Magdeburg l „Nein, mit einer Mauer aus dem 16. Jahrhundert haben wir hier wirklich nicht gerechnet“, bekennt Götz Alper vom Landesamt für Archäologie in der Baugrube, in der ab Dezember das neue Luisencarré samt einem Hochhaus mit zwanzig Etagen, der Langen Luise, entstehen soll.

Überraschend deshalb, weil hier immer wieder neu gebaut wurde: Festungsanlagen im 19. Jahrhundert, ein Baustoffwerk nach den verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, später zwei Sechzehngeschosser. Jedes Mal wurde tief in den Boden eingegriffen – und doch hat sich die historische Mauer fast durchgängig erhalten.

Mauer aus dem 16. Jahrhundert

Grabungsleiterin ist Juliane Huthmann. Die Archäologin erläutert: „Bei Mauern ist es manchmal schwierig zu erkennen, wann sie gebaut wurden.“ Aber aufgrund des Mörtels und der Steine sei das Bauwerk gut dem 16. Jahrhundert zuzuordnen – noch vor der Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg also und vor dem Bau neuer Festungsanlagen ab der Zeit von Otto von Guericke.

Bilder

Gut zu erkennen ist auch die wechselvolle Geschichte des Bauwerks. Abplatzungen am Gestein zeigen, dass es auch in großer Tiefe lange freilag. Als innerer Teil der Stadtmauer werden in diesem Bereich Gräben und Wälle dem Schutz der Stadt gedient haben. Obenauf war sie später zeitweise Unterbau für Gebäude, deren Bodenplatte direkt auf dem Gemäuer lag.

Rätsel um den Engel

Neben den Mauern wurden zwei weitere Artefakte gefunden. Zum einen der Teil eines Topfdeckels. Zum anderen eine tönerne Puttenfigur: Eine nur wenige Zentimeter große Engelsfigur aus Ton. „Sie war wahrscheinlich wenige Jahre nach dem Bau in eine Fuge der Mauer geschoben worden“, berichtet Juliane Huthmann. Und sie freut sich über diesen Fund: „Da zeigt sich einmal mehr, wie wichtig es ist, jede Fuge einer Mauer ebenso vorsichtig wie gründlich freizulegen.“

Aus welchem Grund die Figur in die Mauer geschoben worden war, lässt sich nur schwer sagen. Vielleicht bei einem Gebet, dass Magdeburg vor den Feinden verschont würde. Oder vielleicht wollte ein Kind die Figur verstecken und vergaß diese dann. Dies lässt sich heute nicht mehr klären.

Austellung in der Langen Luise

Und wie geht es mit den Funden weiter? Die Mauern werden nach und nach zum Abbruch freigegeben, nachdem sie sorgfältig mit 3-D-Aufnahmen dokumentiert sind. Die kleine Figur ist Eigentum des Landes. Thomas Fischbeck ist Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft Magdeburg, die hier der Bauherr ist. Und er sagt: „Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir diese Figur neben Kopien von historischen Karten und Gemälden in der Langen Luise zeigen.“ Dazu müsste ein Leihvertrag mit dem Land geschlossen werden. Außerdem denkt der MWG-Vorstand darüber nach, ob Kopien der Figur hergestellt werden könnten.

Und mehr noch: Alte Steine aus der jetzt freigelegten Mauer sollen geborgen und im Neubau sichtbar gemacht werden. MWG-Prokurist Jörg Sopauschke sagt: „Die Einzelheiten wollen wir kurzfristig mit der Baufirma klären.“ Klar ist jedenfalls, dass derzeit die Entwürfe für Teile der Fassade noch einmal überarbeitet werden: Mit entsprechendem Mauerwerk soll in einigen Bereichen daran erinnert werden, dass hier die Magdeburger Stadtmauer verlief.