Magdeburg l Johan Schneidewind erinnert sich noch genau an jene Chemiestunde an einem Freitag, Anfang Februar 2019. „Ich bin mit meinem Banknachbarn zusammen aufgestanden und wir haben gesagt, wir gehen jetzt demonstrieren.“ Das Ganze hat Vorgeschichte und Nachspiel.

„Heiligabend 2018 saßen wir in der Familie zusammen, da habe ich meinen Eltern gesagt, ich würde mich im neuen Jahr gerne politisch beteiligen.“ Greta Thunberg ist da längst im Klimastreik. Ihre Anhängerschar wächst. Johans Eltern sind skeptisch bis zugewandt. „Mein Vater war gegen den Schulstreik. Meine Mutter hat gesagt, sie steht hinter mir.“

Die Ersten bei der Demonstration

Im neuen Jahr überlegt der Magdeburger Gymnasiast: Was tun? „Ich wollte einen Lehrer fragen, ob er uns erklären kann, wie eine Demo organisiert wird.“ Dass es dazu nicht kam, mag am Ende besser so sein. Besagter Lehrer gehört, wie sich später erweist, nicht zu den Fans der jugendlichen Future-Bewegung. „Dann habe ich gehört, dass es in Magdeburg die erste Demo auf dem Domplatz geben soll. Und weil ich immer überall eine halbe Stunde zu früh bin, waren wir die Ersten auf dem Platz.“

Dazwischen lag besagter Abgang aus dem Unterricht. Danach ging alles Schlag auf Schlag. Johan stieg voll ein. „Ich habe die Öffentlichkeitsarbeit übernommen.“ Die wird sich schnell ausweiten. Mit Nichtstun hatte Johans Schulstreik tatsächlich nichts zu tun, im Gegenteil. Der damals 18-Jährige bezieht Stellung vor Radiomikrofonen und in TV-Diskussionen, führt Gespräche mit Landes- und Kommunalpolitikern, schlägt mit anderen Schülern zu Bürgerfragestunden im Stadtrat auf, verfolgt stundenlange Debatten, erarbeitet Forderungskataloge auch an die Stadtpolitik: Ökostrom als Normalfall, kostenloser Nahverkehr als Langziel, bessere Radwegeverbindungen, überall Grün und Solar aufs Dach ... Die Stadt hat eben erst Stellung zur Liste der Jugendlichen bezogen. Teile der Forderungen sind oder werden umgesetzt, andere nicht. „Ich denke, dass die Fridays-for-Future-Bewegung eine Art Weckruf war.“

Sticheleien und Drohungen

Auf den Aufwind folgt Ernüchterung. „In der Schule haben mich Lehrer und auch Mitschüler spüren lassen, dass sie nicht hinter der Bewegung stehen.“ Anfangs seien es Witzeleien gewesen, aber die uferten aus. „Auch manche Lehrer haben aus meiner Sicht die Grenze zwischen Humor und Ernst überschritten.“ Mit Fragen, ob er jetzt auch „Thursdays for Future“ mache zum Beispiel, nach einer Krankmeldung am Donnerstag. „Oder ob ich wieder schöne Transparente gemalt hätte.“ Nicht zuletzt kritisierte auch Sachsen-Anhalts Bildungsminister den Streik – in Magdeburg trafen sich Schüler damals nur alle zwei Wochen und ab der Mittagszeit – als Verletzung der Schulpflicht und forderte Schulen auf, Protokoll über fernbleibende Schüler zu führen. „Da ist auch mein Vater wütend geworden und hat mich bestärkt, jetzt erst recht weiterzumachen.“

Auf die Sticheleien in der Schule folgten heftige Attacken. Mehr und mehr wurden Greta Thunberg und ihre Sympathisanten zum Feindbild für Teile der Gesellschaft. „Ich bekam beleidigende und drohende E-Mails und Nachrichten, natürlich anonym. Manchmal waren auch Bilder von mir dabei“, erzählt Johan.

Bei Fridays for Future zurückgezogen

Der Beruf seines Vaters – er arbeitet im Vertrieb von Lkw – sei ihm zum Vorwurf gemacht worden, ebenso wie ein Hobby, dem er bis zum zwölften Lebensjahr frönte – dem Motocross. Wegen der Anfeindungen, weil er dem Schulstreikalter entwachsen ist (das Abitur steht im Frühjahr an) und auch, weil ihm manche Demo-Parole inzwischen zu radikal sei, hat sich Johan aus der ersten Reihe bei Fridays for Future zurückgezogen und seinen Einsatz auf der Straße in den Umweltausschuss verlegt. Die Sozialdemokraten haben den Schüler als sachkundigen Einwohner bestellt.

„Ich bin politisch sehr viel interessierter geworden, kein Tag, an dem ich nicht die Nachrichten verfolge.“ Auch habe er einige Vorurteile abgelegt. „Ich dachte am Anfang, die (Politiker – d. Red.) machen gar nichts für den Klimaschutz. Das stimmt so nicht.“ Auch die ersten Besuche im Umweltausschuss seien überraschend gewesen. Wie komplex die Beratungen über jeden einzelnen Bebauungsplan sind, wie zahlreich die Tagesordnungspunkte jeder einzelnen Sitzung und wie mühsam allein das politische Geschäft in der Kommune, das musste Johan lernen und erkennt doch Sinn darin. „Wenn wir in einem Baugebiet Steingärten verhindern, mag das nicht viel bringen, aber in ganz Magdeburg ...“

Nach dem Abitur wird studiert

Nach dem Abitur will Johan in Magdeburg Wirtschaftsingenieurwesen studieren. „Nachhaltige Logistik ist als Spezialisierung interessant. Und sehr wichtig für den Klimaschutz.“

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