Zur Person Julien Chavaz

Julien Chavaz ist 1982 in Bern geboren.

 

Von 2003 bis 2009 studiert er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich Agrarwissenschaften und später Dramaturgie an der Theaterhochschule Lausanne. 

Schon als Schüler entdeckt Chavaz seine Leidenschaft für die Bühne, bleibt ihr als Student treu und macht sie schließlich – nach dramaturgischer Ausbildung – zur beruflichen Herausforderung. 

Als Regieassistent arbeitet Chavaz mit Laurent Pelly in Paris, Santa Fe, Genf, Lyon und Amsterdam, mit Herbert Fritsch an der Komischen Oper Berlin und in Zürich und mit Sam Brown in Cardiff, Nancy und Luzern. 

2010 gründet Chavaz mit Jérôme Kuhn (Dirigent) im schweizerischen Freiburg die Compagnie Opéra Luise, die zunächst jährlich, später halbjährlich Musiktheaterstücke inszeniert und mit vorwiegend jungen Mitwirkenden zur Aufführung bringt. 

2018 fusioniert die Opéra Luise mit der 1983 gegründeten Oper Freiburg zur Neuen Oper Freiburg (NOF), die sich als „Produktionszentrum für darstellende Kunst“ versteht. Julien Chavaz wird Intendant. Credo der NOF sind spartenübergreifende, zeitgenössische Inszenierungen. Opéra Luise und Oper Freiburg kommen bei ihrer Fusion zur Neuen Oper Freiburg auf ein Spielzeitbudget von rund 1,1 Millionen Franken (rund eine Million Euro). 

Künstlerisch trägt Chavaz’ Schaffen eine vor allem unkonventionelle Handschrift. 2016 bringt er Buxtehudes Kantatenzyklus „Membra Jesu Nostri“ als Jugendstück „Teenage Bodies“ auf die Bühne. Seine Inszenierung der Händel-Oper „Acis and Galatea“ kommt von 2016 bis 2019 an Bühnen in der Schweiz, den Niederlanden und Frankreich zur Aufführung. 2018 inszeniert er Schostakowitschs "Moskau, Tscherjomuschki" in Paris (von „Le Monde“ als beste Produktion des Jahres nominiert). Geplant hat Chavaz unter anderem Projekte wie „Powder Her Face“ in Paris, „Cosi fan tutte“ in Lausanne, „Roméo et Juliette“ in Maastricht und „Guillaume Tell“ in Dublin.

Magdeburg l Aktuell herrscht Zwangspause auf allen Bühnen der Stadt. Während die kleinen, freien Bühnen um ihr Überleben in der andauernden Corona-Krise bangen, werden hinter den Kulissen des Theaters Magdeburg die Karten für einen anstehenden Machtwechsel neu gemischt. Nach Ende der Spielzeit 2021/22 verabschiedet sich Karen Stone als Generalintendantin in den Ruhestand. Wer folgt?

Unter 36 Kandidaten durchgesetzt

Aus einem monatelangen Findungsprozess mit eingangs 36 Bewerbern ist nach Volksstimme-Informationen der Schweizer Regisseur Julien Chavaz als designierter Generalintendant ab August 2022 gesetzt. Der 38-Jährige ist bereits im Oktober 2020 aus zwei Auswahlrunden vor einer Kommission aus Vertretern der Stadt- und Landespolitik sowie externen Beratern aus Berlin und Hamburg als Favorit hervorgegangen.

Der Betriebsausschuss des Theaters bestätigte die Vorauswahl Anfang November 2020 einstimmig. Am 27. November 2020 passierte ein noch geheimes Beschlusspapier zur endgültigen Bestimmung des Stone-Nachfolgers den Verwaltungsausschuss des Magdeburger Stadtrates. Oberbürgermeister und Theaterausschuss schlagen darin einvernehmlich die Bestellung von Julien Chavaz zum Generalintendanten des Theaters Magdeburg (zugleich Betreibsleiter des kommunalen Eigenbetriebes) für die Dauer von fünf Jahren ab August 2022 bis Ende Juli 2027 vor. Der finale Akt – die geheim abgehaltene Abstimmung über den Vorschlag im Stadtrat – ist für den kommenden Donnerstag angesetzt. Unter dem Vorbehalt der Ratszustimmung am 3. Dezember ist ein Vertrag mit Chavaz bereits ausgehandelt. So weit die Formalien.

Wie ist die Wahl auf Chavaz gefallen?

Insidern zufolge soll der Schweizer sich im persönlichen Auftritt vor der Findungskommission in Magdeburg ausgesprochen offen, zupackend und sehr leidenschaftlich präsentiert haben – mit viel Mut zur Erneuerung und zum Experiment auf der Bühne. Zudem überzeugte – wie schon 2009 bei der Bestellung der gebürtigen Engländerin Karen Stone zur Magdeburger Generalintendantin – vor allem die Weltgewandtheit seiner Vita. Als Assistent hat Chavaz mit namhaften Regisseuren an Produktionen in der Schweiz, den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und den USA mitgewirkt und in den vergangenen Jahren eigene Produktionen über die Schweiz hinaus auf die Bühne gebracht.

Kulturbeigeordnete schwärmt

Die Magdeburger Kulturbeigeordnete Regina-Dolores Stieler-Hinz geriet schon im Volksstimme-Interview Anfang November 2020 auf Nachfrage zum Votum in der von ihr angeführten Intendanten-Findungskommisson ins Schwärmen: „Es ist eine wunderbare Entscheidung. In dieser Person, deren Namen ich noch nicht preisgeben darf, spürt man die Lust auf Theater aus jeder Pore, eine große Leidenschaft und eine große Persönlichkeit, die das Potenzial hat, auch überregional auf das Theater in Magdeburg aufmerksam zu machen.“

Mutige Vorauswahl für Erneuerung

Mit Blick auf die Vita von Chavaz darf man die Vorentscheidung als mutig bezeichnen. Der studierte Agrarwissenschaftler mit glühender Theaterleidenschaft ist ein Seiteneinsteiger ins Bühnengeschäft und wohl international produktionserfahren. Erfahrung in der Leitung eines mit dem Magdeburger Theater vergleichbaren Kulturtankers (400 Mitarbeiter, 33 Millionen Euro Jahresbudget) bringt der Schweizer nicht mit. Die Neue Oper Freiburg, eine Neugründung, der er seit 2018 als Intendant vorsteht, ist keine vergleichbare Institution, sondern eine Produktionsstätte mit deutlich schmalerem Spielzeitbudget (rund eine Million Euro). An der Aufgabe, ein Stadttheater wie das Magdeburger zu leiten, müsste Chavaz vor Ort wachsen.

Chavaz selbst möchte sich auf Nachfrage der Redaktion noch nicht öffentlich zu seinen Plänen in Magdeburg äußern und bittet dafür um Verständnis. Seine Vita und künstlerische Handschrift versprechen frischen Wind auf der Bühne, unkonventionelle und spartenübergreifende Produktionen, möglicherweise auch Kooperationen mit der freien Szene. In der Schweiz ist Chavaz' Theatereuphorie in der freien Szene gewachsen. Dem Theater könnte mit dem Schweizer eine spannende neue Ära bevorstehen. Kein Weiter so! Mutig zu neuen Ufern! Genau so, sagte Stieler-Hinz bereits Anfang November, sei das Votum der Findungskommission zu verstehen.