Löbnitz l „Positiv“ steht streckenweise hinter allen Namen der Bewohner des Löbnitzer Pflegeheimes. Auf der Liste, die die Geschäftsleitung am Computer führt, muss man den Vermerk „negativ“ schon suchen. Positiv auf Corona getestet sind insgesamt 52 von 95 Bewohnern des Altenpflegeheims des Paritätischen. 33 davon aktiv infiziert.

Fix und fertig

Pflegeheimleiter Erik Ohme ist wie seine Angestellten fix und fertig mit den Nerven. „Wir sind am Ende der Kapazitäten“, sagt er. Während er nur noch das Corona-Geschehen verwaltet, haben seine Mitarbeiter immensen Aufwand mit den Hygienevorschriften und haben zum Teil selbst mit den Nachwirkungen der eigenen Infektion zu kämpfen.

„Das Schlimmste ist eigentlich, wie machtlos man ist“, sagt Erik Ohme. „Wenn Corona einmal in einem Heim ist, dann kann man weitere Ansteckungen nicht verhindern“. Das Virus scheine so aggressiv, dass es sich trotz aller Sicherheitsmaßnahmen durchsetze.

Steile Entwicklung seit KrankenhausaufenthaltBegonnen hatte in Löbnitz alles vor einem Monat, als ein Heimbewohner das Virus aus einem Krankenhaus mitbrachte. „Danach ging es steil nach oben“, sagt Erik Ohme. Seitdem stehen betroffene Wohnbereiche unter Quarantäne. Dazu Besucherstopp. Infizierte Bewohner dürfen ihr Zimmer nicht mehr verlassen und leiden unter Einsamkeit. Aufenthaltsraum und gemeinsame Mahlzeiten sind gestrichen.

Die Pfleger arbeiten in Vollschutz. Vor jeder Tür eines infizierten Bewohners steht neue Schutzkleidung bereit. Das Essen und der Müll werden je separat gebracht und entsorgt. „Und dennoch stecken sich auch Mitarbeiter an“, so Erik Ohme. Die Nähe in der Pflege sei berufsbedingt gegeben und unumgänglich. Da kommt dann doch hier und da mal ein Tröpfchen durch und auch die Bewohner kommen sich untereinander doch mal zu nahe. Und eine Sicherheitslücke kann das Heim nicht abstellen: Demente Bewohner verlassen ihr Zimmer und ihre Station und stecken ohne Absicht andere an.

Um die Erfahrungen in Löbnitz klar zu stellen: Die Maßnahmen wirken schon – sonst wäre alles viel schlimmer. Aber bei so einem aggressiven Virus nicht hundertprozentig.

Zehn von 64 Mitarbeitern im Löbnitzer Pflegeheim haben sich schon infiziert, bleiben dann natürlich zuhause in Quarantäne. Das verschärft die Lage im Heim nur noch mehr, das sowieso schon immer Personal gesucht hat. „Unsere Dienstpläne machen wir nur noch wochenweise, Sicherheit haben wir gar nicht mehr“; so Erik Ohme. „Die Mitarbeiter sind am Limit, aber wollen durchhalten.“ Einziger Lichtblick ist eine Krankenschwester, die neuerdings eingestellt werden konnte, um die Testerei abzufangen.

Dazu kommt der ganze Corona-Aufwand. Jeden Tag die Schnelltests. Für die positiven Fälle fährt jemand vom Pflegeheim selbst zum Gesundheitsamt nach Bernburg, holt dort die „richtigen“ PCR-Tests ab, testet im Heim und fährt die Proben zurück nach Bernburg. Das zur Zeit jeden Tag. Dazu führt der Heimleiter tagesaktuelle Listen und übernimmt die Rückmeldungen ans Gesundheitsamt. „Zur eigentlichen Arbeit kommen wir gar nicht mehr“, sagt er.

Am Dienstag letzter Woche eilt Pflegedienstleisterin Yvonne Rösler im Heim ständig von A nach B. „Ich kann nicht mehr“, sagt sie ihrem Chef. Auch sie hatte der Virus erwischt. Die Quarantäne zuhause ist zwar rum, aber bei den Mitarbeitern, die sich im Heim mit Corona angesteckt haben, bleiben Atemprobleme, Konzentrationsstörungen und Herz-Kreislauf-Schwäche. Arbeiten mit Vollschutz und Maske extrem anstrengend„Ich muss zwischendurch ans Fenster gehen, die Maske abnehmen, tief durchatmen und Kraft tanken“, sagt Yvonne Rösler. Das Arbeiten mit der FFP2-Maske sei bis heute eine Zumutung, findet sie. Da werde man schon mal so verrückt im Kopf, dass man sich den Kaffee auf den Latz kippt, weil man die Tasse mit Maske ansetzt.

Am Dienstag hat Yvonne Rösler die Aufgabe, die Schnelltests zu organisieren. Denn an dem Tag ist es im Pflegeheim Löbnitz endlich so weit: Das lang ersehnte Impfteam des DRK ist da, um Bewohner und Personal zu impfen. Schlange stehen die Mitarbeiter sowohl für den Schnelltest als auch an der Kantine, wo das Impfteam Position bezogen hat.

Während man im Salzlandkreis schon im Dezember mit manchen Altenheimen angefangen hat, geht es in Löbnitz erst jetzt los. Genauer ist der Dienstag die zweite Runde, die erste Impfdose kam am 21. Januar. Wie eine Anfrage an das Gesundheitsamt des Salzlandkreises zeigt, hat man bisher zirka etwas über die Hälfte aller Einrichtungen geschafft. Von insgesamt 54 Einrichtungen der Alten- und Behindertenpflege im Salzlandkreis wurde der Bedarf an Impfungen bis Mitte letzter Woche in 22 Einrichtungen komplett gedeckt.(Stand 17. Februar 2021). Bis Mitte März will man fertig sein.

Die Impfung kommt hier in Löbnitz für die Hälfte aller Heimbewohner zu spät. Die Einrichtung ist heute Hotspot. Jene, die schon Corona hatten oder noch haben, werden nicht mehr geimpft. In Löbnitz hatten bisher alle Bewohner einen milden Verlauf, gestorben ist wegen Corona niemand. Die restlichen rund 40 Bewohner lassen sich bis auf sieben, die nicht wollen, nun alle impfen.

60 Prozent der 64 Mitarbeiter im Pflegeheim haben sich für die Impfung einverstanden erklärt. Im Dezember lag die Impfbereitschaft in Löbnitz unter dem Personal noch bei einem Viertel. „Ich meine, dass die Betroffenheit über die Erkrankungen hier im Heim oder in der Familie zuhause die Impfbereitschaft erhöht hat“, sagt Leiter Erik Ohme. Der andere Teil der Angestellten bleibe skeptisch, weil diverse Gerüchte über die Schädlichkeit des Impfstoffes im Umlauf seien, meint der Leiter. „Wenn sich die Hälfte impfen lässt, ist das aber eine gute Quote“, so Erik Ohme.

Was bleibt ist laut dem Heimleiter dennoch die Machtlosigkeit: „Was uns so bewegt ist, dass wir trotz Einhaltung aller Vorschriften nicht in der Lage sind, uns gegen das Virus zu schützen.“