Magdeburg l „Wir haben uns informiert und Schulen besucht, Schulwege bedacht, waren zu Tagen der offenen Tür. Wozu das alles?“, fragt Anja Fröse. Ihr Sohn besucht aktuell eine 4. Klasse der Grundschule Am Brückfeld in Magdeburg. Editha- und Hegelgymnasium hießen seine Wunschschulen ab Klasse 5. Nachdem er bei „Editha“ (Erstwunsch) durch den Lostopf fiel, kam er bei „Hegel“ erst gar nicht mehr hinein. Im Losverfahren werden nur die den Eltern abverlangten Erstwünsche berücksichtigt.

Angeboten bekam Anja Fröse für ihren Sohn schließlich einen Platz im Olvenstedter Einsteingymnasium. Das laufende (Tunnel) und anstehende (Brücke) Baugeschehen auf dem Schulweg aus Ostelbien nach Olvenstedt vor Augen, schüttelte die Mutter den Kopf. „Mein Sohn war sehr enttäuscht. Ich konnte nur sagen, ich kann’s nicht ändern.“

Magdeburger muss auf Privatschule

Sie stellte dennoch einen aussichtsarmen Härtefallantrag (noch unentschieden), konsultierte einen Anwalt, setzte alle Hebel in Bewegung auf der Suche nach Alternativen – und stieß auf das in Gründung befindliche freie Stiftungsgymnasium, das zum Schuljahr 2018/19 in der Agnetenstraße eröffnet. „Das kostet Schulgeld und als Alleinerziehende muss ich auf Ausgaben achten, aber es geht und wir sind erleichtert.“

Fröses Sohn wird also wider Willen Privatschüler, weil die öffentliche Versorgung mit Plätzen an Schulen gerade im ostelbischen Raum, aber auch in der Altstadt von Magdeburg mangelhaft ist.

Kaum Schulen in Ostelbien

Neben den Sport-Spezialschulen steht Kindern östlich der Elbe ab Klasse 5 nur eine Schule zur Verfügung – die Thomas-Mann-Gemeinschaftsschule, die sich den Backsteinbau an der Cracauer Straße mit der Grundschule Am Elbdamm teilt. Zwar soll die Grundschule in einen Neubau umziehen, um Platz für beide zu schaffen, aber bis der steht, geht Zeit ins Land. Noch gibt es nicht mal einen amtlich benannten Bauplatz.

Die Thomas-Mann-Schule nimmt bis dato zwei 5. Klassen auf; 2018 insgesamt 48 Schüler. Dem stehen jährlich Abgänger aus sechs 4. Klassen an drei komplett ausgelasteten ostelbischen Grundschulen gegenüber.

Kein Losglück, kein Platz

Die Tochter von Juliane Kreuter besucht bis Schuljahresende die Elbdamm-Grundschule. „Hegel-Gymnasium oder Mann-Schule waren danach unsere Wünsche“, berichtet Kreuter und von einer Pleite auf ganzer Linie – kein Losglück, kein Platz bei „Mann“. Die Tochter soll nun auf amtliche Weisung, aber alles andere als begeistert, ebenfalls den Weg ins Einsteingymnasium antreten.

Dort trifft das Mädchen auf die Tochter von Jennifer Heinemann, die gar kein Gymnasium besuchen sollte und wollte, aber dennoch aus Westerhüsen zu „Einstein“ nach Olvenstedt anreisen wird.

Bildungsweg der Tochter versaut

„Meine Tochter wollte zur Sportsekundarschule, hat aber den Aufnahmetest nicht geschafft. Leider habe ich die Schule als Erstwunsch angegeben und damit das Losverfahren für unseren Zweitwunsch, die Franckeschule in Reform, verpasst. Nach den Ablehnungen flossen Tränen und immer wieder ging mir durch den Kopf, du hast deiner Tochter den Bildungsweg versaut.“

Beim Stadtelternrat melden sich reihenweise frustrierte Eltern mit ähnlichen Erfahrungen. „Schon seit Jahren müssen die Plätze am Hegelgymnasium und an der IGS Willy Brandt verlost werden, dann kamen die Thomas-Mann-Schule und in diesem zwei weitere Gemeinschaftsschulen und das Edithagymnasium dazu“, berichtet Tim Liebe, seit Jahren im Elternrat aktiv, heute als Vorsitzender.

Rüge für Kommunikationspolitik

518 Kinder wurden für das kommende Schuljahr per Los verteilt. Liebes Stellvertreterin Annette Kirstein rügt die schlechte Information der Eltern. Viele trifft die Abweisung an beiden Wunschschulen aus heiterem Himmel – Ausnahmezustand für die Familien.

Das Problem droht sich auszuwachsen. Die Zahl der vor dem Schulwechsel stehenden Viertklässler wächst – von rund 1900 zum nächsten Schuljahr auf mehr als 2200 schon 2021, Tendenz weiter steigend. Die Stadt Magdeburg plant die Erweiterung von drei Gemeinschaftsschulen, wartet auf Fördergeld für den Ausbau des Editha-Gymnasiums und hat für die absehbar überlasteten Integrierten Gesamtschulen noch gar keine Lösung parat. Eltern, deren im Schnitt zehnjährigen Kindern Schulwege durch die ganze Stadt zugemutet werden, erachten die Pläne als viel zu dürftig.