Magdeburg l Es ist kurz vor acht am Montagmorgen am Kinder-Eltern-Zentrum in Magdeburg-Nordwest. Durchgefroren stehen Leiterin Heidrun Skowronek und eine Mitarbeiterin im Eingangsbereich vor dem Haus. Seit sechs Uhr harren sie dort aus, in dicke Jacken eingemummelt, heiße Getränke aus Thermobechern stehen auf zwei Stehtischen bereit. Fünf Kinder sind in die Einrichtung gekommen, berichtet Heidrun Skowronek, alle haben Eltern aus den sogenannten systemrelevanten Berufen – jenen Berufen, die auch in Zeiten von Corona dringend benötigt werden, in Krankenhäusern zum Beispiel oder bei Gericht und Polizei.

Als am Freitagnachmittag die Nachricht gekommen sei, dass die Kindertagesstätten und Schulen ab Anfang der Woche geschlossen bleiben, hatten Skowronek und ihr Team noch am selben Tag Gruppenlisten ausgedruckt und dort bereits farblich markiert, welche Kinder im Notfall aufzunehmen wären und welche nicht.

Problem bei Betreuung der Kinder

„Es hat auch Fälle gegeben, bei denen Eltern nicht wussten, wohin mit ihren Kindern“, sagt Skowronek. Diese hätten mit Tränen in den Augen vor ihr gestanden. Doch Skowronek musste hart bleiben und sie wieder wegschicken. Einzige Möglichkeit: Eine Bescheinigung vom Arbeitgeber, dass eine Betreuung nicht möglich und der Mitarbeiter für den Betrieb unverzichtbar ist. Diese verteilte Skowronek an betroffene Eltern. Was darauf auch steht: Dass eine Kontrolle der Angaben möglich ist. Schließlich gehe es ja um das Wohl der Kinder und letztlich aller.

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Die Kinder, die an diesem Tag gebracht wurden, erhalten eine Einzelbetreuung in getrennten Räumen. Auch das geht nicht ohne Tränen. Wie erklärt man einem Dreijährigen, dass er nicht mit dem Kind im Nachbarraum spielen darf. Eine Mitarbeiterin kommt auch mit ihrem Kind, das ohnehin in der Einrichtung betreut wird. Doch angesichts einer Schnupfnase wird auch sie wieder nach Hause geschickt und muss sich über eine andere Möglichkeit, ihr Kind betreuen zu lassen, Gedanken machen. Die übrigen Erzieher haben die Aufgabe, die Einrichtung zu desinfizieren und aufzuräumen. Dazu hat Skowronek von der Reinigungsfirma entsprechende Mittel bekommen.

Lösung mit Arbeitgeber suchen

Leere Flure gab es am Montag auch in der benachbarten Grundschule Nordwest. „Drei Kinder sind gekommen“, erzählt Jana Dittmer als kommissarische Leiterin der Grundschule. Eine Mutti sei gekommen, die nicht gewusst habe, wohin sie ihr Kind geben sollte. „Wir wissen um die Not“, sagt Dittmer. Hier müssten Lösungen mit den Arbeitgebern gefunden werden. „Gerade einen Erst- oder Zweitklässler kann man nicht einen ganzen Tag allein zu Hause lassen“, sagt sie. Als am Freitag die Nachricht von Schulschließungen kam, sei der Hort noch offen gewesen.

Viele Eltern und Kinder konnten noch angewiesen werden, Arbeitsmaterialien mitzunehmen, so dass die Kinder zu Hause an Aufgaben arbeiten können. Allerdings könnten die Eltern nicht die Arbeit der Pädagogen leisten, ist sie sich auch bewusst. Jahrgangsweise schmiedeten die Lehrer der Grundschule Nordwest gestern Pläne, welche Aufgaben in den nächsten Tagen zu Hause gelöst werden können. „Wir haben WhatsApp- und E-Mail-Verteiler“, sagt sie.

Unterricht zu Hause mit den Eltern

Auch wenn Aufgaben erteilt werden, müssten die Betreuungspersonen jedoch hilfegebend zur Seite stehen. „Wir überlegen außerdem eine Art Rückfragestunde einzurichten“, sagt Dittmer. Dennoch müssten die Eltern die Kontrollfunktion weitgehend übernehmen. Gerade für den Unterrichtsstoff der Grundschule sei dies auch möglich. Auf dem Flur ist auch die Leiterin des Elbkinderchores unterwegs, der an der Grundschule Nordwest beheimatet ist. Am Sonnabend hätten die Kinder eine neue CD aufnehmen sollen. Doch daraus wurde angesichts des Coronavirus nichts. „Das ist schon bitter“, sagt Britta Meier.

Von 168 Schülern der Grundschule Am Elbdamm sind am Montag sechs in die Schule gekommen, berichtet Nancy Kunkis als stellvertretende Schulleiterin. „Da möchte ich gern die Eltern loben, die sehr solidarisch gehandelt haben“, sagt sie. Wenn Eltern zu Hause waren, sei teilweise noch ein zweites Kind mit aufgenommen worden. Und wenn es bei Eltern Probleme bei der Unterbringung gegeben habe, dann hätten diese auch sehr verständnisvoll und freundlich nachgefragt, erzählt sie.

Lehrer stellen Aufgaben zusammen

Bereits über das Wochenende hinweg hatten die Lehrer unter Hochdruck daran gearbeitet, Aufgaben zusammenzustellen. „Wir haben dabei darauf geachtet, dass sie so aufgebaut sind, dass die Kinder sie auch allein lösen können“, erzählt Kunkis. Die Hefte und Bücher für die Kernfächer wie Mathe, Deutsch und Sachkunde hätten die Schüler bereits am Freitag mit nach Hause genommen. Die Aufgaben werden nun in Wochenplänen ins Internet gestellt. Sie hofft, dass nun auch in den Familien die Aufgaben ernst genommen werden. „Denn wir müssen ja trotzdem weiterkommen“, sagt sie. Unter anderem stünden auch die Lern-Apps zur Verfügung, mit denen gearbeitet werden könne. Per Mail können die Eltern dann auch Nachfragen zu den Aufgaben stellen.

Und wie sieht es in den weiterführenden Schulen aus? Am Geschwister-Scholl-Gymnasium ist am Montag eine Schülerin zur Schule gekommen, berichtet Schulleiter Steffen Drygalla. Sie werde betreut. Alle Lehrer seien ebenfalls vor Ort. Sie seien dabei, Aufgaben einzurichten, damit die Schüler zu Hause weiterarbeiten könnten. Das Problem sei die Dauer. Zwei Wochen Unterrichtsstoff vorzubereiten, sei unproblematisch. Danach jedoch werde es eng. „Wenn sich Schüler den Stoff anhand von Arbeitsblättern selbst erarbeiten könnten“, sagt er, „dann bräuchten wir keine Schulen mehr.“

Viele Kinder auf Spielplätzen

Und was machen nun die Eltern mit ihren Kindern? Am Wochenende sah man angesichts des schönen Wetters gut gefüllte Spielplätze. Auch am Montagnachmittag war etwa der Spielplatz auf dem Schellheimerplatz gut besucht. Im Sinne der Eindämmung des Coronavirus ist das allerdings nicht, hatte auch Oberbürgermeister Lutz Trümper bereits erklärt. Größere Gruppen von Kindern sollten vermieden werden, hatte Trümper am Wochenende an die Vernunft appelliert.

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