Magdeburg l Tobias Hengstmann richtet sich bereits am Mittwoch – über den Volksstimme-Titel „Haseloff schwört auf Lockdown ein“ gebeugt – eine Dose Hundefutter zum Abendbrot an. Natürlich überzieht der Kabarettist in der beschriebenen Filmsequenz von seinem Facebookprofil, wie es des Kabarettisten Art ist. Für eine Stulle reicht’s noch. Die Schriftzüge „Existenz bedroht“ und „Alarmstufe Rot!“ meint der Protagonist aus der familiengeführten Spielstätte „... nach Hengstmanns“ am Breiten Weg aber bitterernst. Sein Bruder und Bühnenpartner Sebastian hat sein Profilbild wie Dutzende anderer Magdeburger Künstler und Kulturschaffende sowie deren Unterstützer mit dem warnenden Slogan „Ohne Kunst & Kultur wird’s still“ untertitelt.

Plakative Solidarität auf Facebook

Die nebenstehende Facebook-Profilbildauswahl zeigt nur einen kleinen Ausschnitt der Magdeburger Köpfe, die sich der Warnung plakativ anschließen – teils selbst in Notlage, teils solidarisch mit Betroffenen. Vor allem den kleinen, privat oder von Vereinen geführten Kultureinrichtungen steht das Wasser schon seit der ersten Zwangspause ab März und bei danach stark eingeschränktem Publikumsverkehr bis zum Hals. Bisherige Hilfsprogramme federn die Notlage der Häuser und ihrer Mitarbeiter sowie vieler Solisten kaum ab. Darauf weisen Künstler in ganz Deutschland eindringlich hin.

Entsprechend herrscht Trauer bis Verzweiflung nach dem Befehl zur erneuten Zwangsschließung. „Das war’s dann endgültig mit der Kultur“, schreibt Lars Johansen in einer ersten Aufwallung unguter Gefühle nach dem Bekanntwerden. Der Kabarettist und Vorsitzende des Moritzhof-Trägervereins hatte sich im Frühjahr an die Spitze einer solidarischen Bewegung zur Unterstützung von Künstlern gestellt.

„... der singende, tanzende Abschaum der Welt

„Bordelle, Spielhallen und Theater ... Wir sind der singende, tanzende Abschaum der Welt“, reagiert Schauspieler Jochen Gehle auf Johansens Ausbruch. Die Aufzählung der erneut zu schließenden Häuser und die bundespolitisch ausgereichte Umschreibung, dass dies alles „dem Vergnügen diene“ und mithin in der Krise verzichtbar sei, bringt viele in den letzten Monaten um Hygienekonzepte und den bestmöglichen Schutz ihrer Besucher bemühte Kulturmacher an den Rand des nervlich Verkraftbaren.

Unter der auf die eben verpassten Kulturhauptstadt-Weihen bezogenen Überschrift „Kultur ohne Titel“ setzt Schauspielerin Ines Lacroix für das Theater an der Angel einen aufgewühlten persönlichen Text ab: „Umplanen. Aufgeben? Neu anfangen! Job wechseln? Alle Gedanken schlagen übereinander auf mich ein.“ Viel Zuspruch von den Fans des Hauses folgt, traurig kommentierte Fotos von gekauften Tickets für November-Vorstellungen, Durchhaltewünsche. „Eure Fans brauchen Euch als Balsam für die Seele“, schreibt eine Theaterfreundin. Harte Zeiten für Macher und Konsumenten. Wie die Szene sie übersteht, ist offen.

Hengstmanns mit Zusatzvorstellung

Hengstmanns Kabarett legt am Sonntag, einen Tag vor Schließgebot, eine Zusatzvorstellung ein und schreibt: „Wir sehen uns hoffentlich. Es könnte wirklich die letzte Vorstellung sein.“