Magdeburg l 45 Spielorte, mehr als 300 Mitwirkende und rund 3000 Gäste – neuer Rekord! Insgesamt hat sich die sechste Auflage der Magdeburger Kulturnacht – Motto „Bewegt“ – gelohnt. An einzelnen Spielorten zwischen Moritzplatz und Gröninger Bad, Ambrosiuskirche und Stadtfeldklause oder Villa Wertvoll und Roncalli-Haus zerfaserte sich die Besucherschar allerdings zu nur noch kleinen Grüppchen, was einmal mehr die Frage aufwirft, ob die zeitgleichen Aktionen an mehr als 40 Orten in der Stadt nicht zu viel des Guten sind.

Zur Eröffnung am 21. September 2019 um 18 Uhr hat sich allerdings eine illustere und große Gemeinde aus Magdeburger Kulturfreunden im Forum Gestaltung eingefunden. Das erweist sich als lohnenswert, denn die Organisatoren um Norbert Pohlmann sind sensible Regisseure für ein Kurzprogramm zum Auftakt.

Der Neue Magdeburger Kammerchor singt Telemann. Sechs in Magdeburg lebende Menschen aus sechs Kulturen begrüßen kurz und knackig in sechs Sprachen. Theaterballettschülerinnen zelebrieren ein Bauhaus-Ballett. Der syrische Flüchtling Mohamad Issa (lehrt heute Mathematik an der Waldorfschule) trägt selbst verfasste Liebeslyrik auf Magdeburg bei – arabisch und später ins Deutsche übertragen von seinem Freund Pohlmann. Die scheidende Stadtschreiberin Nele Heyse hält – nachdem sie vergeblich ihre Brille sucht und nun ungewollt weithin frei sprechen muss – eine denkwürdige Abschiedsrede (siehe unten).

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Trümper zitiert "Faust"

Zu einem Bonbon dieser Begrüßungshäppchen gerät zum Schluss überraschend das Grußwort des Oberbürgermeisters. Das hatte ihm – Lutz Trümper gesteht es dem Publikum – Kulturmacher Pohlmann geschrieben und neben den zum Anlass üblichen guten Worten auf die gute Stadtkultur auch einen langen Teil aus Goethes „Faust“ eingebaut, wie er eben erst im Forum zur Aufführung kam (Kammerspiele-Produktion).

Pohlmann lässt Trümper – das ist nicht ohne List – aus dem Prolog des Theaterdirektors rezitieren, der einem Oberbürgermeister doch wie auf den Leib geschnitten sei. Dem Direktor nach Goethe ist allerdings aus wirtschaftlichen Gründen viel mehr an schneller Befriedigung der Masse als im Ernst an guter Kunst gelegen.

Zitat: „Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen / Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus. / Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen / Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ So ist natürlich mit Goethe auch der Ansatz der Kulturnacht selbst gut auf den Punkt gebracht. Trümper schlägt sich wacker im Vortrag und strömt sodann selbst mit der Masse an die anderen Spielorte dieser Nacht aus.

Viele leere Stühle

Aufgrund deren großer Zahl verteilten sich die Besucher entsprechend großzügig. Die logische Folge: An manchen Kulturorten blieben viele Stühle leer. In der Scheune im Moritzhof lauschen nur wenige den Klangexperimenten von Grey Paris. Beim Salsatanz in der Schwüle des Gewächshauses sind die Zuschauer in der Unterzahl.

Im Opernhaus müssen die Helferinnen hingegen noch Stühle holen, damit alle den eindrucksvollen Stimmen von „Voice & Brass“ lauschen können. Die Feuershow von „Malabarista“ auf dem Uniplatz zieht viele Besucher in ihren Bann. Spannend ist die Mischung auf dem Thiemplatz, wo Bauchtanz auf das „Phantom der Oper“ trifft.

Wer viel sehen will, braucht einen guten Plan. Und doch bleibt am Ende das Gefühl, an einer der anderen Kulturstätten etwas verpasst zu haben. Immerhin zeigt die Nacht: An Kultur mangelt es Magdeburg offensichtlich nicht.