Magdeburg l Weihnachtsmärkte, Festtagsessen, Naschereien und Silvesterparty. Die Feiertage zum Jahresende gehen häufig nicht spurlos an uns vorbei. Nach endlosen Festmahlen kneift die Hose, und alljährlich steht das schlechte Gewissen mit guten Neujahrsvorsätzen vor der Tür. Nicht selten scheint das Völlegefühl aus dem Magen geradewegs auf die menschlichen Hüften zu wandern. Viele sind mit einem solchen Wachstum an Schenkeln und Hüften unglücklich. Die Volksstimme hat Experten aus Magdeburg befragt, was in Sachen „Speck-weg“ zu tun ist.

Ernährung im Blick

Dr. Ronald Biemann vom Institut für Klinische Chemie und Pa­thobiochemie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg sagt: „Zum Thema Weihnachtspfunde gibt es viele wissenschaftliche Studien.“ Im Durchschnitt werde die saisonale Gewichtszunahme auf 0,2 bis ein Kilogramm geschätzt. Bei jedem Einzelnen kann das natürlich sehr stark variieren. „Studien zeigen aber auch, dass das individuelle Gewicht einer Art Jahreszyklus unterliegt.

Daher auch der Ausspruch, dass man nicht zwischen Weihnachten und Neujahr, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten zunimmt“, verdeutlicht der Experte. Viel kritischer als das Verhalten während der Feiertage sei das nach den Festtagen. „Die Balance ergibt sich aus einer Gewichtsabnahme, welche sich über das gesamte restliche Jahr verteilen sollte. Bleibt diese aus, dann kommen von Fest zu Fest jeweils ein paar Gramm Speck hinzu und das Gewicht schaukelt sich über die Jahre langsam nach oben“, zeichnet Ronald Biemann den Weg des Weihnachtsspecks nach.

Nie über die Sträbge schlagen

Den meisten Menschen falle es leichter, das Gewicht zu halten, als nach zügellosen Tagen wieder Gewicht abzunehmen. Daher empfiehlt es sich, insbesondere an Feiertagen nicht zu sehr über die Stränge zu schlagen. Hohe Kalorienaufnahme und schwer verdauliche Festtagsgerichte führen zu einem enormen Verdauungsaufwand, welcher schlapp und müde macht. Folgen sind häufig Völlegefühl, Sodbrennen und Magenschmerzen.

Doch auch jetzt nach den Festtagen ist noch nicht aller Tage Abend. Um die Pfunde nach den Festtagen wieder in den Griff zu bekommen, ist zunächst Kontrolle wichtig, damit das Gewicht nicht aus dem Ruder läuft. Wichtig ist auch, täglich rauszugehen. Spaziergänge oder Ausflüge mit dem Fahrrad bieten sich dazu an. Wenn diese Ernährungstipps mit einem regelmäßigen moderaten Sportprogramm kombiniert werden, lassen sich die Polster noch schneller schmelzen.

Vegiday für die Figur

Und auch beim Essen gibt es wichtige Regeln: Zwischendurch sollten Tage ohne Fleisch und Fett, dafür aber mit viel Obst und Gemüse eingeschoben werden. Frischer Salat und Gemüsesuppe bieten sich für die Mahlzeiten an. Pro Tag sollte es nicht mehr als drei Mahlzeiten geben, zwischen denen mindestens drei Stunden Pause liegen. Man sollte langsam und nicht über den Sättigungsgrad hinaus essen. Wichtig ist auch, Süßigkeiten wegzustellen, um unkontrolliertes Naschen zu vermeiden. Zudem lohnt es sich, auf Alkohol zu verzichten, da dieser viele Kalorien enthält und hungrig macht.

Roman Stutzki ist Convinienleiter der Slow-Food-Bewegung in Magdeburg. Er teilt die Einschätzung, dass die Weihnachtszeit und Körpergewichtsabnahme wohl ein Widerspruch in sich sind und dass das Problem eher zwischen dem Neujahrstag und dem Weihnachtsfest entsteht. „Pfunde über 360 Tage leichtsinnig angesammelt, bekomme ich durch eine Null-Diät über Weihnachten nicht korrigiert“, macht er klar. Als „Slow Foodie“, die den bewussten Genuss regionaler und fair produzierter Produkte propagieren, sieht er in der Esskultur einen wichtigen Beitrag zur gesunden Ernährung.

Dies biete eine Gelegenheit, das Gefühl der Gemeinschaft und Verbundenheit zu unterstützen. Er berichtet: „Wir pflegen eine Tischkultur: ein schön gedeckter Tisch mit Gebasteltem, vor dem Essen mit allen gemeinsam zusammengestellt, ohne Hektik, Handy und TV.“ In Hast und Eile, ohne Würdigung und Dankbarkeit für das, was auf dem reich gedeckten Tisch steht, sei der Gedanke von Slow Food nicht denkbar. Die Überzeugung von Roman Stutzki: „Masse durch Klasse austauschen, sich Zeit nehmen und Spaß haben – auch das beeinflusst am Ende eines Tages und auch des Jahres das Körpergewicht.“

Kurse beim Gesundheitsamt

Dr. Eike Hennig, Leiter des Magdeburger Gesundheits- und Veterinäramts, verweist auf Hilfsangebote für Menschen, die abnehmen möchten. Das Amt in der Lübecker Straße 32 bietet eine kostenlose Beratung über ausgewogene und gesunde Ernährung an. Vom 7. bis 11. Januar werden Anmeldungen entgegengenommen.

Für die kostenfreien Beratungsgespräche im Magdeburger Gesundheits- und Veterinäramt können Interessierte telefonisch unter den Rufnummern 0391/540 60 72 und -60 73 oder per E-Mail an Claudia.Ziese@ga.magdeburg.de einen Termin vereinbaren. Der Amtsleiter sagt: „Wir würden uns freuen, wenn mehr Menschen unsere Kurse oder zum Beispiel die Angebote der Krankenkassen nutzen würden.“ Ein Blick in die Statistiken zeige, dass viel zu viele Menschen mit einem zu großen Gewicht auch in Magdeburg unterwegs sind.

Einzeltherapien und Gruppenkurse

Angeboten werden Gruppen- und Einzeltherapien. Eike Hennig erläutert: „Nur zehn Prozent einer Gewichtsreduktion macht das Wissen aus – 90 Prozent sind Motivation.“ Und in dieser sieht er die Stärke der Gruppenangebote: „Der Austausch über erste Erfolge bringt viel. Man kann sich über gute wie schlechte Erfahrungen austauschen, kann geeignete Rezepte weitergeben. Der große Vorteil ist, dass man unter Gleichgesinnten ist.“

Die Einzeltherapien seien hingegen für jene geeignet, die sich vor einer Gruppe scheuen, auch wenn diese Vorteile bringen kann. „Daneben sind Einzelveranstaltungen natürlich für jene geeignet, die zum Beispiel aufgrund ihrer Arbeit keine Möglichkeit haben, an den feststehenden Terminen für die Gruppen teilzunehmen.“ Die Einzelgespräche umfassen je nach Bedarf und Wunsch bis zu zehn individuelle Termine.

Wer die Gewichtsreduktion in einer Kleingruppe bevorzugt, hat die Möglichkeit, ab dem 16. Januar an zehn Kursterminen – jeweils mittwochs 10 Uhr – mitzumachen.

Riskante Hilfsmittel

Anna-Kristina Mahler ist Sprecherin der AOK Sachsen-Anhalt und weist auf die Risiken hin, wenn es ums Abnehmen mit Hilfe von Nahrungsergänzungsmitteln oder medizinischen Produkten geht. „Gibt man in der Suchmaschine im Internet ,schnell Abnehmen‘ ein, wird man von Einträgen zu unzähligen, wundersamen Schlankmachern bombardiert. Da liest man dann solche unglaublichen Werbe-Versprechen wie: ,In einer Woche sieben Kilo abnehmen!‘“, berichtet sie. Doch der Nutzen der frei verkäuflichen Nahrungsergänzungsmittel und Medizinprodukte, die es oft auch in Apotheken und Drogerien gibt, sei nicht erwiesen. „Im Gegensatz zu Arzneimitteln, wurde ihre Wirksamkeit nicht in klinischen Studien getestet. Von solchen Hilfen zum Abnehmen halten wir rein gar nichts“, so die Sprecherin der AOK Sachsen-Anhalt.

Und auch von Arzneimitteln, die nicht vom Arzt verschrieben wurden, „Schlankmachern“ oder gar Abführmitteln zum Abnehmen, rät die Krankenkasse ausdrücklich ab.“ Jede Pille, jedes Mittel sei eines zu viel. Man müsse immer bedenken, dass jedes Mittel im Körper bestimmte Wirkungen, aber auch Nebenwirkungen entfaltet. „Diese belasten den Stoffwechsel, Nieren und andere Organe. Solange etwas nicht ausdrücklich vom Arzt verschrieben wurde, sollte man genau abwägen, ob man seinem Körper das zumuten will“, so Anna-Kristina Mahler. Mit gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung lasse sich viel gesünder, wirksamer, preiswerter und langfristig erfolgreicher abspecken. Eine Ausnahme sei, wenn es um extremes Übergewicht geht. Unbedingt müsse die Nutzung von Medikamenten aber mit dem Arzt abgesprochen werden.

Schwangere sollten überhaupt keine Diät machen und schon gar keine Medikamente zum Gewichtsverlust einnehmen.

Wer dem Hüftspeck ohne die passende Einstellung zu Leibe rückt, bekommt es mit dem „Jo-Jo-Effekt“ zu tun: „Wer in einem kurzen Zeitraum, sagen wir in etwa drei bis vier Monaten, fünf bis zehn Prozent oder gar mehr abnimmt und dann wieder viel zunimmt, riskiert gesundheitliche Folgen wie ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck“, so Anna-Kristina Mahler. Kleinere Schwankungen von bis zu zwei Kilo in einem längeren Zeitraum seien meist unbedenklich.