Mensch Jesus. Jetzt musst du auch noch für die aufgeheizte Debatte herhalten. Jesus, der neue Zeuge Coronas: Jesus hätte seine Oma auch nicht besucht. Jesus hätte sich impfen lassen. So die Einen. Und die Anderen: Gerade Jesus hat die Menschen berührt. Die Aussätzigen und Gekrümmten. Alle aus den religiösen Reinheitsvorschriften Ausgestoßenen und Weggesperrten. Jesus als Verbündeter für Meinungsmache. Das bleibt gefährlich.

Wir Magdeburger erfreuen uns auch in diesem Jahr an der Lichterwelt. Wir Christen in Magdeburg dazu noch am Licht der Welt. Jesus Christus. Ohne ihn – keine Dome, keine Kirchen und Kapellen. Nirgends.

Die Lichterkrippe vor den Domtürmen ist ein Geschenk der Kirchen an die Stadt Magdeburg. Sie wird tausendfach fotografiert und steht noch bis zum 2. Februar dort. Man sieht: drei Menschen, drei Tiere, einen Engel und einen Stern.

Mehr muss Weihnachten in diesem Jahr nicht sein. Ich stehe in den Abendstunden manchmal einige Minuten abseits – und höre den Menschen zu, die an der Krippe stehen. Sie sind weggetrieben vom alten Festland der biblischen Überlieferungen und flottieren im (Lichter)Meer unbestimmter Erwartungen und Sorgen.

Es begibt sich aber zu der Zeit, dass die Sorgen die Hoffnungen ersticken können. Was machen wir eigentlich, wenn wieder eine richtige Pandemie kommt? Ähnlich wie 1831. Da brach in Magdeburg die Choleraepidemie aus. 112 Tage hatte die Epidemie die Stadt im Würgegriff. Im Nordpark erinnert noch heute ein Grab an Maria Neide.

Maria Neide war Mutter von sieben Kindern. Sie organisierte 19 freiwillige Krankenschwestern und machte in ihrem Haus in der Junkerstraße 12 eine Sammelstelle für Bettwäsche auf. Die Frauen wuschen sich die Haut von den Händen und sie arbeiteten über die Erschöpfungsgrenze hinaus. Maria Neide selber starb an der Epidemie, mit 51 Jahren. Auf ihrem Grabstein im Nordpark steht: „Die dankbare Stadt“. Heute wirkt die Stadt zerstritten. Politisches und wirtschaftliches Kalkül bestimmen das Handeln. Man belauert oder bedauert sich. Die Schmutzfilter wurden in den Debatten entfernt. Und durch unsere Gesellschaft geht ein Riss. Mit dem Coronavirus kommt die unangenehme Nebenwirkung, dass auch gestritten, geleugnet und geschwiegen wird.

Die Weihnachtsgeschichte wirkt auf viele Menschen eher schlicht, weil sie oft überzuckert und verkitscht wurde. Zum Teil, um ihr die Schärfe und Brisanz zu nehmen. Aber was sich da am Rande des römischen Reiches zugetragen hat, brachte die Menschen und die Geschichte gleichermaßen in Bewegung. Diese Geschichte spricht auf unterschiedliche Art zu uns. Viele haben sie als Kinder gehört, dann haben wir sie unseren Kindern erzählt oder vorgelesen, den eigenen oder den Patenkindern.

Menschen gehen, die Geschichte bleibt. Diese Geschichte ist unser kulturelles Erbe. Diese Geschichte überlebt Kaiser und Königreiche und alle Formen von Diktaturen. „Es begab sich aber zu der Zeit…“ ist ihr Anfang. Der Kaiser regierte. Nicht Otto, sondern Augustus, 900 Jahre vor Otto. „Kaiser, Gebot, Schätzung, Windeln, Futterkrippe, Herde.“

Nichts fällt aus dem Rahmen. Der Evangelist Lukas beschreibt Behördenwillkür, Aktenaufzeichnung, Chronik. Wenn die Staatskasse leer ist, werden die Steuern angehoben. Die Männer müssen zurück an ihre Geburtsorte. Sie nehmen ihre Frauen mit.

Alle Entscheidungen der großen Politik schlagen sich nieder in den einzelnen Lebensläufen der Menschen. Jede einzelne Umsiedlerfamilie weiß das. Bei Befehlen musste man sich in Bewegung setzen. Was Augustus nicht ahnte, ist die Tatsache, dass sein Befehl auch die Weltgeschichte beeinflussen sollte, ja eine neue Zeitrechnung beginnen würde. Maria bekommt ein Menschenkind. Alle Kinder kommen durch uns, aber nicht von uns in diese Welt. Unsere Aufgabe ist es, sie zu bilden und Hoffnung mitzugeben, wenn es ernst wird.

Dieses Kind Jesus, für mich der maßgebende Mensch überhaupt, wird nur 32 Jahre leben. Ohne ihn wäre die Welt eine andere. Seine Frage: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden nimmt“ bleibt zeitlos gültig. Josef ist der eigentliche Fels in der Gefühlsbrandung dieser wunderbaren Geschichte. Er weiß, dass seine Frau schwanger ist. Er hat Sorge, sie wohlbehalten ans Ziel zu bringen. Er wird ihr unter der Geburt geholfen haben. Ungeschickt, wie Männer sind und (ehr)furchtsam. Es wäre sicherlich für ihn einfacher gewesen, den Stall zu reparieren. Die Tür zu ölen oder die Fugen zu verdichten. Nun steht er da „und hat keinen, dem er seine Fäuste ins Gesicht schlagen kann“ (Wolfgang Borchert).

Der Hirte ist ein Mietling. Ihm gehört die Herde nicht. Den Menschen am sogenannten Rande wird die Botschaft als Erstes verkündigt. Er hat natürlich ein Schaf dabei. Man soll zu Jesus bringen, was man nicht allein behüten kann. Ochs und Esel stehen in der Kunstgeschichte seit dem vierten Jahrhundert immer mit im Stall, was auf ein Wort des jüdischen Propheten mit Namen Jesaja zurückgeht: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn... und mein Volk versteht´s nicht.“

Etwas abseits der Engel, mit dem besonderen Licht. Damit kommt plötzlich die Gegenbewegung in die Weihnachtsgeschichte! „Freude, Zeichen, Heiland, Wohlgefallen, Herzen.“ Die andere Lebenswirklichkeit. Eins ist immer das Faktische, das Andere sind die Dinge dahinter. Wir können das Leben auf die Gegebenheiten reduzieren, dann fehlen aber der Glanz und der Klang. Und dies bringt die Geburt zu Tage, pardon zur Nacht. Gott wird Mensch! Dem Menschen, der Gott sein will, stellt sich ein Gott entgegen, der Mensch wird.

Dem Menschen, der keine Grenzen respektiert, stellt sich ein Gott entgegen, der sich selbst begrenzt. Dem Menschen, dessen Willen zur Macht vor nichts zurückschreckt, stellt sich ein Gott entgegen, der auf Macht und Gewalt verzichtet. Das verbindet uns doch – fast alle hier in der Stadt. Das Wissen darum: So konnte es nicht weitergehen.

Wir haben verdrängt und uns zu sehr auf unseren sogenannten Fortschritt verlassen. Globalisierung hat eine Schattenseite. Wir haben selbst die Medikamentenherstellung ausgelagert. Unseren Wohlstandseffekt in der Dienstleistungsgesellschaft verdanken wir, weil wir bis dato zwei Dinge ausgezeichnet exportiert haben: Autos und Waffen. Die ganze Eitelkeit weicht nun vielerorts der Bitterkeit. Und beides ist nicht gesund.

Zu den guten Nachrichten dieser Tage gehört für mich die aktuelle Spiegel-Reportage: „Schuld und Schokolade“. Endlich schließen sich die Erzeugerländer zusammen, um Lebensqualität in Afrika zu garantieren, die auf dem 100-Milliarden-Dollar-Markt gestaltbar ist. Wenn wir nicht weiter an ihnen verdienen, sondern sie verdienen lassen, werden sich auch sehr viel weniger nach Europa aufmachen und am Hasselbachplatz irrlichtern. Auch dies gehört zur Lichterwelt. Die Geburt von Jesus ist Gottes Alternative zu unserem menschlichen Größenwahn.

Welch eine Zärtlichkeit kommt durch diese Geburt in die Welt. Ein Gott, der bedürftig wird, wie wir; der das Glück der Freundschaft und der Liebe kennt, wie wir; der früh auf der Flucht ist, wie viele von uns und den das Leben aufs Kreuz legt, wie andere auch. Unsere Sorgen und unser Vertrauen, die Hoffnungen und alle Lebensbrüche brauchen wir Menschen nicht weiter in uns kreisen lassen. Wir können sie an der Krippe ablegen. Furcht und Ängste sind in uns. Und es wäre fromme Weltflucht, diese abzutun oder durch einen feigen Optimismus zu ersetzen. Furcht gehört zum Leben dazu. Und die Angst, mehr um unsere Lieben - als um uns selbst.

Jesus ist Mensch geworden. Und wer als Mensch geboren wird, wird sterben. Das Sterben ist normal und so sicher, wie das Amen in der Kirche. Alle 80 bis 90 Jahre werden die Menschen auf unserem Planeten ausgewechselt. Mir bleibt dieser Gedanke ein tröstlicher, weil sonst gar kein Leben für uns möglich gewesen wäre. 950.000 Menschen sterben im Schnitt jedes Jahr in Deutschland.

Ungewöhnlich oft wurde in diesem Jahr Statistik bemüht, die in den Jahren zuvor nur die Fachleute interessierte. Ungewünscht nahe sind uns dadurch Tod, Gefährdungen und Krankheiten nun in diesem Jahr gekommen. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, aber auch umgekehrt gilt: Mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen.

Wohl denen, die Kraft haben, Isolierung und Einsamkeit zu durchdringen, in beide Richtungen. Wenn man Menschen mit Ängsten trifft, begegnet man auch immer seinen eigenen Ängsten. Deshalb muss man schon einigermaßen stabil in diesen Zeiten sein. Wir wissen, dass wir dieses Kind in der Krippe ebenso wenig schützen können, wie es Maria mit Josef und die Hirten beschützen konnten. Aber das Verlangen wird bleiben und immer wiederkehren. Die „Stille Nacht“ ist in diesem Jahr eine besondere. Halten Sie die Stille aus. Die „himmlische Ruh“ ist niemals trügerisch.

Jörg Uhle-Wettler hält diese Predigt Heilig Abend um 16.30 Uhr und 18 Uhr im Magdeburger Dom. Die Plätze dafür sind bereits ausgebucht.