Magdeburg l Bryan Gribben und Boris Schimanski hocken auf der Kreuzung Leibnizstraße, Ecke Bölschestraße in der Magdeburger Altstadt. Genau an der Stelle, wo bis vor einigen Tagen noch rot-weiße Baken und eine große Baugrube die Durchfahrt versperrten. Mitte Oktober 2019 hatte es ein Leck an dem bis in vier Metern Tiefe reichenden Abwasserschacht gegeben.

Das an sich wäre kaum der Rede wert. Das Heimtückische aber war: Das Loch in der Leitung führte im Verborgenen zu einer gewaltigen Unterspülung der Fahrbahn. Ein großer Hohlraum entstand - während direkt darüber auf der Kreuzung die ahnungslosen Autofahrer rollten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte die Fahrbahn nachgegeben ... Ein Auto hätte dort locker verschwinden können, berichtet die zuständige Baufirma, nachdem sie den havarierten Schacht freigelegt hatte. Niemand durfte hier mehr fahren!

Magdeburger zeigten Verantwortung

Nun, etwa sechs Wochen später, stehen Bryan und Boris an der reparierten Kreuzung und berichten von dem Tag, der ihnen ganz sicher in Erinnerung bleiben wird. Die beiden 15-Jährigen kamen am 16. Oktober gegen 13.30 Uhr von der benachbarten Leibniz-Gemeinschaftsschule. „Da fiel uns das Loch auf der Kreuzung auf. Drei, vier Pflastersteine fehlten“, erinnern sich die beiden. Sie wollten sich das genauer ansehen, knieten sich mitten auf der Kreuzung hin und blickten hinein. „Da war nur ein schwarzes Loch“, sagen sie. Mit der Taschenlampe am Handy leuchten sie hinein: ein großer Hohlraum, sonst nichts! „Das sah richtig gefährlich aus“, meinen Boris und Bryan nachdenklich.

Sie handeln geistesgegenwärtig, wählen die Nummer der Feuerwehr. Bis die eintrifft und die nächsten Schritte in die Wege leitet, übernehmen die Schüler weiter Verantwortung, sperren die Kreuzung ab und leiten die Autos an dem gefährlichen Loch vorbei. „Wir haben ein bisschen Verkehrspolizei gespielt“, erzählen sie lachend. Das wird ihnen auch von den Behörden kaum jemand verübeln, denn sie haben mit ihrem Handeln womöglich eine Katastrophe verhindert. „Mein Papa fährt da auch jeden Tag lang. Wir wollten einfach nicht, dass irgend jemandem etwas Schlimmes passiert“, meint Boris. Schließlich seien hier nicht nur Pkw, sondern auch Transporter und Lkw unterwegs. Keiner weiß, wie lange die Fahrbahn die Last noch getragen hätte.

Autofahrer bedanken sich

Die Autofahrer, die an diesem Tag die Kreuzung passieren wollten, sahen das ähnlich. „Einige haben die Scheibe runter gekurbelt und gefragt, was los sei. Sie haben sich gefreut, dass wir sie warnen, und sich bedankt“, berichten Boris und Bryan nicht ohne Stolz. Zwei 15-Jährige, die spontan Verantwortung für völlig fremde Menschen übernehmen – das ist vorbildlich.

Und auch wenn im Alltag von Jugendlichen, die mitten in der Pubertät stecken, nicht immer alles glattläuft: An diesem Oktobertag auf der Kreuzung Leibnizstraße haben sie beispielhaft reagiert - und dafür im Nachgang einiges Lob geerntet. Ein Dankeschön und kleines Präsent gab es zum Beispiel von den zuständigen Städtischen Werken Magdeburg (SWM). Auch an der Schule wurde die gute Tat gewürdigt, wie Schulleiter Roman Schöpp der Volksstimme berichtet.

Helfen als Selbstverständlichkeit

Für Boris und Bryan, zwei beste Freunde, eine Selbstverständlichkeit. „Wir könnten doch auch mal in Schwierigkeiten geraten und wären froh, wenn wir dann Hilfe bekommen würden“, meinen sie nachdenklich.

Sie erinnern sich in diesem Zusammenhang noch an ein anderes Erlebnis aus dem vorigen Jahr. Wie so oft verbrachten die beiden gemeinsam nach der Schule die Freizeit. Sie fuhren gerade auf der Rolltreppe in einem Einkaufszentrum in der Magdeburger City, als eine ältere Dame hinter ihnen ohnmächtig wurde. „Sie fiel fast auf mich, ich konnte sie gerade noch festhalten“, erzählt Boris. Bryan lief die Treppe runter und drückte, so schnell er konnte, die Stopp-Taste. Dann riefen sie Hilfe.

Erfolgreicher Nachwuchsboxer

Ganz anders als drei erwachsene Männer, die hinter ihnen auch auf der Treppe gestanden hätten. „Die haben gar nicht reagiert“, sagen Boris und Bryan mit einigem Unverständnis. „Man muss doch helfen, wenn man kann“, betonen sie. Genau so wenig verstehen sie die Gaffer, die nach Unfällen untätig blieben. Wenn wirklich jemand Hilfe für Leib und Leben benötige, sollte jeder eingreifen, so finden sie. „Wir würden das immer wieder machen“, betonen die beiden, die in ihrer Freizeit gern durch den Stadtpark schlendern oder Fußball spielen. Häufig ist noch ihr Kumpel Hung dabei. Boris steht außerdem mehrmals in der Woche im Boxring, war schon zweimal Sachsen-Anhalt-Landesmeister und boxte sich auf den dritten Platz bei der Deutschen Meisterschaft in der Gewichtsklasse bis 45 Kilogramm. Auch darauf kann er stolz sein.

Zurück zur Baustelle an der Leibnizstraße. Das Leck ist inzwischen geflickt, der Hohlraum verschwunden und das Pflaster neu verlegt. Nichts erinnert mehr an das bedrohliche Loch unter der Straße. Zwei wachsamen jungen Magdeburgern ist es zu verdanken, dass hier niemand zu Schaden kam - ein guter Grund für die Nominierung zum „Magdeburger des Jahres 2019“.

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