Magdeburg l Mit einem Bunsenbrenner versuchte Marco Wald am 21. Oktober 2020, die regennasse Fahrbahn zu trocknen. Währenddessen mühte sich Falko Jentsch, gerahmt vom Blaulicht der schutzgebenden Polizei, einen lilafarbenen Klebestreifen auf die Ernst-Reuter-Allee in der Magdeburger City zu bringen. Nur langsam kamen sie ihrem Ziel näher – einem Zebrastreifen in Regenbogenfarben, der am Allee-Center über die Straße führt. Das Symbol für Toleranz und Vielfalt stellt für die Mitglieder und Freunde des CSD Magdeburg e. V. einen Meilenstein in der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Community dar und sollte zugleich jener „Stein“ sein, der die digitale Stadtführung zur Kulturhauptstadtbewerbung ins Rollen bringt. „Seid dabei!“, hatte das Kulturhauptstadtbüro geworben und die Magdeburger zum Kommen animiert. Je mehr Magdeburger zeigen, dass sie zur Kulturhauptstadtbewerbung stehen, desto eindrucksvoller für die Jury. So zumindest die Theorie.

Kein Anfang und kein richtiges Ende

Gekommen waren am Mittwoch tatsächlich ein paar „Enthusiasten“, vor allem aber Kulturschaffende und -funktionäre. Klar, Magdeburgs neue Kulturbeigeordnete Regina-Dolores Stieler-Hinz war dabei und auch der ehemalige Kulturchef Matthias Puhle. Festung-Mark-Chef Christian Szibor, Autor Ammar Awaniy („Der Pascha von Magdeburg“), Wobau-Chef Peter Lackner, Mitglieder der Hassel-Initiative „Platz machen“ und der Magdeburger Radkultur.

Unter Mützen und Regenschirmen warteten sie inmitten einiger Kamerateams und Fotografen am gestrigen Morgen auf den Start der Live-Schaltung des digitalen Stadtrundganges. Einen „offiziellen“ Startschuss gab es allerdings nicht. Keine kurze Begrüßung, keine Einordnung des Geschehens. Sich fragend, ob noch etwas passiere, warteten auch Marianne und Jürgen Brömme und fühlten sich in ihrer bisherigen Einschätzung bestätigt. „Man hat die Magdeburger auf dem Weg zur Kulturhauptstadt nicht mitgenommen, man hat sie zu wenig einbezogen“, erklärt er. Intensiv beobachte er seit geraumer Zeit das Geschehen um die Bewerbung, auch, was die Mitbewerber machen. Da sei so viel mehr Schwung drin, sagt Brömme. „Und viel mehr Enthusiasmus.“

Bilder

Enthusiasmus und Transparenz fehlen

Erst kürzlich habe er im Bayerischen Rundfunk einen 90-minütigen Beitrag zur Bewerbung Nürnbergs gesehen. Da seien die jungen Leute einbezogen worden, ebenso wie das Umland. „Der Beitrag war sehr gut und hat Lust auf mehr gemacht.“ In Magdeburg vermisse er dergleichen. Die Arbeit des Organisationskomitees halte er für intransparent und vergleicht sie mit Gulasch. „Es kocht vor sich hin und kocht und kocht - am Ende weiß keiner, was drin ist, aber es wird wohl allen schmecken.“

Dass der digitale Stadtrundgang oder „City Visit“, wie er beworben wurde, zumindest an den Magdeburgern irgendwie sang- und klanglos vorbeiging, finden Marianne und Jürgen Brömme außerordentlich schade. Lediglich ein Klatschen von der Marketing- und Kommunikationsverantwortlichen im Bewerbungsbüro, Andrea Jozwiak, die mit einem Kamerateam ein paar Anwesende interviewte, gab zu verstehen, dass zumindest diese Station der digitalen Reise durch die Stadt beendet ist. Auf der anderen Straßenseite klebten die CSD-Mitglieder derweil immer noch am ersten von sechs farbigen Streifen.

Ohne das Publikum oder vielmehr ohne die „Statisten“ ging es bei der Stadtführung weiter entlang der Elbe ins Werk4 nach Buckau und wieder zurück zum Wissenschaftshafen in den Elbedome, der eines der größten 360-Grad-Visualisierungssysteme für virtuell-interaktive Inhalte in Europa ist.

Anstelle der Jury kommt der Dackel

Magdeburgs ehemaliger Kulturbeigeordneter Matthias Puhle würdigte den Kraftakt, den das Organisationskomitee mit dem digitalen Stadtrundgang angepackt hat. Schließlich habe man erst vor etwa sechs Wochen erfahren, dass ein persönlicher Besuch der Jury ausgeschlossen wird. Binnen kürzester Zeit galt es also, ein „Drehbuch“ zu schreiben. Er selbst war zuvor bereits mit Oberbürgermeister Lutz Trümper und der Kulturbeigeordneten Regina-Dolores Stieler-Hinz zum Dreh der ersten Station im Magdeburger Dom. Er verriet: „Wir mussten auf die Jury warten und sollten überrascht feststellen, dass sie nicht kommt. Stattdessen wackelte der Dackel des Pastors rein.“

Neben dem Zeitdruck beim Schreiben des Drehbuches habe das Organisationsteam auch das Problem der technischen Umsetzung gehabt, weiß er. Letztlich arbeiteten zehn Bild- und Ton-Experten mit an dem digitalen Auftritt. Mit dem Einsatz von über 30 Mikrofonen, 20 Headsets, 15 Kameras, neun Monitoren, vier Bildmischern sowie einer Rundum-Panorama- und Boden-Projektionsfläche von über 450 Quadratmetern sollte es, so die Information der Stadtverwaltung, gelingen, das Magdeburger Bewerbungsbuch zum Leben zu erwecken.

Drei Themenblöcke zeigen Magdeburg

In den drei verschiedenen Programmblöcken sollte es um spezifische Themen des Magdeburger Konzepts im Rahmen der Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas gehen. Und um die Geschichte(n), die Magdeburg Europa erzählen will. Der erste Block thematisierte das fehlende Zentrum, das mit Hilfe des Kulturhauptstadt-Titels und der entwickelten Bürgerprojekte bis 2025 und danach – im Zentrum und an der Elbe – sowie mit Blick auf die Tradition der Magdeburger Moderne wiederbelebt werden soll.

Der zweite Block galt der Geschichte des ehemaligen Arbeiterstadtteils Buckau, der sich bereits als Künstlerviertel etabliert hat. „Mit Blick in den südöstlichen Stadtteil Salbke sowie in der Tradition des Magdeburger Rechts soll der Kulturhauptstadt-Titel dazu beitragen, eine aktive und selbstbewusste Stadtgesellschaft in Magdeburg zu fördern“, heißt es in der Erklärung der Stadt. Der letzte Standort, der Wissenschaftshafen, sollte von der Transformation und Innovationskraft der Stadt Magdeburg erzählen.

Ob der digitale Stadtrundgang bei den Juroren den Stein ins Rollen gebracht hat, Magdeburg zur Kulturhauptstadt zu benennen, wird erst am 28. Oktober 2020 entschieden.