine Christen. Die Totenruhe wird gestört, aber die Knochen werden fachgemäß geborgen, und nicht durch Bauarbeiten brutal vernichtet.

Was lieben Sie an Ihrem Job?

Das Ausgraben. Diese Schatzsuche, wie ich es als Kind schon geliebt habe. Und ich liebe es, so viel draußen an der frischen Luft zu sein.

Von welchem Auftrag träumen Sie noch?

Ich bin mit meiner Arbeit in Magdeburg glücklich und davon sehr ausgefüllt. Vielleicht würde mich die Mitarbeit an der Entdeckung einer spätrömischen Stadt in der Türkei noch reizen.

Der berühmteste Archäologe der Welt ist vermutlich Indiana Jones. Wie viel hat die Filmfigur mit der Realität zu tun?

Einen Hut und eine Weste trage ich auch – mein Markenzeichen. Nur die Peitsche fehlt mir noch. Die hänge ich mir vielleicht mal ins Büro.

Also die Abenteuer eines realen Archäologen bestehen meistens nicht darin, sich durch den Dschungel zu kämpfen, sondern sich mit den Bauherren auseinandersetzen müssen. Für die sind wir Archäologen ja oft einfach nur lästig im Weg und nicht willkommen. Hier in Magdeburg habe ich es auch schon erlebt, morgens ganz normal zur Arbeit zu kommen, und nicht mehr auf die Baustelle zu dürfen. Glücklicherweise konnten wir uns auf einen Kompromiss einigen und parallel arbeiten. Das sind die alltäglichen Probleme eines Archäologen. Hier an dieser Baustelle bei der Polizeiinspektion läuft das zum Glück reibungslos. So eine positive Zusammenarbeit habe ich in meiner 30-jährigen Karriere noch nicht erlebt.