Magdeburg l Sie war einst Anlaufpunkt von SED-Kadern aus dem gesamten Bezirk Magdeburg. Dann kam die Wende und wenig später der Niedergang des riesigen Gebäudekomplexes. Jahrelang war der Verfall des Grundstücks im Magdeburger Norden sich selbst überlassen. Entsprechend dicht bewachsen ist es – beziehungsweise war es, denn seit einigen Tagen wird das gesamte Umfeld der ehemaligen Bezirksparteischule „Hermann Matern“ komplett gerodet.

Nach Angaben der Arbeiter vor Ort soll damit Baufreiheit geschaffen werden. Bereits seit mehreren Jahren sind Abrissarbeiten geplant. Eigentümer ist die Giebelmann Unternehmensgruppe, die in Magdeburg zahlreiche Gebäude verwaltet, darunter auch mehrere notorische Leerstände. Neben der Parteischule zum Beispiel auch das außerhalb Magdeburgs bekannte Klubhaus „Junge Talente“ neben dem Amo-Kulturhaus.

Für die Parteischule sowie das „Talente“ hatte Eigentümer Thomas Giebelmann schon vor Jahren Fördermittel für den Abriss beantragt. Im Vorjahr gab es dann den Bewilligungsbescheid aus dem Programm „Stadtumbau Ost“. Über 800 000 Euro sind dafür eingeplant: Die Hälfte zahlt der Eigentümer, die Stadt steuert 137 000 Euro bei und der Rest kommt von Bund und Land.

Bilder

Keine Auskunft zur weiteren Entwicklung

Wann der eigentliche Abbruch der Gebäude beginnen soll, ist unklar. Das Unternehmen selbst schweigt sich darüber konsequent aus. Alle Anfragen in den vergangenen Jahren blieben genauso unbeantwortet wie auch die aktuelle Bitte um Auskunft. Obwohl öffentliche Gelder in ein privates Vorhaben fließen, gibt es keine Informationen zu deren Verwendung.

Somit ist auch unklar, was mit dem Gelände passieren soll, nachdem es beräumt wurde. Zuletzt war es im Gespräch als möglicher Standort des geplanten Zoo-Aquariums. Das Vorhaben wurde aber mittlerweile ohnehin auf Eis gelegt.

Ob auch eine Wohnbebauung wie für das Haus Junger Talente angestrebt wird, ist ungewiss. Nach dessen Abriss soll ein Neubau mit 18 Wohnungen entstehen. Eine entsprechende Bauvoranfrage wurde bei der Stadtverwaltung eingereicht. Für das Grundstück der ehemaligen Bezirksparteischule gibt es etwas Vergleichbares bislang aber nicht, wie Magdeburgs Rathaussprecher Michael Reif auf Volksstimme-Anfrage erklärt.

Auf dem Gelände an der Klosterwuhne wurde Ende der 1930er Jahre zunächst eine städtische Schule errichtet. Ab 1955 wurde sie als Bezirksparteischule betrieben, in der künftige SED-Kader ausgebildet wurden. Sie war Teil des flächendeckenden Netzes von Parteischulen der SED in der DDR. Es gab sie in jedem Kreis und in jedem Bezirk.

Ausbildungsstätte für künftige SED-Kader

Hinzu kam die Parteihochschule „Karl Marx“ beim Zentralkomitee der SED in Berlin. Hier ging es besonders autoritär zu: Rektorin war von 1950 bis 1983 Hanna Wolf, die für ihre stalinistischen Führungsmethoden berüchtigt war. Sie war im Herbst 1989 die Einzige, die sich im SED-Zentralkomitee gegen die Absetzung von Generalsekretär Erich Honecker wandte.

Die Parteihochschule schlossen die Studenten nach drei Jahren mit dem Grad eines Diplom-Gesellschaftswissenschaftlers ab. Zu den Lehrfächern gehörten Marxismus-Leninismus, politische Ökonomie und Parteigeschichte. An den Bezirksparteischulen wie in Magdeburg hatten die Kader der Partei dagegen nur einjährige Lehrgänge zu absolvieren.

Die Teilnahme war für eine Karriere in der DDR entscheidender als der Abschluss. Um in Führungspositionen in Staat und Wirtschaft zu gelangen, war ein solcher Kurs nützlich, wenn nicht zwingend.

Nach der Wende erlebte die SED-Bildungsschmiede noch einmal einen Höhepunkt: Im Mai 1990 traf sich dort die erste frei gewählte Stadtverordnetenversammlung Magdeburgs. Nach der Wende wurde das Gelände unter anderem vom Theater und der Stadthallengesellschaft genutzt, bevor es an die Giebelmann-Gruppe verkauft wurde. Seitdem war es nur noch Ziel für Einbrecher und Graffiti-Sprayer.