Magdeburg l Der Magdeburger Dom ist für viele Elbestädter das Wahrzeichen, aber nur für eine Minderheit ein Ort christlichen Kirchendaseins. Die Volksstimme fragte bei Domprediger Jörg Uhle-Wettler nach, wie er sein Amt seit seiner Einführung 2016 erlebt.

Volksstimme: Herr Uhle-Wettler, vor zwei Jahren wechselten Sie von Bad Düben nach Magdeburg. Sind Sie inzwischen vollständig angekommen?

Jörg Uhle-Wettler: Ja. Die Zeit haben wir aber als Familie auch gebraucht. In der Stadt dauert es halt eine Weile.

In der Domgemeinde und im Kirchenkreis wurden wir sofort ausgesprochen herzlich aufgenommen. Ich habe hier gute Mitstreiter, Navigatoren, Gefährten und treue Seelen. Männer und Frauen.

Ihr Vorgänger Giselher Quast hat große Fußstapfen hinterlassen. Wie schwer war es, einen eigenen Weg zu finden?

Ich schätze meinen Vorgänger sehr. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er hat wie viele Männer und Frauen im Land die Zeichen der Zeit erkannt und darf erfahren, dass es nach ihm weitergeht und nichts zusammenbricht. Das ist Gnade. Die Offenheit der Domgemeinde erlaubt mir meine eigenen Lebenserfahrungen einzubringen.

Wenn Sie sich jemandem vorstellen müssten: Was sind Sie für ein Mensch, was für ein Domprediger?

Ich bin ein Mensch. Das reicht.

Mit zwei Jahren Erfahrungen im Amt: Was sind die größten Unterschiede im Wirken in einer vergleichsweise kleinen Gemeinde in Bad Düben und Magdeburg als Domprediger, neben der Bischöfin?

Zum Glück habe ich schon 25 Jahre Erfahrung im Pfarramt. Und die Bad Dübener Gemeinde hat mit ihren 1300 Mitgliedern nur zweihundert Mitglieder weniger als die Domgemeinde.

Touristisch und kulturell ist hier natürlich sehr viel mehr los. Seelsorgerisch ist es hier aber auch schwerer. Ich treffe hier mehr Menschen, die nicht mehr wissen, was gilt. In allen Altersstrukturen. Eine kleine Stadt fängt da mehr ab. Dort wird Freud und Leid noch miteinander geteilt.

Magdeburg gilt nicht gerade als eine Hochburg des Christentums. Deutschlandweit ist rund jeder Zweite in einer christlichen Kirche, in Magdeburg ist es gerade mal jeder Fünfte. Wie gottlos sind die Magdeburger?

Sie sind nicht Gott-los. Wenn sie nicht an Gott glauben, glaubt Gott doch trotzdem an sie. Und in „christlichen Hochburgen“ war das Leben auch nicht immer angenehm. Ein wenig leid tut mir aber das religiöse Analphabetentum. Ich merke, dass biblische Metaphern und Geschichten, bis hin zu Sprichwörtern wie eine Fremdsprache wirken. Dabei sind die ganzen Facetten eines Lebens in ihnen enthalten.

Wie schaffen Sie es, in die überwiegend nichtchristliche Magdeburger Bevölkerung zu erreichen?

Die größte Wirkung erzielte wahrscheinlich unsere Aktion, die Domglocken in der MDCC-Arena auf die Leinwand zu bringen. Auf die Zwei-Minuten-Rede im Stadion werde ich immer wieder von FCM-Fans angesprochen. Vor jedem Heimspiel läuten nun die Domglocken und Tausende singen das Magdeburg-Lied. Was für eine Liturgie!

Aktuell wird über Spaltung der Gesellschaft debattiert. In Ihrer Weihnachtspredigt im Dom haben Sie das klar angesprochen.

Es ging um das Volk, das im Finsteren wandelt, aber ein großes Licht sieht. So steht es in der biblischen Prophetie. Für 2019 heißt das: Wer die Dunkelheit propagiert und nicht auf das Licht hinweist, ist ein Schweinehund. Und wer vom Licht redet, ohne die Dunkelheiten zu benennen, ist ein Narr. Durch die Geburt von Jesus kommt ein neuer Glanz in diese Welt. Dafür steht auch der Dom.

Meinen Sie das auch politisch?

Selbstverständlich. Mich ärgern die dumpfen einfachen Antworten auf komplizierte Fragen und mich nervt Betroffenheitslyrik, egal von wem sie kommt.

Ein Blick voraus: Wo sehen Sie 2019 Ihre wichtigsten Aufgaben?

Im Reden und Schweigen zu seiner jeweiligen Zeit. Und in der Neugestaltung von Gemeindestrukturen sowie Licht und Ton im Dom.