Magdeburg/Biederitz l Hygienepläne hat Sandra Stiemert zur Genüge in der Schublade. Schon vor Weihnachten arbeitete ihr Salon „Deja vu“ in Biederitz nur noch unter strengen Auflagen. „Mundschutzpflicht“, „keine Trockenhaarschnitte“, „keine Begleitung“ ist auf weißen Zetteln am Fenster zu lesen.

Es sind Botschaften mit Lehren aus der Zeit nach dem ersten Lockdown. Allein: Seit dem 16. Dezember genügen sie der Politik nicht mehr. Als die 7-Tage-Inzidenz kurz vor Weihnachten in Sachsen-Anhalt auf 147 Neuerkrankungen je 100.000 Einwohner in die Höhe schoss, zogen Bund und Land die Notbremse. Seitdem geht nichts mehr. Die Frisierstühle bleiben leer. Wie das „Deja vu“ sind fast 1000 Friseurbetriebe allein im Landesnorden betroffen.

Für die 45-jährige Stiemert und ihre fünf Angestellten bedeutet die verordnete Schließung de facto wochenlange Totalverluste. Sie habe Hilfen beantragt, erzählt die Friseurin gestern Vormittag im Salon. Darunter die sogenannten Dezemberhilfen für Umsatzverluste und zuletzt Überbrückungshilfe für Fixkosten. „Bekommen habe ich noch nichts“, sagt Stiemert. Immerhin: Zwei Monate nach der Antragstellung wurde ihr Kurzarbeitergeld für ihre fünf Angestellten gezahlt. Die Friseurin ist wütend: „Kollegen werden in die Schwarzarbeit getrieben, nur weil der Staat versagt.“ Dabei sei die Infektionsgefahr im Privaten, wo sich jetzt nicht wenige trotzdem frisieren lassen, viel höher. Stiemert hält sich an die Regeln, kennt aber Berichte von Fällen, in denen Kollegen aus purer Finanznot zum Strohhalm des Schattenmarktes greifen.

Ab 1. März sollen die Salons nun wieder öffnen können – auch in Sachsen-Anhalt. Doch für viele könnte das zu spät kommen, fürchtet Stiemert. Tatsächlich sind von bundesweit rund 80.000 Friseursalons mit 240.000 Mitarbeitern nach Angaben des Friseur-Produktherstellers „Wild Beauty“ acht Wochen nach Beginn des zweiten Lockdown rund 24.000 von der Schließung bedroht.

In einer Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks in Baden-Württemberg mit 1300 Befragten, gab mehr als die Hälfte starke oder sehr starke Existenznöte an. Die Handwerkskammer Magdeburg bewertet die Lage ähnlich: „Die Not der Betriebe ist groß. Die Reserven sind größtenteils aufgebraucht“, sagt Hauptgeschäftsführer Burghard Grupe.

Problematisch: Dezemberhilfen kommen für die Friseurbetriebe wegen der Schließungen erst kurz vor Weihnachten gar nicht infrage. Überbrückungshilfen für Friseure sind erst seit 10. Februar beantragbar. Schnelle Abschlagszahlungen seien vom Bundeswirtschaftsministerium zwar geplant, sagt Handwerkskammergeschäftsführer Grupe. Die Höhe aber falle zu gering aus. Angedacht sind 50 Prozent. „Das rettet die Betriebe nicht“, sagt Grupe.

Unter der Losung „#Friseure in Not“ klagen viele Betriebe deshalb, finanziell unterstützt vom Hersteller „Wild Beauty“ , auf sofortige Aufhebung der Schließungsanordnungen der Länder. In Sachsen-Anhalt läuft eine Klage am Oberverwaltungsgericht Magdeburg. Über sie soll spätestens morgen entschieden werden, sagte Gerichtspräsidentin Claudia Schmidt gestern.

Hauptargument der Friseure: Von ihren Salons gehe keine Infektionsgefahr aus. Das zeigten Daten aus der Zeit nach dem ersten Lockdown. Demnach gab es dank schon damals strenger Hygieneauflagen kaum Infektionen. Bundesweit wurden seit dem Frühling nach Angaben des Fachverbands Friseur und Kosmetik ganze 22 Fälle registriert.

Die Handwerkskammer unterstützt die Forderungen der Betriebe: „Wir sind enttäuscht, dass die Friseure erst ab dem 1. März anstatt dem 15. Februar öffnen dürfen“, sagt Burghard Grupe. Nicht nachvollziehbar sei auch die Abkoppelung der Kosmetiker. Dabei gebe es auch hier umfangreiche Hygienekonzepte, die bisher gut funktioniert hätten.

Auch Sandra Stiemert hat eine Kosmetikerin im Team. Wegen der Beschränkung der Öffnungen auf Friseure wird sie auch nach dem 1. März kaum arbeiten können. „Nur Fußpflegetermine werden wir anbieten“, sagt Stiemert. Ansonsten werde die Kollegin weiter mit Kurzarbeitergeld auskommen müssen. Mit Sorge blickt die Friseurin auch auf weitergehende Auflagen: Laut Corona-Verordnung darf sich nicht mehr als ein Kunde je zehn Quadratmeter Fläche aufhalten. Stiemerts Salon ist groß genug. Das Team kann die Vorgabe einhalten.

Dafür müssen sich die Mitarbeiter allerdings im Schichtbetrieb aufteilen. Trotz verlängerter Öffnungszeiten wird der Salon lange zu tun haben, bevor alle Kundenwünsche abgearbeitet sind. „Bis Juni ist realistisch“, sagt Stiemert.

Die Friseurin hofft nun auf ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts zu Gunsten der Friseure. Die vergangenen Wochen seien hart gewesen, sagt sie. Die 45-Jährige, die mit ihrem Mann ein Haus in Biederitz unterhält, hat die Miete für den Salon stunden lassen. „Über die Zeit gebracht haben uns die Einkünfte meines Mannes“, erzählt sie. Trotz eines heftigen Hexenschusses mitten im Lockdown sei er immer arbeiten gegangen.