Coronaöffnung

Auf die Straße gedrängt

Der Staßfurter Gewerbeverein sieht sich dazu veranlasst, immer wieder mittwochs Teil der bundesweiten Aktion „Wir gehen auf die Straße“ zu sein. „Bis die Politik klare Aussagen liefert“, so Vereinschef Ronald Teßmer.

Staßfurt

„Da sich in absehbarer Zeit nicht viel ändert für den Einzelhandel, werden wir die Aktion ,Wir gehen auf die Straße' jeden Mittwoch unterstützen.“ Ronald Teßmer ist wie zahlreiche Gewerbetreibende auch in Staßfurt unzufrieden mit den neuerlichen Ansätzen, die Läden wieder langsam öffnen zu wollen - „Bis endlich klare Aussagen von der Politik kommen. Bisher ist das doch nur ein hilfloses ,Herumwurschteln'.“

Der Vorsitzende des Staßfurter Gewerbevereins, der mit der Kaufmannsgilde Aschersleben gleichzog, sieht die „Politiker scheinbar auf einem anderen Stern“. Sie sollten sich nach Meinung der Unternehmer realitätsnähere Berater zulegen.

„Im kleinen Einzelhandel hier sind in der Regel keine 50 Leute im Laden“, unterstreicht Teßmer. Da sei ausreichend Platz, um sich nicht ins Gehege zu kommen. Und die Themen Schnelltests und Impfen könne man schon nicht mehr hören. „Die kriegen das einfach nicht auf die Reihe“, meint er ziemlich ungehalten.

Deshalb werden am nächsten Mittwoch wieder Kleiderstände und Auslagen die Staßfurter Steinstraße säumen, um zu zeigen, wie brisant die Lage der Gewerbetreibenden mittlerweile ist. Die Resonanz der Passanten und potenziellen Kunden sei bei der Aktions-Premiere jedenfalls sehr positiv gewesen.

Ob Geschäfte in Staßfurt und Umgebung auf Grund der Schließpolitik bereits das Handtuch werfen mussten, ist Ronald Teßmer momentan noch nicht bekannt. Dazu könne man sicher erst Mitte des Jahres etwas sagen. Je nachdem, wie sich die Umsatzeinbrüche der vergangenen Schließperioden summieren.

Die sogenannte Überbrückungshilfe 3, die nun beispielsweise für den Einzelhandel und Frisöre ab Mitte Februar greifen soll, könne man nur über Steuerberater beantragen. Aber darin sieht der Gewerbeverein auch nur wieder ein „Bürokratie-Monster“ und denkt, dass diese wohl ebenso schleppend wie die Gastronomie-Hilfen kommen dürften.

Die Vorstandsmitglieder des Gewerbevereins Staßfurt bieten aber nach wie vor an, bei solchen Fragen zu helfen.

Der Präsident der Industrie- und Handelskammer Magdeburg Klaus Olbricht hatte am Donnerstag von einer „besorgniserregenden Lage“ gesprochen und dass es der Bundes- und Landesregierung trotz aller Hilfsmaßnahmen nur bedingt gelungen sei, „einen verbindlichen und einheitlichen Umgang mit den Herausforderungen dieser Pandemie zu finden. Weder bei der schnellen Auszahlung der Hilfen, noch beim Ausbau der Digitalisierung in Verwaltung und Schulen - und auch nicht in der Risikobewertung, wie ein Wirtschaften und Leben mit dem Virus möglich ist.“

Harsche Kritik hagelte es auch aus Richtung Dehoga Sachsen-Anhalt. Die Interessenvertretung des Hotel- und Gaststättengewerbes vermisst Antworten von der Politik. Dehoga-Präsident Michael Schmidt: „Chaotische Zustände werden akzeptiert, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft wird weiterhin ausgebaut!“

Damit nehme die Politik wachsende Unruhen in Kauf und auch, „dass private Treffen in heimischen Zimmern ohne Hygienekonzepte stattfinden!“ Es würden „Stufen nach Stufen eingebaut, aber der Blick auf die eigentliche Wirtschaftslage ging Schritt für Schritt verloren!“ wettert Schmidt weiter und fordert Perspektiven. „Wir können Hygiene bei uns im Unternehmen in der Außen- und Innengastronomie! Es gibt keine Begründung mehr für ein weiteres Schließen!“

Als „Frechheit“ bezeichnet Silke von Kalnassy-Klindt von der Warmsdorfer Landgaststätte die „Lockerungs-Übungen“ für die Gastronomie. Das traditionsreiche Familienunternehmen ihrer Mutter Elsa verharrt seit den ersten Schließungen im März 2020 auch schon das zweite Mal über drei Monate in einer Gäste-los-Periode - das bedeutet insgesamt also sechs Monate keine Einnahmen. „Wenn wir den Lebensmittel-Laden nicht hätten und Miete zahlen müssten, wären unsere Geschäfte bereits am Ende“, macht die Wirtin deutlich. Kurzarbeit und die Rente der Mutter hielten das Ganze auch gerade noch so mit über Wasser.

„Wir haben doch alle Hygienemaßnahmen umgesetzt, die Kapazitäten halbiert. Und als wir geschlossen hatten, gingen die Corona-Zahlen auch nicht runter“, versteht von Kalnassy-Klindt nicht, warum das Gastgewerbe weiter hintenan steht. Und ein Außenbetrieb sei bei diesem Wetter momentan auch keine Option. „Heizpilze kann ich mir nicht leisten – und dann käme da auch der Umweltschutz noch ins Spiel“, meint die Wirtin.

Mit Vorbestellungen könnte sie derweil leben, mit der Kontrolle von Impfpässen und Coronatests nicht. „Wer soll das denn bitteschön kontrollieren? Außerdem sind wir doch gar nicht befugt, und geht das nicht auch zu weit ins Private?“ Die in Aussicht gestellten Inzidenzwert-Grenzen hält sie jedenfalls für eine Mogelpackung. „Jetzt soll verstärkt getestet werden. Was passiert dadurch? Die Infizierten werden dadurch nicht weniger.“

Zur Protest-Aktion des Staßfurter Gewerbevereins bemerkt der Staßfurter Oberbürgermeister, die sei nachvollziehbar, um auf ihre Situation öffentlich aufmerksam zu machen. Sven Wagner: „Ich würde mir für Dienstleister, Einzelhändler, Gewerbetreibende und die Branchen Gastronomie, Freizeit und Kultur planbare und verlässliche Perspektiven wünschen.“ Er könne die Bürger nur wiederholt darum bitten, von allen Möglichkeiten der Unterstützung der Gewerbetreibenden vor Ort Gebrauch zu machen. Stichwort Abhol- und Lieferdienste der Einzelhändler der Innenstadt, Mittags- oder Tageskarten der Gastronomen mit Möglichkeiten der Lieferung. Auch Imbisse hätten Angebote.

Der Gewerbeverein Staßfurt teilt unterdessen mit, dass die Abholfrist für die Gewinne aus der Adventskalender-Aktion 2020 nochmals verlängert wird, weil noch keine konkreten Öffnungsperspektiven durch Landes- und Bundespolitik zu erkennen wären. Aus diesem Grunde verschwende der Vorstand momentan auch kein Gedanke an ein Frühlingsfest am 1. Mai.

Der hofft allerdings, sich schleunigst von Telefon-Konferenzen verabschieden und endlich mal wieder zu einer Mitgliederversammlung treffen zu können.