Magdeburg l Rund 13.500 junge Magdeburger im Alter von 0 bis 18 Jahren leben in Familien, die ihren Alltag nicht ohne staatliche Unterstützung bestreiten können. Die Magdeburger Armutskonfernz hat ein Hilfspaket geschnürt, das bis 2020 schrittweise ausgepackt werden soll.

Für rund 40.000 Kinderportionen Mittagessen in Kitas, Schulen und/oder Horten bezahlt die Stadt Magdeburg alles, was über einen Euro hinausgeht. Kindern aus Hartz-IV-Familien, Kindern von Asylbewerbern und solche aus Familien mit besonders schmalem Einkommen soll so der Zugang zu einer „gemeinschaftlich eingenommenen Mittagsverpflegung“ ermöglicht werden. Ohne Zuschuss werden im Schnitt 60 bis 100 Euro pro Monat für die Mittagsversorgung eines Kita- oder Schulkindes fällig; zu viel für Familien in prekärer Lebenslage.

Magdeburg bezahlt Klassenfahrten

▶ Zuschusskatalog
Neben dem Zuschuss fürs Mittagessen können betroffene Familien für ihre Kinder Geld für Schulausflüge und Klassenfahrten, für Schulbedarf und die Schülerbeförderung sowie zur „Teilhabe“ beantragen, also zum Beispiel für Vereins- oder Musikschulgebühren. Leistungen zur Ausstattung für die Schule bekommen rund 10.300 Kinder in Magdeburg; für Ausflüge und Klassenfahrten zahlt die Stadt rund 2800 Kindern pro Jahr einen Zuschuss oder übernimmt die Kosten komplett.

▶ Hilfe kommt nicht an
Die Kinder sollen nicht unter der schwierigen Lage ihrer Eltern leiden – das ist erklärtes Ziel. Erreicht ist es nicht. Für mehr als die Hälfte der anspruchsberechtigten Kinder beantragen deren Eltern die Hilfe aus dem sogenannten Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) erst gar nicht. Das Sozialdezernat gibt darüber in der unschön hölzern benannten „Erreichungsquote mgl. BuT-Empfänger“ Auskunft. Sie liegt bei 49 Prozent.

▶ Aufklärung
Ziel der Armutskonferenz ist die Steigerung der Rate jener Kinder, die in den Genuss gesetzlich verbriefter Hilfen kommen. Dazu soll die Aufklärungsarbeit verstärkt werden – unter den Schulkindern selbst, zum Beispiel mit dem Einsatz eines Kinderrechtemobils. Zum anderen sollen Sozialarbeiter schon in den Kitas angestellt werden und Familien helfen.

Sozialarbeiter in Kitas

Geplant ist der Einsatz von Kita-Sozialarbeitern ab 2020. Eine Botschaft davon, wie nötig ihre Arbeit ist, sind die Ergebnisse der Reihenuntersuchung von Vorschulkindern. Alle Abc-Schützen in spe werden dazu ins Gesundheitsamt eingeladen. Die Mehrheit der künftigen Einschüler ist fit – soweit die schöne Seite. Einige aber haben schon vor Schuleintritt gravierende Probleme.

▶ Kritische Befunde
Nahe zehn Prozent aller Magdeburger Vorschüler – das sind pro Jahrgang mehr als 200 Kinder – sind übergewichtig, 3,6 Prozent sogar stark (adipös). 3,3 Prozent der angehenden Abc-Schützen nehmen schon regelmäßig Psychopharmaka ein. 2,8 Prozent haben Schädigungen am Halte- und Stützapparat, 2,2 Prozent berichten über häufige Muskel-, Gelenk- oder Rückenschmerzen. Dazu kommen Schlafstörungen und eine teils schlechte Zahngesundheit – solche Diagnosen treffen nicht nur Kinder aus im Vergleich armen Familien, aber ihr Anteil ist erhöht.

▶ Bewegung! Bewegung!
Neben Aufklärung will die Stadt Magdeburg mit Anreizen für gesunde Bewegung gegensteuern. Eingeladen sind dazu Kinder und Eltern. Sportvereine, Fitnessstudios, Freiwillige Feuerwehren, Zoo, Elbauenpark, SCM, FCM und die Vielzahl anderer Sportvereine, die Stadtteil- und Quartiersmanager, Krankenkassen und Stadtsparkasse als Sponsoren sollen zur Umsetzung eines neuen Bewegungsprogramms an Bord geholt werden.

Mehr Platz für Kinder und Erzieher

▶ Mehr Raum pro Kind
Konkrete Forderungen stellt die Armutskonferenz in Sachen „psychische Gesundheit“ an die Ausstattung von Kita, Schule und Hort. Die Mindestanforderungen für die Quadratmeter pro Kind müssten erhöht, Rückzugsräume für Kinder und Personal geschaffen und die Einrichtungen mit Schallschutzmobiliar ausgestattet werden. Geplant ist die Erarbeitung eines Positionspapiers zur Vorlage beim Oberbürgermeister und beim Stadtrat. Kitas, Elternbeirat, Hochschule und Universität, Gewerkschaft und Gewerbeaufsicht sollen daran mitarbeiten.

▶ Gesunde Box
Für die gesunde Kinderernähung soll die „Ernährungsbox“ an Kitas und Schulen die Runde machen. Ernährungswissenschaftler und -berater geben Kindern und Eltern Tipps.

▶ Wiesenhüpfer
Begrünte Klassenzimmer und „nicht-pädagogisierte“ grüne Freispielorte im Außengelände von Kitas und Schulen, aber auch in jedem Kiez, Safari- und Schatztouren durch das grüne Magdeburg, der Aufbau eines Naturcamps in der Stadt, die Einführung von Klassentieren – diese und mehr Ideen bringt die Armutskonferenz als Bausteine zur Unterstützung einer gesunden Entwicklung ein.

▶ Problembezirke
Generell sollen alle Kinder in Magdeburg von den vorgeschlagenen Projekten profitieren. Allerdings hat die Stadt Problemviertel ausgemacht, in denen besonders viele Familien mit Hilfebedarf leben. Das sind: Kannenstieg, Fermersleben, Neustädter See, Neu-Olvenstedt, Sudenburg, Altstadt, Neustädter Feld, Neue Neustadt, Leipziger Straße, Reform und Buckau. In diesen Stadtteilen sollen die Hilfsangebote vorrangig installiert werden.