Magdeburg l Die Hanglage war perfekt, der in der Nähe befindliche Eulegraben brachte das notwendige Wasser. Und so siedelten Menschen vermutlich noch viel früher im Bereich Magdeburg-Ottersleben als bislang angenommen. Archäologen graben derzeit auf dem Gelände des früheren Benneckenbecker Friedhofs – und haben überraschende Funde gemacht. Auch wenn seine Kollegen sagen, dass Hockergräber in der Region schon mehrfach gefunden worden seien, ist der Fund von zwei Skeletten in dieser Position für Grabungsleiter Marcel Röder etwas Besonderes. „Bislang habe ich noch keines gesehen“, sagt er.

Grabbeigaben wie Gefäße lassen darauf schließen, dass die Gräber auf die Zeit von 3900 bis 3400 vor Christus zurückzuführen sind. Wie Menschen damals lebten, darüber sei relativ wenig bekannt. „Es war die Zeit, als das Nomadentum endete und die Menschen sesshaft wurden“, sagt Röder. Von Siedlungen in Form von Dörfern könne aber nicht die Rede sein. „Die Menschen lebten damals wahrscheinlich in Sippen zusammen, bauten auch die ersten Häuser“, erzählt er. Dabei handelte es sich aber nicht um Häuser im heutigen Sinn, sondern um 30 Meter messende Langhäuser, in denen die Sippschaft zusammenlebte. Metallische Werkzeuge hatten die Menschen damals noch nicht. Einen Nachweis für ein solches Haus haben die Archäologen im Bereich der aktuellen Grabungen nicht gefunden.

Vermutlich aufgrund des harten Bodens und mangelnder Werkzeuge seien für Begräbnisse kleinere Gruben ausgehoben worden und die Menschen in Embrionalstellung beigesetzt worden. Diese Position gab den Hockergräbern ihren Namen, weil sie an einen hockenden Menschen erinnern. Sie befinden sich in Ottersleben in zum Teil höheren Bodenschichten als die neuzeitlichen Gräber, die nach 1849 auf dem Gelände angelegt wurden. Damals gab es bereits die notwendigen technischen Voraussetzungen, um tief in die Erde graben zu können.

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Beisetzungen in Kirchenbüchern dokumentiert

Der Benneckenbecker Friedhof wurde 1849 angelegt, wie Hans-Walter Magnus informiert. 1943 fand dort die letzte Beisetzung statt. Einen Lageplan gebe es nicht. In den Kirchenbüchern hat Magnus aber etwa 1100  Beisetzungen gezählt.

Insgesamt wurden bereits 270  Gräber gehoben. Weitere 150 könnten noch folgen. Die neuzeitlichen Bestattungen sind dabei durchaus auch von Interesse. Gefunden wurden besonders viele Kinder-Gräber, denen etwa Puppen beigelegt waren. Auch Perlen und persönliche Gegenstände wie zum Beispiel Ohrringe oder ein Rosenkranz seien gefunden worden.

Ein toller Erfolg wäre, wenn man den Gräbern noch Namen zuordnen könnte, sagt Röder. Die Archäologen vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle sind in Eile. Denn nur bis Ende des Jahres ist Zeit, die Funde zu heben. Und sobald der Boden gefriert, können die Archäologen, die Erde teils mit dem Pinsel entfernen, nicht weiterarbeiten.

Gefunden haben die Archäologen weitere Siedlungsnachweise – zumeist Abfallgruben, die sich als dunkle runde Verfärbungen im Boden abzeichnen. Diese gehen vermutlich auf die Zeit von 1000 bis 500 vor Christus zurück, sagt Röder. „Es ist schon kurios, dass wir in dem Bereich den Wechsel von Begräbnisstätte, Siedlung und wieder Begräbnisstätte haben“, staunt er.

Gebeine sollen zurück nach Ottersleben

Die Funde werden zunächst ins Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie gebracht. Dort wird entschieden, welche Untersuchungen an den Funden vorgenommen werden. Es können zum Beispiel genetische Untersuchungen durchgeführt werden. Aber auch Hinweise zur Ernährung können die Funde geben.

Der Verein „Bürger für Ottersleben“ hat sich bereits angemeldet, um den Abschlussbericht der Archäologen zu erhalten und anschließend eine Broschüre und vielleicht auch eine Informationstafel zu entwickeln, um über die Erkenntnisse zu den bislang frühesten Siedlern im Bereich Ottersleben zu informieren.

Außerdem setzen sie sich dafür ein, dass die Gebeine all jener, an denen keine weiteren Untersuchungen vorgenommen werden, wieder zurück auf den Ottersleber Friedhof gelangen und dort auch ihre letzte Ruhestätte erhalten, sagten am Freitag Stadtrat Wigbert Schwenke und der Vorsitzende des Ottersleber Bürgervereines, Ronni Krug.

Spannend wird es auf dem Grabungsgelände, wenn am Ende die Gruften der damaligen Gutsherren geöffnet werden. Zwei Gruften sind gefunden worden und auch bereits Luftproben entnommen worden, um herauszufinden, mit welcher Schutzausrüstung die Archäologen in die Gruften gehen werden.