Magdeburg l Ein wenig verwundert steht ein junges Schaf mit abgespreizten Ohren vor der Krippe: Was soll das denn? Statt Heu gibt es heute ein Kind? Naturgetreue Details machen auch die anderen Figuren der alten Weihnachtskrippe zu einem Hingucker. Die Schnitzkunst mit Hirten und Weisen, mit Kamelen, Ochsen und Schafen und natürlich mit dem Jesuskind, Maria und Josef befindet sich im Magdeburger Dom.

Domprediger Giselher Quast nennt sie „die Friedenskrippe“. Und das, obwohl sie aus einer Zeit des Kriegs und der Zerstörung stammt. Gefertigt wurde sie in den 1940er Jahren. Giselher Quast sagt: „Unserer Gemeinde ist nur noch bekannt, dass ein Kriegsgefangener aus Frankreich diese Arbeit angefertigt hat.“ Davon hatte Erich Waeke, Domküster in den 40er und 50er Jahren, berichtet. „Weitere wichtige Informationen sind leider im Laufe der Zeit verloren gegangen“, sagt der Domprediger. Vor allem die, wie der Künstler hieß und woher er kam. Wahrscheinlich hat der auch für andere Einrichtungen oder gar für Haushalte in Magdeburg weitere Schnitzarbeiten angefertigt, so die Vermutung aus dem Magdeburger Dom. Die Hoffnung: Ein Magdeburger erkennt den Stil der Schnitzarbeit wieder und hilft mit, das Rätsel um die Herkunft der weihnachtlichen Kunst aufzuklären.

„Friedenskrippe“ nennt Giselher Quast die Arbeit übrigens wegen ihrer besonderen Symbolik: Ein Geschenk zu einem der wichtigsten Feste der Christenheit von einem Feind an den anderen zu einer Zeit, in der viele Menschen im nationalen Rausch völlig aus den Augen verloren hatten, was Menschlichkeit eigentlich bedeutet.

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Nachfrage im Krippenmuseum

Schon lange Zeit beschäftigt sich der Domprediger mit der Frage zur Herkunft der Arbeit. In all den vergangenen Jahren habe sich aber weder für ihn noch für andere Gemeindemitglieder die Gelegenheit ergeben, genau zu recherchieren. Auf jeden Fall hat er sich dieses Thema schon einmal als Aufgabe für das kommende Jahr notiert. Ein nahegelegener Anlaufpunkt dafür könnte beispielsweise das Krippenmuseum in Lüdelsen im Altmarkkreis Salzwedel mit 570 Krippen aus 83 Ländern sein.

Auch wenn sich viele Besucher für Weihnachtskrippen interessieren – im Falle des Magdeburger Doms müssen sie schon zu einer Andacht und nicht als touristische Besucher kommen, um die alte Krippe in Augenschein nehmen zu können. Grund: Schon zu oft ist im Dom etwas gestohlen worden. Und zu schnell wäre eine der handlichen Figuren in einem unbeobachteten Moment in eine Tasche gesteckt. Giselher Quast sagt: „Die Arbeit ist uns einfach zu wertvoll, als dass wir das riskieren möchten.“ Das wäre vor allem vor dem Hintergrund ärgerlich, als dass – im Gegensatz zu vielen anderen Kunstwerken, die in Magdeburg in den vergangenen Jahrhunderten verloren gegangen sind die geschnitzten Figuren um eine sorgsam auf das Kind in der Krippe schauende Maria vollständig und unbeschädigt erhalten geblieben sind. Die Stücke sind so gut erhalten, dass man ihnen die mehr als 70 Jahre nicht ansieht.

Neben dieser alten Weihnachts­krippe aus dem Zweiten Weltkrieg gibt es übrigens inzwischen auch eine neueren Datums im Dom. Sie ist so neu, dass sie noch nicht einmal vollständig ist. Um die noch fehlenden Figuren zu vervollständigen, werden Spenden gesammelt. Wenn diese Spendensammlung so funktioniert, wie es sich die Organisatoren wünschen, komplettieren im kommenden Jahr ein paar Tiere das hölzerne Ensemble.

Wer etwas zur Identität des Künstlers weiß, kann sich auch in der Lokalredaktion der Magdeburger Volksstimme melden. Sie vermittelt die Informationen weiter.