Magdeburg/Chemnitz/Nürnberg l Das Bewerbungsprozedere um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt ist komplex. Wer den Titel will und damit eine satte kulturelle Millionenspritze, der holt sich gern Fachleute mit ins Boot.

Dass es da fragwürdig zugeht, wurde in einem Beitrag der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“) vom 4. Dezember thematisiert. Die Rede ist von einem internationalen „Friends-and-Family-Netzwerk“, „dessen Machenschaften an Organisationen wie IOC oder Fifa erinnern“. Investigativ-Reporter Uwe Ritzer schreibt von einem „internationalen Wanderzirkus“, der seine Dienste anbietet. Das sind schwere Geschütze.

Konkret geht es im Text unter der Überschrift „Auf die Freundschaft“ um zwei Berater: Neil Peterson mit dem Netzwerk „Inside Track“ und Mattijs Maussen. Die beiden Kulturmanager hätten 18 von 22 für die Jahre 2015 bis 2025 ernannten Kulturhauptstädte beraten. Ritzer schreibt von „grotesken Interessenskonflikten“. Im Wettbewerb um die Kulturhauptstadt 2025 hätten einige Berater gleich für mehrere konkurrierende Städte gearbeitet. „Als würde ein Fußballtrainer mehrere Bundesligamannschaften gleichzeitig coachen“, heißt es.

Nürnberg will transparente Auseinandersetzung

Jener Maussen sei in Chemnitz federführend und auch in Nürnberg im Gespräch gewesen, „nämlich protegiert von einem angehenden Jurymitglied“. Es gehe um Jiří Suchánek. Beide hätten bereits seit längerem zusammengearbeitet.

Uwe Ritzer bringt dann noch einen Namen ins Spiel. „In Chemnitz war es Ulrich Fuchs, der Maussens Engagement einfädelte“, schreibt der Autor. Er nennt Fuchs „eine Art graue Eminenz der europäischen Kulturhauptstadt-Szene“. Viele Medien hatten ihn im Vorfeld an der Strippe. Auch die „Magdeburger Volksstimme“ wollte seine Einschätzung um die Magdeburger Chance auf den Titel hören. Wenig später war er im MDR-Fernsehen zu sehen, als Fuchs beim Talk von „Fakt ist“ zum Thema Kulturhauptstadt zugeschaltet war. Fuchs lebt in Marseille. Er war jahrelang Mitglied und Vorsitzender der EU-Auswahljury und zeichnete zuvor verantwortlich als Programmdirektor der Kulturhauptstädte Linz 2009 und Marseille-Provence 2013. Er wurde als wichtiger Ansprechpartner auf der Homepage der Kulturstiftung der Länder genannt, jenes Gremiums, das für das nationale Bewerbungsverfahren verantwortlich zeichnet.

Verflechtungen

Im „SZ“-Beitrag, der jetzt in der Szene für so viel Aufsehen sorgt, geht es um Verflechtungen und Verquickungen von gut bezahlten Kulturexperten und Namen, die im schwer durchschaubaren Bewerbungs-Prozedere immer wieder auftauchen.

Schon wird der Verfasser des Textes als schlechter Verlierer tituliert. Er arbeitet in Nürnberg. Nürnberg hatte sich ebenfalls beworben und große Chancen auf den Titel ausgerechnet.

Aus dem dortigen Rathaus gab es am Dienstag (8. Dezember) eine Pressemitteilung. Überschrift: „Nürnberg an transparenter Auseinandersetzung interessiert“. Darin heißt es: „Die Ausführungen des „SZ“-Artikels lassen die Ausdeutung des die Jury-Entscheidung begründenden Jury-Reports in völlig neuem Licht erscheinen und geben Raum für Rückschlüsse in Zusammenhängen jenseits inhaltlicher Parameter.“ Es geht zudem um die Beantwortung der Frage nach Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der Jurorinnen und Juroren. Nürnberg bittet die Kulturstiftung um eine Stellungnahme.

Unterstützung bekommt die zweitgrößte Stadt Bayerns von ihrem Landes-Kunstminister Bernd Sibler (CSU). Wie die Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch meldete, werde das Thema am Donnerstag bei der Schalte der Kultur- und der Kultusministerkonferenz auf die Tagesordnung gesetzt. Sibler ist Vorsitzender der Kultusministerkonferenz. Sie hatte die Kulturstiftung der Länder mit dem Auswahlverfahren beauftragt. „Alle Bewerberstädte haben ein transparentes Verfahren verdient. Und die Siegerstadt Chemnitz hat ein Recht darauf, ihren Titel ohne jeden Zweifel zu tragen“, wird Sibler von dpa zitiert.

Im Chemnitzer Rathaus kommentiert man das Geschehen im Moment nicht. Sprecher Matthias Nowak sagt lediglich, es gehe im „SZ“-Beitrag um das System an sich.

Netzwerker gebraucht?

Blickt man in Magdeburg zurück, erinnert man sich, dass es auch dort frühzeitig um Kompetenz von außerhalb ging. Man hörte, dass ein Titel sonst kaum realistisch wäre. Man brauche Netzwerker.

Im März 2016, da arbeitete das Kulturhauptstadtbüro noch nicht, berichtete die Volksstimme, die Stadt habe sich die Zusammenarbeit mit Hans-Dietrich Schmidt, Nadja Grizzo und – eben – Neil Peterson vom Netzwerk „Inside Track“ gesichert. Die drei Profis sollten Magdeburg in der Bewerbung unterstützen. Nadja Grizzo und Hanns-Dietrich Schmidt waren im Team der Kulturhauptstadt Europas Ruhr 2010. Die Namen tauchten in letzter Zeit nicht mehr auf. Zu einer Antwort auf die Frage, ob es denn einen Vertrag gegeben habe und wenn ja, wie die Zusammenarbeit ausgesehen habe, sah sich die Pressestelle der Stadt außerstande.

Begründung fürs Aus erst Wochen später

Hinzu kommt jede Menge Intransparenz. Das Prozedere ist für viele Bürger so fern wie die Europäische Union. Das hat bei kulturellen Wegbegleitern zunehmend Frust denn Freude ausgelöst.

Geheimhaltung vor dem Einreichen der Bewerbungsbücher, bei den Vorstellungsrunden der Städte, die sogenannten digital visits, die im Oktober virtuell stattfanden, weil die Jurymitglieder wegen der Corona-Pandemie nicht reisen durften. Beim Finale am 28. Oktober wurde vor allem den Mitwirkenden bis hin zur Jury peinlich heftig gedankt. Eine Begründung wurde erst vier Wochen später veröffentlicht. Man kann sie auf der Homepage der Kulturstiftung lesen. Zwei Seiten sind da Magdeburg gewidmet. Nicht viel Platz für eine detaillierte Beurteilung.

Geschlossene Gesellschaft?

Viel zu oft wirkte das Verfahren wie eine geschlossene Gesellschaft. Auch unter der Jury, international besetzt, konnte man sich wenig vorstellen. Man musste lange im Internet suchen, um eine erhellende Vita hinter den Namen zu finden. Die Auswahlkriterien wirkten eher ermüdend denn inspirierend: Das Europäische Parlament, der Rat der Europäischen Union und die Europäische Kommission wählen je drei Personen aus. Jeweils ein Mitglied wird durch den EU-Ausschuss der Regionen, durch die Kultusministerkonferenz und vom Bund (Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und Auswärtiges Amt) berufen. Insgesamt gehören der Jury zwölf Personen an.

Fest stand vor Jahren, dass Deutschland neben Slowenien eine Kulturhauptstadt für 2025 ernennen darf. Acht Städte wollten anfangs den Titel, der viele Besucher bringt und Millionen Euro. Dresden, Gera und Zittau flogen vor genau einem Jahr aus der ersten Sondierungsrunde. Weiter ging es im Bewerbungsprozess für Hannover, Hildesheim, Nürnberg, Chemnitz und Magdeburg. Man konnte da schon nicht verstehen, dass nicht weiter ausgesiebt wurde und fünf Städte mit ihren Bewerbungsbüros ein Jahr weiterarbeiteten und die Kommunen hoffnungsvoll Geld investierten.

Chemnitz ist Sieger. Die Empfehlung der Jury liegt vor. Bis Jahresende muss die Kultusministerkonferenz in Absprache mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) die Kulturhauptstadt ernennen. Es ist gut, dass Fragen überhaupt auf den Tisch kommen. Auch wenn Deutschland so schnell nicht wieder eine Kulturhauptstadt stellen wird.