Magdeburg l Ein Picknick im Park, ein Grillabend oder einfach nur ein gemütliches Beisammensein an der Feuertonne. Im Zuge der Corona-Krise ist dies nicht mehr ohne weiteres möglich. Gerade Familien mit Kindern, die weder Balkon noch Hof haben, leiden unter den Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen der vergangen8en Wochen. Die Unsicherheit, dass selbst nach Lockerung der Auflagen die Beschränkungen bei Aufflammen der Infektionsrate wiedereingeführt werden könnten, lässt viele nach Alternativen suchen. Wohin, wenn man nirgends mehr hindarf? Zunehmend lautet die Antwort: in den Garten.

Der Verband der Gartenfreunde in Magdeburg verzeichnet im Zuge der Corona-Krise einen deutlichen Zuwachs an Familien und jungen Leuten. Eine Verjüngungskur, die dem Kleingartenwesen gut tut. Denn inzwischen sind in Magdeburg gut 19 Prozent der Pächter älter als 81 Jahre. Knapp die Hälfte sind zwischen 61 und 80 Jahre. Die unter 40-Jährigen machen nur 7 Prozent unter den Kleingärtnern aus. Durch die Corona-Krise könnte sich nun hinsichtlich der Altersstruktur im Kleingartenwesen einiges tun.

Hohes Interesse an Pachtgarten

Allein in den vergangenen zwei Wochen seien sechs Pachtverträge geschlossen worden, Tendenz steigend. Etliche haben bereits ihr Interesse an einem Pachtgarten bekundet, erzählt Verbandschefin Ute Simon. Klar, eine Entwicklung, die sie sehr freut. Junges Leben in den Gärten sei besser als Leerstand. Dennoch habe sie die Befürchtung, dass diese Entwicklung Corona nicht überdauert. „Möglicherweise ist es für viele nur eine Übergangslösung, bis der Spuk vorbei ist.“

Ein wenig Hoffnung, dass dem eben nicht so ist, gibt ihr der anhaltende Selbstversorger- und Bio-Trend. „Das Bewusstsein der Menschen hat sich verändert“, sagt sie. „Die Menschen möchten keine Tomaten aus Spanien oder Äpfel aus Neuseeland kaufen, die dem Klima zulasten weite Transportwege hinter sich haben. Sie wollen Obst, Gemüse und Kräuter aus dem eigenen Garten - gesund und Bio.“

Zeitkontingent von Familien berücksichtigen

Dabei sei ihr natürlich bewusst, dass das Zeitkontingent junger Familien im Vergleich zu den „Alteingesessenen“ begrenzt ist. Einen Kleingarten umfangreich zu bewirtschaften, ist für viele kaum machbar. Strenge Bewirtschaftungsvorschriften habe der Verband daher längst gelockert. Über vieles könne geredet werden. Über die Beseitigung einer Hecke beispielsweise.

Seit mehr als 20 Jahren ist Wolf Henkel Pächter eines Gartens An der Steinkuhle. Lange schon ärgert er sich über eine Buchsbaumhecke, die die Begrenzung zu seinem Garten darstellt und die er nicht ohne weiteres entfernen darf. „So schön sie ist, sie zieht mir alle Nährstoffe aus dem Boden“, erzählt er. Die Hecke einfach zu entfernen, würde womöglich den Ärger langjähriger Gartenfreunde nach sich ziehen. Gern halten Menschen eben an Dingen fest, die schon immer so waren. Doch Ute Simon weiß, soll das Kleingartenwesen in Magdeburg eine Zukunft haben, „müssen wir unser Image als Spießer loswerden. Wir müssen uns flexibel zeigen, müssen den Ideen und Wünschen jüngerer Generationen Raum geben.“ Bei der Möglichkeit eine Buchsbaumhecke entfernen zu können, wenn es Sinn macht, fängt es an.

Nicht stur und starr auf Altem beharren

„Es gibt Spielregeln, an die man sich halten muss. Dennoch müssen wir mit der Zeit gehen und nicht stur und starr auf Althergebrachtem beharren.“ Die Vorgabe, dass ein Kleingarten zu einem Drittel Nutzfläche umfassen soll, gebe es zwar immer noch, Anbau- und Pflanzvorschriften werden jedoch nicht mit Argusaugen verfolgt. „Es kommt keiner mit einem Maßband in den Garten und misst ab, ob alles nach Vorgabe gepflanzt ist.“

Ebenso wie die Verbandschefin gibt es viele Vorsitzende der Gartensparten, die sich freuen, wenn die Parzellen genutzt werden, anstatt zu verwildern. „Was wir nicht wollen, sind Leute, die sich nur einen Garten holen, um Party zu machen“, erklärt sie. Vielmehr möchte der Verband Menschen einen Platz geben, die sich an der Natur und ihren Erzeugnissen erfreuen, die das Grün schätzen und einen Ort zum Wohlfühlen suchen.

Freie Gärten oft in schlechtem Zustand

Derzeit sind von 15.398 Parzellen, die der Gartenverband zählt, 13.920 verpachtet. Von den übrigen 1478 Parzellen sind jedoch bei weitem nicht alle in einem verpachtbaren Zustand. Verwildert und verkrautet mit nicht nutzbaren Lauben. Während es in den Gartensparten „Zur Aster“ (Neue Neustadt) etliche Parzellen in gutem Zustand gibt, stehen einige Parzellen in „Grüne Aue“ (Sudenburg) und in der „Otto-Richter-Straße“ schon so lange leer, dass es schwierig ist, jemanden für diese zu gewinnen. Wobei mit viel Engagement gewiss aus jedem Fleckchen etwas Tolles entstehen kann.

Am beliebtesten sind Gärten, die in Wohnortnähe liegen. Die Sparten am Anfang der Harsdorfer Straße wie „Einigkeit“ haben beispielsweise keinerlei Probleme, Pächter zu finden. Je weiter die Gartensparte von den Wohngebieten weg liegt, desto geringer wird die Nachfrage jener, die aus dem Umkreis kommen. Auch bei „Heimstätten I“ und „Reform“ verzeichnet der Verband einen nahtlosen Übergang vom Alt- zum Neupächter. Die größten Parzellen gibt es übrigens in Ottersleben. Sie umfassen 600 bis 1200 Quadratmeter.

Eine Probezeit für neue Pächter

Neben Wohnortnähe spielen bei vielen Interessenten aber auch die Erreichbarkeit und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr eine Rolle. Denn wie Ute Simon erklärt, gebe es auch eine Vielzahl an Pächtern, die beispielsweise aus dem Norden der Stadt kommen und einen Garten im Süden bevorzugen und umgekehrt.

Wo Parzellen frei sind, das erfahren Interessenten beim Verband der Gartenfreunde oder direkt beim Vorsitzenden der gewünschten Sparte. Um sich nicht Pächter in die Sparte zu holen, die nach einer Saison spurlos verschwinden und ihre Außenstände nicht begleichen, hat der Verband Frist- und Dauer-Einzelpachtverträge eingeführt. Sie obliegen einer Befristung von bis zu 24 Monaten, können vier Wochen vor Ablauf der Frist von beiden Seiten gekündigt werden. Sie gelten als eine Art Probezeit, in denen auch die Pächter Gelegenheit haben, zu schauen, ob die Bewirtschaftung eines Gartens tatsächlich etwas für sie ist.

Wer sich für einen Garten entscheiden möchte, sollte etwa 150 bis 250 Euro pro Jahr für Pacht, Strom und Wasser sowie Vereinsbeiträge und Grundsteuer einkalkulieren. Hinzu kommen Einkäufe von Saatgut, Gartengeräten und Pflanzen, erläutert Ute Simon. Mit etwas Glück können Laubenausstattung und Gartengeräte auch von den Vorpächtern übernommen werden.