Magdeburg l Claudia Walsleben brennt für den Karatesport. Das spürt man sofort. Ihre Augen glänzen, wenn sie über ihren Sport redet, die Begeisterung dafür quillt förmlich aus ihr heraus. Immer wieder hält es sie nicht auf dem Stuhl, sie springt auf, vollführt kräftige Armbewegungen, brüllt japanische Fachbegriffe.

Diese Begeisterung will sie unbedingt teilen. Nicht nur in ihrem Verein, dem „Hatsuun Jindo“-Karate-Club (HKC) Magdeburg-Barleben mit 500 Mitgliedern, dem sie vorsteht. Sie geht auch in Kindergärten und Schulen und gibt dort Kurse. Über den Sport möchte sie den Kindern Selbstbewusstsein geben, Koordination und Kondition trainieren – und natürlich auch den Spaß am Sport vermitteln. Auch die Arbeit mit Behinderten ist ihr sehr wichtig, wie sie sagt. An der Kükelhaus-Schule für Geistigbehinderte trainiert sie mit zwölf Schülern.

Erste Karategruppe für Rollstuhlfahrer

Jetzt hat sie Sachsen-Anhalts erste Karategruppe für Rollstuhlfahrer aus der Taufe gehoben. Auf die Idee kam sie bereits vor einigen Jahren. „Durch ein Buch, das ich entdeckt habe“, erzählt sie. „Barrierefreies Budo“ heißt dieses Buch. Budo steht für Kampfsport. Die Idee, dies auch in Magdeburg umzusetzen, ließ sie seither nicht mehr los. Bis zu jener HKC-Weihnachtsfeier 2017. Gemeinsam mit einer Mutter, deren Sohn beim HKC trainiert und die im Rollstuhl sitzt, sah sie den Kindern bei den Vorführungen zu. „Willst du nicht auch mitmachen?“, hat Claudia Wals-leben die Mutter gefragt. „Ich? Karate? Bist du verrückt?“, war deren erste Reaktion. Doch Claudia Walsleben ließ nicht locker. Jetzt war der Punkt für sie gekommen, ihre Idee umzusetzen.

Um sich Tipps aus erster Hand zu holen, fuhr sie einfach nach Thüringen – zu Sven Baum. Der Erfurter ist mehrfacher Deutscher Meister im Rollstuhlkarate. Von ihm holte sie sich Anregungen, wie die verschiedenen Übungen und Abfolgen von Schritten und Armbewegungen im Rollstuhl ausgeführt werden können.

Trainerin lernt Rollstuhlfahren

„Man braucht viel Fantasie, wie die Wendungen und Fußtritte umgesetzt werden“, sagt Claudia Walsleben. Doch allein das Abschauen reichte der Magdeburgerin nicht. Um wirklich zu verstehen und nachempfinden zu können, wie es für Rollstuhlfahrer ist, besorgte sie sich selbst einen Rollstuhl.

Mehrere Wochen lang nahm sie Unterricht, um das Handling zu erlernen. Immer wenn das Karatetraining ihrer Gruppen zu Ende, der Dojo, der Trainingsraum, leer war, setzte sie sich in den Rollstuhl und übte. So ging es Wochen und Monate. Bis es 2019 so weit war. Über die Mutter des HKC-Schülers fanden sich weitere Rollstuhlfahrer, die mitmachen wollten. Sechs Teilnehmer zählt der Kurs von Claudia Walsleben aktuell, einige Interessenten sind noch in der „Warteschleife“.

Teilnehmer legen Gürtel ab

Einmal in der Woche wird in der Halle des HKC trainiert – eine Stunde lang und intensiv. Claudia Walsleben nimmt das Training sehr ernst. Wenn sie die Übungsanweisungen gibt, ist sie so fokussiert, dass sie „wir Rollstuhlfahrer“ sagt und von den anderen als „Fußgänger“ die Rede ist. Es ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Ihr Ziel ist es, die Teilnehmer ihres Kurses so weit zu bringen, dass sie demnächst in den Trainingsgruppen der „Fußgänger“ mittrainieren und einen Gürtel ablegen – so, als ob es überhaupt keinen Unterschied macht, dass sie im Rollstuhl sitzen.

Die Begeisterung, die Claudia Walsleben bei ihrem Training versprüht, schwappt auch auf die Teilnehmer über. Mittlerweile absolvieren sie Bewegungen, von denen sie anfangs dachten, dass sie sie nie könnten. „Sie ist ein echter Kumpel. Man kann mit ihr über alles reden. Und sie nimmt sich viel Zeit – und uns den Druck, den wir uns selbst machen“, sagt Antje Bläßing. Sie ist bereits zu mehreren Trainingsstunden gekommen und hat Gefallen am Karate gefunden. Neben Kondition, Koordination und Krafttraining bleibe sie so auch „im Kopf fit“, wie sie sagt. Und sie will weitermachen. Ein erstes Ziel hat Claudia Walsleben also schon erreicht.

Alles rund um die Wahl zum "Magdeburger des Jahres 2019" finden sie hier.

Direkt zur Abstimmung geht es hier.