Magdeburg l Vorgärten, Veranden, offene Balkone, Erker, Türmchen in möglichst malerischer Komposition sind die charakteristischen Eigentümlichkeiten der modernen städtischen Villa“, schrieb Meyers Konversations-Lexikon 1897 über den zeitgenössischen Villenbau. Es sind „Eigentümlichkeiten“, die sich auch bei der im Magdeburger Kaiser-Otto-Ring gelegenen Villa Bennewitz wiederfinden – und das in noch größerer Vielfalt als im Lexikon beschrieben.

Die im neobarocken Stil gebaute Gründerzeitvilla ähnelt deshalb eher einem hochherrschaftlichen Palais, allein schon wegen ihrer monumentalen Größe, ihrer hellen, stark gegliederten Putzfassade, üppig floralen Stuckdekoration und ihrem säulenverzierten Balkon, aber auch wegen ihrer repräsentativen, rund 5000 Quadratmeter großen Gartenanlage, in der ein 100 Jahre alter Ginkgobaum und eine mehr als 100 Jahre alte, fünfarmige Hän-gebuche stehen.

Einem Palais gleicht auch die Innenausstattung der Villa, mit ihren hölzernen Kassettendecken, geschnitzten Zimmertüren, Bleiverglasungen, Stuckverzierungen, prächtig gemusterten Kacheln, Wandspiegeln mit vergoldetem Stuckrahmen und Deckenmalereien mit fliegenden Putten vor blauem Himmel. In der Bibliothek ver-laufen unterhalb der Kassettendecke szenische Malereien mit Magdeburger Motiven: An einer Stelle ist Otto von Guerickes Halbkugelversuch abgebildet, an der anderen eine lustige Kahnfahrt auf der Elbe mit dem Dom im Hintergrund. Eingezäunt ist die Anlage mit einer kunsthandwerklich hochwertigen, schmiedeeisernen, reich dekorierten Gittereinfriedung.

Johann Gottlieb Schoch gab den Anstoß

Die Geschichte der Villa begann Ende des 19. Jahrhunderts. Dort, wo heute der Geschwister-Scholl-Park liegt, befand sich ursprünglich die Bastion Braunschweig, die das nordwestliche Stadttor, das Krökentor, schützen sollte. Zum 50. Jubiläum des Magdeburger Gartenvereins 1895 entwarf der Gartenbaudirektor Johann Gottlieb Schoch, der aus der berühmten Wörlitzer Gärtnerfamilie stammte, einen Plan für eine Gartenbauausstellung auf dem Gelände der Nordfront.

Schoch wollte dem Gelände eine „durchgängig natürliche Gestalt geben“ und fand damit sehr viel Aner-kennung. Wegen des großen Erfolgs der Ausstellung wurde beschlossen, einen Teil der Anlage in einen öffentlichen Park umzuwandeln, und den anderen Teil für die Bebau-ung freizugeben. 1897 wurde der Königin-Luise-Garten¸ der heutige Geschwister-Scholl-Park, angelegt, der von einem Gürtel gründerzeitlicher Villen gesäumt wurde.

Um den Bau von Villen zu forcieren, bot die Stadt die Grundstücke zum Selbstkostenpreis an – und der Magdeburger Kaufmann Hans Bennewitz schlug zu. Dr. phil. Christoph Hans Bennewitz, Doktor der Philosophie, stammte aus einer großbürgerlichen Familie und war entsprechend wohlhabend. Er war der Sohn des königlichen Commerzienrats, Kaufmanns, Stadtrats, Bankiers und späteren Stadtältesten Gustav Bennewitz.

1898 beauftragte Hans Bennewitz den Architekten Alf Hurum, eine Villa zu entwerfen. Der gebürtige Norweger hatte an der Königlich Technischen Hochschule in Berlin und in Stuttgart studiert und schließlich sein eigenes Unternehmen in Magdeburg gegründet. Dem Bauherrn war die gesellschaftliche Repräsentanz sehr wichtig, was unter den Villenbesitzern dieser Zeit durchaus typisch war.

Die rasante industrielle Entwicklung Ende des 19. Jahrhunderts hatte in Großstädten wie Magdeburg eine wohlhabende, großbürgerliche Schicht entstehen lassen, die mit dem Bau ihrer Wohnhäuser ihren luxuriösen Lebensstil zur Schau stellen wollte.

Die dreiköpfige Familie Bennewitz bewohnte zusammen mit ihrem Personal, etwa 18 Angestellten, das beinahe 500 Quadratmeter große Haus mit seinen vielen Räumen alleine. Im Erdgeschoss befanden sich die Garderobe, das Herren- und das Damenzimmer, der Salon, Wintergarten, das Speisezimmer, außerdem Wirtschaftsräume, wie Küche, Abwäsche, Anrichteraum, Speisezimmer und Mädchenraum, im Obergeschoss ein Schlafzimmer und ein Frühstücksraum, jeweils mit Loggia zum Garten, ein riesiges Toilettenzimmer und außerdem Wohnräume für den Sohn des Hauses.

Im Dachgeschoss lagen neben dem üblichen Bodenraum ein Fotoatelier mit Dunkelkammer, im Kellergeschoss unter anderem eine Pförtnerwohnung, ein Weinkeller, eine Waschküche und ein Gemüse- und Vorratskeller. Eine technische Besonderheit war der Aufzug aus dem Erbauungsjahr – ungewöhnlich für diese Zeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Villa zwar verschiedentlich genutzt, verfiel aber immer mehr, bis sie in den Jahren 1994 und 1995 komplett saniert und unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im Jahr 2007 übernahm das Magdeburger Maritim-Hotel die Villa als „Außenstelle“ und stellte die Repräsentationsräume exklusiv für Familienfeiern, Hochzeiten oder kleine Besprechungen zur Verfügung. Einige Jahre später aber gab das Hotel die Villa wieder auf. Und nun stand das prunkvolle Gebäude viele Jahre lang leer.

Architekt Hurum baute auch Synagoge um

Ein solches Kleinod muss doch genutzt werden, fand die Magdeburger Familie Brahimi und kaufte es vor zwei Jahren. Nach etlichen Umbauarbeiten stehen die Räumlichkeiten jetzt wieder für Veranstaltungen aller Art, wie Hochzeiten, Firmenfeiern, Konferenzen oder Ausstellungen zur Verfügung.

Am 29. August 2019 fiel der Startschuss dafür mit einem kleinen Sommerfest, bei dem die geladenen Gäste exklusive Einblicke in die außergewöhnliche Villa und deren gestalterisch überarbeiteten Park bekamen. Bereits ein paar Tage vorher war dort auch das erste Mal wieder geheiratet worden.

Der norwegische Architekt Alf Hurum übrigens hat noch weitere Spuren in Magdeburg hinterlassen: die 1897 im Auftrag der jüdischen Gemeinde vorgenommen Um- und Ausbauarbeiten an der altstädtischen Synagoge, die später von den Nationalsozialisten zerstört worden war, und der Bau der neobarocken Villa Lütge im Stadtteil Diesdorf. Der Zug- und Zuchtviehlieferant Friedrich Lütge hatte Hurum Anfang der 1890er Jahre beauftragt, den Entwurf für eine repräsentative Villa Lütge zu erstellen, die heute ebenfalls unter Denkmalschutz steht.