Magdeburg (vs) l In den 1920er Jahren hat sich Magdeburg weithin einen Ruf als „Modellstadt“ erarbeitet. Carl Krayl, der Vater von Bruno Krayl, hat diesen Aufbruch entscheidend mitgestaltet. Kunsthistoriker Michael Stöneberg erforscht fasziniert die Zeiten, in denen die Stadt neu gedacht wurde.

Wenn Bruno Krayl und Dr. Michael Stöneberg durch Magdeburg gehen, richtet sich ihr Blick unweigerlich auf die Architektur. Sie schauen anders als viele andere Einwohner auf das, was hier baulich gewachsen ist – besonders in Zeiten, in denen Magdeburg als „Modellstadt der Moderne“ galt.

Errungenschaften spielten lange keine Rolle

Beide haben eine enge Verbindung zu den 1920er Jahren. Bruno Krayl ist der Sohn des Architekten Carl Krayl, der mit Bruno Taut und Johannes Göderitz in einem Atemzug genannt wird, wenn es um die Ära des „Neuen Bauens“ in der heutigen Ottostadt geht.

Dr. Michael Stöneberg, Kunsthistoriker und Kurator am Kulturhistorischen Museum, beschäftigt sich seit Studienzeiten mit der modernen Architektur der 20er Jahre, kam 2015 aus Frankfurt am Main in die Elbestadt, fasziniert davon, wie sehr diese Geschichte hier noch zu erleben ist. Das Bauhaus-Jubiläum – Deutschland und die Welt feiern die Gründung vor 100 Jahren – ist in Magdeburg der Anlass für zahlreiche Aktivitäten, zu beleuchten und zu präsentieren, was lange geschlummert hat.

„Bei den Nazis verbannte man das Thema und auch in der DDR wurde es lange unter der Decke gehalten“, sagt Dr. Michael Stöneberg, „dadurch spielten die Errungenschaften Magdeburgs in den 20er Jahren über eine Generation hinweg kaum eine öffentlich wahrnehmbare Rolle."

Ergebnis vieler Bemühungen

Dass sich die kollektive Wahrnehmung langsam verändere, nehmen der Kunsthistoriker und der Sohn des berühmten Architekten als Ergebnis ihrer langjährigen Bemühungen mit Freude wahr. Für das gestiegene Interesse haben nicht zuletzt kürzlich die Ausstellung „Reformstadt der Moderne. Magdeburg in den Zwanzigern“ im Kulturhistorischen Museum und eine umfangreiche Publikation gesorgt.

„Endlich konnten wir zeigen, dass hier die Ideen und Prozesse der Moderne früher und konsequenter als in jeder anderen deutschen Großstadt umgesetzt worden sind“, sagt Dr. Michael Stöneberg und verweist darauf, dass ab 1925 mit der Hermann-Beims-Siedlung in Magdeburg die erste Großsiedlung der Moderne überhaupt gebaut wurde.

Bisher sei vor allem Frankfurt als Stadt der Moderne bekannt gewesen. Das „neue Frankfurt“ hätte aber erst ab 1925 Gestalt angenommen, als man sich an der Elbe schon vier Jahre lang auf neuen Pfaden bewegt hätte, so der Kunsthistoriker. „Mein Vater und seine Mitstreiter haben die Stadt Magdeburg mit ihren modernen Siedlungsbauten, die sich dank sozialer Mieten auch einfache Arbeiter leisten konnten, weltbekannt gemacht“, sagt Bruno Krayl. Das könne kaum hoch genug bewertet werden.

Mit Vordenkern die Stadt umgeformt

Der Magdeburger, der sich nach seiner Gefangenschaft im Zweiten Weltkrieg bewusst dafür entschieden hat, in seine Geburtsstadt zurückzukehren, wird nicht müde, das immer wieder zu erzählen – am liebsten vor Ort und staunenden Besuchern, wie bei den Führungen der „Grand Tour der Moderne“. Die verbindet bedeutende Gebäude, die zwischen 1900 und 2000 entstanden sind und führt eben auch durch die Flächendenkmale Gartenstadt-Kolonie Reform und Beimssiedlung in Stadtfeld. „Plötzlich bedeutet es etwas, wenn es heißt: Das ist auch ein Krayl“, sagt er.

Wenn er das hört, kann Bruno Krayl ausholen, erklärt, dass die Moderne sich nicht nur beim Bauen niedergeschlagen hat. „Der erste frei gewählte Oberbürgermeister Hermann Beims hat mit Vordenkern an seiner Seite Magdeburg in eine Stadt umgeformt, die in vielen Bereichen sozialer wurde. „Egal, ob Kultur oder Gesundheitsfürsorge, vieles wurde hier reformiert, diese Stadt war ein Leuchtturm in der Weimarer Republik“, ergänzt Dr. Michael Stöneberg.

Immer neues Material taucht auf

Er sei immer wieder aufs Neue fasziniert, was in der „Reformstadt der Moderne“ auch kulturhistorisch passiert sei. „Das ist unfassbar interessant. Je mehr Steine man umdreht, desto mehr Material taucht auf für weitere Forschungen“, so der Kurator.

Die Leidenschaft, mit der beide Magdeburger für das Thema brennen, hindert sie nicht daran, auch die historischen Wurzeln der Stadt, die weiter zurückreichen, zu betrachten oder in die Zukunft zu blicken.

Bewerbung kann auf Geschichte verweisen

Bruno Krayl meint: „Ich finde es gut, dass sich Magdeburg als Kulturhauptstadt Europas bewirbt, denn so können wir unsere Geschichte verdeutlichen.“ Und Dr. Michael Stöneberg erklärt: „Magdeburgs Chancen bestehen darin, dass man die Brüche noch erkennen kann. Denn nur so wird auch deutlich, mit welchem Willen zur Verbesserung hier gehandelt wurde und wird.“

"Made in Magdeburg" ist eine Gemeinschaftsserie von Volksstimme und dem Stadtmarketingverein Pro M. Mehr gibt es auf einer eigenen Internetseite.

 

„Made in Magdeburg“ ist eine Gemeinschaftsserie von Volksstimme und dem Stadtmarketingverein Pro M. Mehr dazu auch online unter der Adresse www.made-in-magdeburg.com.