Magdeburg l Um einschätzen zu können, was für einen Umfang dieser Mammut-Prozess hat, reicht ein Blick auf die Uhr. Allein die Anklageverlesung durch Staatsanwalt Armin Gebauer dauert 40 Minuten. In drei Blöcken liest er die mehr als 70 Straftaten vor, die Wilhelm M. vorgeworfen werden. Darunter befinden sich Diebstahl, Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Nötigung. Seit dem 29. Juni ist Wilhelm M. vorläufig in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht.

Der 50-Jährige ist aufgrund seines Auftretens in Magdeburg bekannt. Seit etwa zwei Jahren fällt er massiv im Stadtbild auf – wobei die Taten zuletzt immer schlimmer wurden. In verschiedenen Geschäften soll der Angeklagte gestohlen haben. Auch soll er Frauen bedrängt und unerlaubt geküsst oder angefasst haben. Aus der katholischen Gemeinde St. Petri ist zu hören, dass der Angeklagte mehrfach den Gottesdienst gestört und u. a. den Hitlergruß gezeigt haben soll. Bei der Polizei liegen Hunderte Beschwerden vor. Wilhelm M. hat in vielen Geschäften inzwischen Hausverbot – darunter Karstadt, das Allee-Center, aber auch die Oper und der Hauptbahnhof. Die Straftaten, die nun vor dem Landgericht verhandelt werden, soll Wilhelm M. von Dezember 2014 bis Februar 2016 begangen haben. Aufgrund der Masse an Vorwürfen konzentriert sich das Gericht auf die heftigeren Vorfälle. Zum Beispiel auf den vom 1. Februar vergangenen Jahres.

Gerangel in der Oper

Wilhelm M. wird vorgeworfen, damals trotz Hausverbotes das Opernhaus betreten zu haben. Eine Mitarbeiterin forderte ihn auf, wieder zu gehen. Es kam auf der Treppe zu einem Gerangel, die Mitarbeiterin stürzte die Treppe hinunter und riss zwei Besucherinnen mit sich. Alle drei Frauen wurden bei dem Sturz verletzt und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Zeugin Margot T. (74): „Wir haben unseren Abend in der Uniklinik verbracht.“ Wilhelm M., der sich während des Prozesses Notizen macht und abwechselnd nickt oder den Kopf schüttelt, sagt: „Es tut mir leid. Das wollte ich wirklich nicht.“

Der 50-Jährige aus dem Gerichtssaal hat an diesem Tag nichts gemein mit dem schreienden Mann, den man aus dem Stadtbild kennt. Er ist höflich und redet ruhig. „Manchmal ist mein Kopf so voll, dass ich schreien muss“, sagt er vor Gericht. Deshalb nehme er Medikamente.

Urteil Ende August

Aus der Vergangenheit von Wilhelm M. ist wenig bekannt. Nur, dass er 1966 in der Elfenbeinküste geboren wurde und 1994 nach Deutschland kam. Er spricht sehr gut Deutsch. Sympathien, wie er vor Gericht bekundet, pflegt er für den ehemaligen Präsidenten der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo. Den habe er schon zu Studentenzeiten unterstützt, sagt er. Gbagbo muss sich derzeit vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wegen Massenmords verantworten. Beim Prozessauftakt in Den Haag wäre er gern als Unterstützung dabei gewesen, sagt Wilhelm M. In Deutschland ist der 50-Jährige geduldet und hat eine Aufenthaltserlaubnis nach Paragraf 25 (5) Aufenthaltsgesetz. Heißt: Er kann aus humanitären Gründen nicht abgeschoben werden.

Die Staatsanwaltschaft sieht auch die Möglichkeit, dass der Angeklagte seine Taten im Zustand verminderter Schuldfähigkeit begangen haben könnte. Da von ihm in Zukunft weitere erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten seien und er für die Allgemeinheit gefährlich sei, soll er dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. Ein Urteil wird für Ende August erwartet.