Magdeburg l Solar oder Grün – die Fraktion Grüne/future! im Stadtrat Magdeburg fordert die Einführung einer ökologischen Dachnutzung als Normalfall bei der Aufstellung von Bebauungsplänen und Neubauten in kommunaler Regie. Ein einstimmig beschlossener SPD-Vorgängerantrag für grüne Fassaden trägt bisher keine Früchte.

Einen Katalog von Vorteilen zählen die Grünen in ihrem Antrag Ökodächer auf. Die Fraktion forciert einen Grundsatzbeschluss zur Entdeckung des Dachs als neuen Magdeburger Lebensraum. Der kreativen Gestaltung seien keine Grenzen gesetzt. Dächer könnten nur begrünt, mit Photovoltaik oder thermischen Solaranlagen bestellt oder auch mit einer Kombination aus beiden Elementen genutzt werden. Bepflanzte Dächer befeuchten die Luft, sorgen für Abkühlung, dienen der Erholungs- und Aufenthaltsqualität, einem verbesserten Kleinklima ohnedies, heißt es im von den beiden Fraktionsvorsitzenden Madeleine Linke und Olaf Meister unterzeichneten Antrag, der am 17. Oktober 2019 im Stadtrat zur Debatte steht.

Grünes Dach als Standard

Die Initiatoren selbst verlangen keine unmittelbare Abstimmung, sondern zunächst eine Befassung der Ratsausschüsse für Stadtentwicklung, Bau und Verkehr sowie für Umwelt. Nach den Vorstellungen der Grünen sollen grüne Dächer zur neuen Regel mindestens bei Neubauten erhoben werden. „Soweit Ausnahmen vom Grundsatz beabsichtigt sind, ist dies in den entsprechenden Beschlussvorlagen ausdrücklich zu begründen“, heißt es im Beschlussvorschlag.

Bereits im Sommer 2017 hatte die SPD im Rat eine Vorläuferinitiative für grüne Hausfassaden gestartet. Forderungen waren die Begrünung von stadteigenen Immobilien, die Integration von Fassadengrün bei Neubauten, die Prüfung von Fördermöglichkeiten für private Investoren und die Aufforderung zur Fassadenbegrünung auch an kommunale, genossenschaftliche und private Wohnungsunternehmen.

Hundertwasser als Vorbild

SPD-Fraktionschef Jens Rösler und sein Vize Falko Grube hatten ihre Initiative schon 2017 mit dem „vieldiskutierten und augenfälligen“ massiven Verlust von Bäumen in Magdeburg infolge von Hochwassern, des Befalls mit dem Asiatischen Laubholzbockkäfer und zahlreicher Baumaßnahmen begründet. Als Positivbeispiel für eine moderne Begrünung urbaner Stadtteile führte die SPD im Rat die Grüne Zitadelle an. Das Hundertwasserhaus macht seit seiner Eröffnung anno 2005 seinem Namen Jahr für Jahr mehr Ehre. Auf Dächern, Terrassen, Balkonen und Höfen sprießt lange nicht mehr nur Rasen, sondern auch Baum für Baum von teils stattlicher Größe.

Im Januar 2018 mündete der Grüne-Fassaden-Antrag der Sozialdemokraten in einen einstimmigen Ratsbeschluss. Mehr als ein Jahr später, im März 2019, fragte der Gartenparteirat Marcel Guderjahn am Rande einer Grundsatzdebatte zum Thema Stadtgrün, wo denn nun die ganzen grünen Dächer und Fassaden blieben, für die sich der versammelte Rat vor Jahresfrist ausgesprochen hatte – keine Antwort. Augenscheinlich hat das Ratsvotum von Anfang 2018 noch keine Früchte im Stadtbild getragen.

Die Frage nach Beispielen, wo kommunale oder andere Bauten im Sinne des Ratsbeschlusses begrünt wurden oder werden, ließ die Stadtverwaltung gestern unbeantwortet. Offenbar braucht die Umsetzung noch Weile. Auf Grundlage des Beschlusses habe das Stadtplanungsamt „bei der Firma Think aus Jena ein Konzept beauftragt, um Dach-, Fassaden- und Hofbegrünungen stärker im Stadtbild zu implementieren", hieß es aus der Rathauspressestelle. Ziel sei es, die Begrünung zu fordern, zu fördern und zu gestalten. Der Entwurf des Gesamtkonzeptes werde voraussichtlich noch im Oktober vorliegen.

Blick über den Tellerrand

Aktionen und Fördergeld für grüne Dächer und Fassaden gibt es in zahlreichen Städten in Deutschland und darüber hinaus. Das Berliner Abgeordnetenhaus hat 2016 pro Grün am Haus gestimmt, Senkung der Entwässerungsgebühren für Gründachbesitzer und baurechtliche Erleichterungen inklusive. Viele Kommunen wie das rheinische Langenfeld zahlen Zuschüsse für grüne Dächer. Dresden hat einen Wettbewerb zur Dach- und Fassadenbegrünung ausgelobt.

Marburg gilt als Vorbildkommune. Hier werden grüne Dächer nicht nur finanziell gefördert, hier wurde auch 2016 das erste Gründachkataster freigeschaltet. Eine interaktiven Karte zeigt die Universitätsstadt aus der Vogelperspektive und die Einfärbung der Dachflächen, wie hoch die Gründacheignung der Gebäude ist. Pro Haus abrufbar ist die eingesparte Abwassermenge und -gebühr, die CO2-Absorbtion und der durchs Grün gehaltene Feinstaub pro Jahr (geschätzt). Das Programm erstellt eine Pflanzliste, die sich nach Beschattung und Stärke des Gründachaufbaus richtet. Heute führen weitere Städte wie Osnabrück, Worms, Frankfurt/Main oder Wien so ein intelligentes Dachkataster.