Magdeburg l Leere Säle, leere Bühnen. Auftrittsverbot. Publikumsentzug. Das Coronavirus weidet Orte der Begegnung aus. Die Kulturszene leidet enorm. Kabarettist Lars Johansen ist stellvertretend für jene freien Kulturarbeiter zum Jahresmagdeburger 2020 nominiert, die versuchen, Rettungsnetze für die existenzbedrohte Szene zu spannen.

Im Moritzhof spielen mehr als 60 Mitwirkende in 60 Folgen „Hof on air“ im ersten Lockdown von März bis Mai 24.000 Euro Spendengeld für Künstler mit Auftrittsverbot ein. Auch der Offene Kanal bietet Solisten der Region Auftrittsmöglichkeiten vor der Kamera und wirbt dabei um Spenden zu deren Existenzsicherung. Etwas später spannt die Festung Mark mit Sponsorenhilfe einen Kulturschutzschirm im Freien auf und bietet eine Bühne mit Publikum auf großzügig abstandshalber abgezirkelten Zuschauerplätzen.

Gerade die freie Szene der Stadt erweist sich als kreativ in Sachen Hilfe zur Selbsthilfe, um wenigstens den Kontakt zum Publikum zu halten. Die Zwickmühle und die Hengstmanns entdecken die wahlweise im Homeoffice oder im Probenkeller aufgestellte Kamera als probates Mittel für Durchhalte-Inszenierungen der bisweilen schwarzhumorigen Art. Dem wirtschaftlichen Überleben dient tatsächlich nichts davon.

Hansdampf und Antragsstudent

Als eine Art Hansdampf in allen Gassen netzwerkend und moderierend steht Lars Johansen an der Seite von Kulturmachern im Überlebenskampf – mit, wie er vielfach betont, vielen anderen. Mit Christian Szibor zum Beispiel, dem Festung-Mark-Chef, mit dem er Seite an Seite ein Podium moderiert und leitet, in dem sich Vertreter freier Theater und Kabaretts, Clubs und Kulturzentren, Solisten und freie Ensembles regelmäßig über ihre Nöte austauschen, Pläne zur Abhilfe schmieden und an die Politik herantragen, was als Nothilfe dringlich ist zum Überleben.

„Es hängenden Tausende Existenzen allein an Magdeburg an dieser Szene, auf, vor und neben den Bühnen“, sagt Johansen, der sich selbst – immerhin mit einer Viertelstelle bei der Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren und ein paar Aufträgen als Autor für Filmportale ausgestattet – gegenüber anderen Kollegen, die ausschließlich vom Liveerlebnis leben, noch in nobler Lage sieht. „Ich komme noch eben so ohne Unterstützung klar, aber andere haben Komplettverlust, null Einnahmen.“

Johansen hat Förderprogramme studiert und sich zum Ansprechpartner für Kollegen bereiterklärt, die teils im bürokratischen Dschungel versinkend, teils aus Scham – bisher komplett leer ausgingen und im Einzelnen in echter sozialer Notlage oder als freie Stätte in echter Existenznot sind.

Krisenerprobt am eigenen Leibe

Ein Antragsspezialist wider sein eigenes Naturell zu werden, hat Johansen Nerven in stundenlangen Sitzungen und Gesprächen gekostet – amtliche und politische Auseinandersetzungen, die keines Künstlers Passion sind, aber eben gerade jetzt nicht zu umgehen zum Überleben. Die meisten Künstlerkollegen wünschten sich, es ginge ohne staatliche Hilfe, dafür mit Eigenintiative und Publikum, doch wann das wiederkommen darf, steht aktuell leider in den Sternen.

Johansen bringt als Verhandler und Moderator ein paar Eigenschaften mit, die manchem Kollegen abgehen: Geradeaus-Ton, eine Art Auf-der-Hut-sein-Geist gepaart mit prinzipieller Menschenfreundlichkeit und dem Glauben an den Einzelnen, wenn man nur persönlich ins Gespräch kommt. Johansen hält auch die ein oder andere Beschimpfung wacker, überwiegend gelassen und ohne Verbitterung aus. So geht’s halt Leuten mit Haltung. Am Hasselbachplatz hat er sogar schon auf die Nase bekommen, „aber das war ein ganz armer Kerl, einfach psychisch durch den Wind“. „Was sollte ich dem noch ne Anzeige anheften?“

Johansen ist krisenerprobt am eigenen Leibe. Er kommt 1994 nach Magdeburg – zu den „Kugelblitzen“, damals noch sicher im Schoß des Theaters als eigene Sparte agierend. Damit ist es 2003 vorbei. Die Kabarett-Sparte am Theater wird weggespart. Im Magdeburger Haushalt tut sich damals wie absehbar in den kommenden Jahren ein Millionen Euro tiefes Loch auf und der Rotstift regiert. „Die Kugelblitze“ machen als freies Ensemble weiter. Johansen geht ab 2015 solistische Wege und mischt sich seither stärker werdend auch ins Stadtgeschehen, in gesellschaftliche Entwicklungen ein – kontrovers, aber vor allem der Stadt und Städtern herzlich zugewandt.

Keine kulturellen Elfenbeintürme

Johansen platzt fast vor Freude und Stolz, wenn er von Begegnungen im Supermarkt oder irgendwo auf der Straße erzählt, solche der schulterklopfenden Art: „Mensch, von dich hab ich schon mal was jehört. Mach mal weiter so.“ Oder eine Einladung auf ein Bier.

Johansen erinnert sich bis heute oft an seinen ersten Arbeitsplatz in einer Buchhandlung in Gießen, an deren Besitzer und einen immer wieder im Laden erscheinenden Mann ohne festen Wohnsitz. „Der kam rein und hat gefragt, ob er sich ein Buch ausleihen könne. Mein Chef hat genickt und hinterher das Geld in die Kasse gelegt.“ Der Mann habe die Bücher immer wiedergebracht: „Hier, hab ich schon gelesen. Krieg ich noch eins?“ Er hat immer neue Bücher bekommen und sich Jahre später mit einer Flasche Tequila bedankt.

Das Erlebnis hat Johansen – den Theaterwissenschaftler, Italowestern- und Horrorfilm-Fan, den Tageskneipengänger, den Antragsstudenten, eben den Hansdampf-in-allen-Gassen-Typen – geprägt. Elfenbeintürme, auch kulturelle, stören ihn ganz erheblich und mit Blick darauf stört ihn gewaltig, dass sich das große Theater der Stadt – auch in Nöten, aber deutlich besser mit Kurzarbeitergeld und Subventionen abgesichert – bisher kaum eingebracht hat in den gemeinsamen Überlebenskampf der Kulturszene. „Beides ist wertvoll – Hochkultur und Szene, aber es muss ein Miteinander geben“, sagt Johansen und verspricht sich einiges vom 2022 anstehenden Intendantenwechsel. Dafür, dass bis dahin nicht nur die großen Häuser, sondern auch die wertvolle freie Szene überlebt, ist Johansen fest entschlossen, zu ackern.

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