Magdeburg l Auf einer mausgrauen Filzunterlage wurde er am Dienstag der Öffentlichkeit präsentiert. Magdeburgs Stadtarchivleiter Christoph Volkmar berührte das bräunliche Papier mit Otto von Guerickes Handschrift nur sehr vorsichtig mit weißen Handschuhen. Das, was im Stadtarchiv voller Stolz gezeigt wurde, ist ein bislang unbekannter Brief Otto von Guerickes an den Rat der Stadt Magdeburg. Datiert ist das Schreiben auf den 27. August 1648.

„Das ist ein wunderbarer Fund, der eine weitere Lücke im Gedächtnis der Stadt Magdeburg schließt“, zeigte sich Matthias Puhle, Beigeordneter für Kultur, Schule und Sport, ganz begeistert von dem 371 Jahre alten Schreiben. Nach dem Fund des ältesten eigenhändigen Schreibens Otto von Guerickes im Rahmen des Forschungsprojektes „Magdeburger Spuren“ im vergangenen Jahr konnte das Stadtarchiv nun einen Brief des berühmten Sohnes der Stadt Magdeburg aus den letzten Tagen des Dreißigjährigen Krieges sogar im Original erwerben.

Förderverein stieß auf die Auktion

Dass es so kam, ist einem glücklichen Umstand zu verdanken. Bei Recherchen im Internet sind Mitglieder des Fördervereins „Freunde des Stadtarchivs“ auf eine Kunstauktion in Zürich gestoßen. Hier wurde der Brief zum Kauf angeboten. „Für uns war es ein Glücksfall, dass wir frühzeitig davon erfahren haben“, erklärte Christoph Volkmar. So hatte das Stadtarchiv die Möglichkeit, noch vor der Auktion Geld zu sammeln und mitbieten zu können. Finanzielle Hilfe kam von der Kloster Bergeschen Stiftung und dem Förderverein. Mit einem schriftlichen Gebot beteiligte sich das Stadtarchiv – und bekam letztlich den Zuschlag. Weniger als 20 000 Euro habe man inklusive aller anfallenden Gebühren dafür bezahlt, hieß es.

Bilder

„Die Korrespondenz ermöglicht uns nicht nur weitere Einblicke zu Otto von Guericke, sondern auch in die Umstände der damaligen Zeit“, so Christoph Volkmar. Das Schreiben zeigt den Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke auf einer Friedensmission. Im Sommer 1648 geraten die Verhandlungen um den Westfälischen Frieden ins Stocken. Schwedische Truppen marschierten an Magdeburg vorbei gen Süden. In der schwer zerstörten Stadt hält man den Atem an. Am 25. August wird Bürgermeister Otto von Guericke nach Zerbst geschickt, um mit dem schwedischen Oberbefehlshaber und späteren König Karl Gustav zu verhandeln. Guerickes Auftrag ist einfach. Er soll von den Schweden die Garantie erwirken, Magdeburg nicht noch einmal zum Kampfschauplatz zu machen.

In dem einseitigen Brief an den Rat der Stadt schreibt von Guericke unter anderem, dass er noch nicht vorgelassen wurde, da zunächst Fürsten und Grafen mit ähnlichen Absichten beim schwedischen Oberbefehlshaber vorsprechen. Er berichtet in dem Schreiben aber auch, dass er während der Zeit des Wartens so das eine oder andere Neue von den Friedensverhandlungen erfahren habe, so Christoph Volkmar. Einige Tage hat von Guericke in Zerbst ausharren müssen, bekam letztlich aber die Garantie, dass Magdeburg nicht angegriffen werde.

Otto hatte ein "dynamische" Handschrift

Das Schreiben an den Rat beinhaltet jedoch noch etwas, was den Menschen Otto von Guericke zeigt: Am Ende des Briefes findet sich ein PS, ein Postskriptum, das auch heute noch gebräuchlich ist, um einen Zusatz nach dem bisher Geschriebenen zu markieren. In diesem PS geht es darum, dass er darum bittet, dem Brief beigelegte Schreiben seiner Mutter zu übergeben, damit sie diese nach Hamburg schicke. Es ging wohl um private Geschäfte, die zu erledigen waren, meint Christoph Volkmar.

Mit dem Lesen des Briefes hatte der Archivleiter so seine Schwierigkeiten, wie er selbst sagt. „Der Brief ist recht schnell und dynamisch geschrieben“, umschreibt Volkmar ganz diplomatisch, dass von Guericke sich nicht unbedingt Mühe gegeben hatte. Gleichwohl er die damals übliche Höflichkeit beibehielt. Allein die ersten vier Zeilen des Briefes sind reine Anrede des hochverehrten Rates etc.

Gemeinsam mit der Otto-von-Guericke-Gesellschaft will Christoph Volkmar ein Transkript des Briefes fertigen, damit Interessierte und Forscher den Wortlaut auch gut lesen können. Möglicherweise in einer der nächsten Veröffentlichungen der Guericke-Gesellschaft könnte der Text abgedruckt werden, wie Vorsitzender Mathias Tullner sagte.

"Autogrammjäger" hatten den Brief

Bei all dem, was man in dem Brief bereits lesen und daraus ableiten kann, so birgt er doch noch ein Geheimnis. „Wie der Brief nach Zürich kam, ist unklar. Da können wir nur mutmaßen. Es ist jedoch möglich, dass der Brief sich bereits einmal im Besitz des Magdeburger Stadtarchivs befunden hat und irgendwann auf nicht legale Weise verschwunden ist“, so Christoph Volkmar. „Abheftlöcher“, die später wieder verschlossen worden sind, lassen die Vermutung zu.

Ottos Brief jedenfalls wanderte offenbar durch mehrere private Sammlungen. Autographen-Liebhaber, also Sammler von eigenhändigen Schriften berühmter Persönlichkeiten, haben wohl den Brief mit der Unterschrift des berühmten Otto von Guerickes in ihren Sammlungen bewahrt. Und damit auch jeder weiß, um wen es sich denn bei dem Schreiber handelt, hat jemand auf Französisch ganz klein am unteren Rand des Briefes notiert: „Otto von Guericke, Erfinder der Luftpumpe“.

Nun ist der schriftliche Schatz wieder im Stadtarchiv Magdeburg angekommen und wird in den Bestand mit weiteren Korrespondenzen Guerickes aufgenommen.