American Football

Aus Gardisten werden Royale

Aus dem Nachwuchs der Magdeburg Virgin Guards zu den Bundesliga-Herren der Potsdam Royals: diesen Schritt wagen die beiden Talente Oskar Rüegg und Niklas Stelzig.

Magdeburg

Trotz Lockdowns hatten Niklas Stelzig und Oskar Rüegg in den vergangenen Wochen allerhand zu tun. Mit individuellem Training halten sich die beiden Talente derzeit fit, schließlich haben sie in diesem Jahr noch Großes vor: Mit den Potsdam Royals wollen sie in der German Football League (GFL), der deutschen Bundesliga, angreifen.

Zur Vorbereitung darauf bedarf es unter den aktuellen Umständen viel Eigeninitiative. „Dreimal Kraft, zweimal Schnelligkeit und Agilität“, erzählt Stelzig von seinem wöchentlichen Trainingsplan. Der nimmt neben seinen Abitur-Vorbereitungen fast jede freie Sekunde ein. Aber Stelzig sagt: „Ich weiß ja, wofür ich diesen Aufwand betreibe.“ Nämlich, um in der höchsten deutschen Liga zu spielen.

Im September vergangenen Jahres hatte er in einem Probetraining bei den Potsdam Royals überzeugen können. Seit Oktober steht fest, dass sein nächster Schritt zum GFL-Team führt. „Für mich ist das eine extrem große Chance“, sagt der ehrgeizige Stelzig. „Ich möchte mich weiter verbessern und bekomme dafür in Potsdam die allerbesten Gegebenheiten.“

Große Unterschiede zwischen Guards und Royals

Die Unterschiede zu den Virgin Guards sind riesig. „Bei den Royals ist alles professioneller aufgefahren“, erzählt Stelzig. Größerer Trainerstab, viele internationale und US-amerikanische Spieler, ein strukturierteres Umfeld. Während die Magdeburger in der drittklassigen Regionalliga Ost antreten, feierte das Team aus der brandenburgischen Hauptstadt 2018 und 2019 mit Eurobowl-Siegen internationale Titel.

Dass der Sprung aus dem Nachwuchs des Regionalligisten in die GFL zu groß sein könnte, darüber macht sich Stelzig keine Sorgen. „Ich sehe viel mehr die Chance, mich weiterzuentwickeln“, sagt er. Die größere Konkurrenz mit amerikanischen Import-Spie-lern, ein komplexeres Spielsystem und die höhere Belastung sträubt der junge Runningback nicht. „Ich weiß aber, dass es eine Umstellung wird.“

Stelzig muss sich an neues System gewöhnen

Immerhin war Stelzig im Nachwuchs der Virgin Guards ein Zielspieler, hatte im lauflastigen System beste Bedingungen und mit zahlreichen Touchdowns einen großen Anteil am Gewinn zweier Meistertitel in der Jugendoberliga Ost. In der Potsdamer Offensive wird sich der 19-Jährige nach seinem Umzug im Juni vorerst hinten anstellen müssen.

Dieses Prinzip kennt sein alter und neuer Mitspieler Oskar Rüegg schon aus dem vergangenen Jahr. Der 19-jährige Defensivspieler hatte sich nach seinem Abitur zur Saison 2020 den Royals angeschlossen, muss wegen der Corona-Pandemie und der deshalb abgesagten Vorsaison aber noch immer auf sein Debüt warten.

„Ich bin guter Dinge, dass wir im April wieder trainieren und dann in diesem Jahr auch spielen können“, zeigt sich Rüegg aber zuversichtlich. Die Unterschiede zwischen Magdeburg und Potsdam, zwischen Nachwuchs und Herren, hat er trotz der ausgefallenen Saison schon in den Trainingseinheiten ausmachen können. „Es geht wesentlich physischer zur Sache“, berichtet er.

Rüegg ist in Potsdam schon angekommen

„In der Jugend der Virgin Guards war ich gefühlt immer der größte und schwerste Spieler“, erzählt der 1,84-Meter-Hüne, der circa 125 Kilogramm „Kampfgewicht“ in die Duelle wirft. „In Potsdam sind hingegen alle noch einmal größer, erfahrener und bringen ein anderes Tempo mit.“ Doch ist sich Rüegg sicher: „Der Übergang ist mir gut gelungen.“

Auch, weil er sich in seiner Freizeit viel mit den tiefgründigen, taktischen Komponenten des Sports auseinandersetzt. Sein Wissen vermittelt Rüegg, der derzeit ein freies soziales Jahr bei den Royals absolviert und in Potsdam in einer Spieler-WG wohnt, inzwischen selbst an die Jugend weiter, ist Nachwuchstrainer im Verein. „Mir macht es viel Spaß, Wissen zu vermitteln“, sagt er und ergänzt: „Ich würde zum Wintersemester gerne ein Lehramts-Studium anfangen.“

Bis dahin hofft Rüegg, der über Feldhockey und Basketball im Alter von 16 schließlich zum American Football kam, dass er sich in ersten Bundesliga-Partien hat beweisen können. „Ich bin ein kompetitiver Mensch, möchte zeigen, was ich kann, und ständig besser werden“, sagt er beinahe übereinstimmend mit Stelzig.

USA und Kanada als nächste Ziele

Darum sehen sich beide in der GFL noch nicht an der Endstation ihrer sportlichen Träume. „Mein Ziel ist es, mich bei den Royals für eine Chance in den USA zu empfehlen“, erzählt Stelzig. Auch Rüegg lieb-äugelt mit einem nächsten Schritt nach Übersee: „Die kanadische Football-Liga CFL macht häufiger Sichtungstrainings in Deutschland. Da würde ich gerne einmal teilnehmen und mich mit der Konkurrenz messen.“

Einig sind sich die beiden 19-Jährigen auch, dass ihre Abschiede aus Magdeburg keine Entscheidungen gegen die Garde, sondern für den nächsten Schritt gewesen sind. „Ich bin den Virgin Guards sehr dankbar, dass sie mir die Liebe zum Sport nahegebracht haben und ich dort eine tolle Ausbildung genießen durfte“, sagt Stelzig. Rüegg ergänzt: „Vom ersten Tag an habe ich mich im Verein sehr wohlgefühlt, habe viele gute Freunde gefunden und ein ganz neues Teamgefühl kennengelernt.“

So wurden den Wechseln von Vereinsseiten keine Steine in den Weg gelegt, gab es ausschließlich Glückwünsche. „Die beiden sind sportlich wie auch menschlich eine echte Bereicherung für jedes Team“, sagt Virgin-Guards-Cheftrainer Harald Voelkel. „Sie zeigen eine sehr gute Einstellung auf dem Platz und sind immer bereit, an sich zu arbeiten“, lobt er und ist sich deshalb sicher: „Individuell werden sie sich weiterentwickeln und ihren Weg gehen. Alle drücken ihnen die Daumen, dass sie sich ihre sportlichen Träume erfüllen werden.“