Magdeburg l Knietief steht Richard Thonke in grauem Schlamm, watet durch eine dunkle, rostige Röhre. Festgehalten auf einem Foto. Seine Frau hat es aufgenommen.

In seinen Gedanken war der 78-Jährige plötzlich wieder der kleine Junge, der mit seinen Eltern in dem Bunker Schutz vor dem Bombenhagel gegen Ende des Zweiten Weltkriegs suchte. Vor 74 Jahren in Fermersleben.

Bunker nach Krieg zugeschüttet

Der Bunker unterhalb der Randauer Straße in Magdeburg, einer von mehreren entlang des Elbufers im Südosten, verschwand nach dem Krieg buchstäblich in der Versenkung. Alles wurde zugeschüttet, überwuchert.

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Durch Bauarbeiten am östlichen Elberadweg sowie an einer geplanten Treppe für Spaziergänger wurde der Bunker aber dieser Tage (wieder-)entdeckt. Erst sei auf dem Weg Erde abgesackt, sagt Thonke, der ganz in der Nähe einen Bungalow hat. „Kinder haben da gespielt, ich habe die Polizei gerufen, damit die Stelle erst einmal abgesichert wird.“ Kurze Zeit später sei dann der komplette Eingang zum Bunker freigebaggert worden.

Magdeburger geht rein

„Als die Bauarbeiter weg waren, bin ich runtergemacht“, erzählt er in Magdeburger Mundart. „Ich hatte erst Bedenken, den Bunker zu betreten. Aber dann dachte ich: Du musst da noch mal rein.“

Er stieg in den früheren Luftschutzraum ein. „Sofort kamen die Gedanken daran wieder, was ich hier erlebt habe. Die Knallerei, das Schreien der Kinder“, erzählt er.

Bunker als Letzter betreten

„1945, als der große Bombenangriff war, haben wir in der Randauer Straße 6 gewohnt. Mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich sind dann über den Park in den Bunker reingelaufen“, erinnert sich der 78-Jährige: „Der Bunker wurde aber überwacht durch einen Obmann mit schwarzer Uniform. Jedenfalls waren wir die letzten vier Personen, die diesen Bunker betreten durften, dann war Schluss. Nach dem Bombenangriff wollten wir wieder raus, konnten aber nicht, weil vor dem Eingang mehrere Tote lagen, denen beim Angriff die Lungen zerrissen wurden. Wir sind durch den Hintereingang raus. Meine Eltern haben mich gleich vorbeigeschoben, damit ich die Toten gar nicht sehe.“

Der Mann aus Magdeburg-Fermersleben erzählt von „Weihnachtsbäumen“. So wurden Leuchtbomben genannt, die vom Himmel segelten. „Die Industrie sollte zerstört werden. Doch durch Windeinwirkung sind die Weihnachtsbäume alle Richtung Elbe geflogen. So hat man die Elbe bombardiert. Am Ufer waren später jede Menge Bombentrichter zu sehen.“

Nach dem Krieg alles verfeuert

Wie viele Menschen im Luftschutzraum ganz in der Nähe seines Elternhauses in der Randauer Straße 6 Zuflucht fanden, kann der damals Fünfjährige nicht sagen. „Ich schätze mal, es waren wenigstens 100 Leute drin, alle Altersklassen, viele Kinder, die haben geschrien und Angst gehabt. Das war furchtbar, man darf gar nicht dran denken.“ In dem kreuzförmigen Bunker hätten selbst gezimmerte Bänke gestanden. „Nach dem Krieg haben wir sie verfeuert, weil wir kein Brennholz hatten“, erinnert sich Thonke.

Mit seiner Familie sei er dann bis Kriegsende evakuiert worden: „Wir kamen im Umland in Druxberge unter.“

Bierflasche als Andenken

74 Jahre später die Rückkehr an den Ort, der ihm und seiner Familie das Leben rettete. „Ich bin bis zu der Kreuzung in der Mitte gewatet. Da lag noch eine alte Bierflasche, die habe ich als Andenken mitgenommen“, sagt er. Andere Überlebende kenne er nicht. „Die meisten leben nicht mehr.“

Auf großes Interesse stieß der Fund des Bunkers auch bei Rudolf Herfurth von der Interessengemeinschaft „Altes Magdeburg“, selbst waschechter Fermersleber, Jahrgang 1949: „Ich wusste davon nichts und finde es schade, dass inzwischen schon wieder alle Spuren beseitigt wurden“, sagt der Hobby-Heimatforscher. Der Eingang wurde zugemauert, der Bunker teilweise mit Beton verfüllt, alles mit Erde überschüttet. Richard Thonke stimmt ihm zu: „Den Eingang hätte man verschließen, aber sichtbar lassen sollen.“ So hätte ein Denkmal für die Nachwelt entstehen können. Zeitzeugen wie ihn werde es in der Zukunft schließlich nicht mehr geben.