Magdeburg l In einer Magdeburger Bankfiliale trifft Tom R. mitten in der Nacht auf den Obdachlosen Steffen. Er liegt dort eingerollt in einem Schlafsack auf dem Boden. Draußen sind es Minusgrade. Steffen bittet um einen Schlafplatz. Ins Obdachlosenheim habe man ihn nicht gelassen. Tom R. ringt sich durch. 

Helfer in Sorge

In einer Einraumwohnung am Hasselbachplatz prallen vor wenigen Nächten zwei Welten aufeinander: Ein Magdeburger stellt dem Obdachlosen Steffen sein Sofa zur Verfügung. Für den 35-Jährigen ohne Wohnsitz sei es laut eigener Aussage eine der wärmsten und gemütlichsten Nächte seit langem gewesen, sagt Tom R.

Der Wohnungsbesitzer selbst hat hingegen kein Auge zugetan. Tom R. heißt in Wirklichkeit ganz anders. Doch würde seine Mutter seinen Namen hier lesen, fiele sie wahrscheinlich in Ohnmacht, weil er wildfremde Männer in seiner Wohnung übernachten lässt. Der 37-Jährige sorgt sich und möchte deswegen anonym bleiben.

Zurück zum Anfang: Eine der bisher aufregendsten Nächte im Leben des Magdeburgers beginnt mit einer leeren Tabakpackung. Es ist Montagnacht und Raucher Tom R. will neuen Tabak besorgen. Er macht sich auf den Weg, um Bargeld abzuheben. Der 37-Jährige wohnt direkt am Hasselbachplatz. Dort öffnen sich die Türen zu den Geldautomaten der Sparkasse nachts allerdings nicht mehr. Nach den regulären Öffnungszeiten schließt seit ein paar Wochen auch der SB-Bereich. Als Grund gibt die Sparkasse Sachbeschädigungen an.

Um Geld angebettelt

Tom R. radelt zur Filiale am Alten Markt. Es ist kurz vor Mitternacht, als ihn dort ein junger Mann um Geld anbettelt. Es ist der Obdachlose Steffen, liegend auf dem harten Boden. Tom R. weicht aus, erklärt, dass er auch nicht viel Geld besitze. Kurz vor Monatsende ist er selbst unsicher, ob der Automat ihm „Geld ausspuckt“. Doch es funktioniert. Tom R. hat Mitleid. Er sucht sein letztes Kleingeld zusammen und gibt es ab.

„Plötzlich bekam der Obdachlose ganz feuchte Augen und entschuldigte sich dafür, dass er mich so bedrängt habe“, erinnert sich Tom R. noch gut an den Moment, als die beiden ins Gespräch kommen. Der Obdachlose erzählt, dass er erst in einer nahe gelegenen Bank am Breiten Weg während der kalten Tage Unterschlupf gefunden hatte. Jedoch habe das wenig später ein Sicherheitsdienst verhindert.

„Warum nicht ins Obdachlosenheim?“, will Tom R. wissen. Und ist schockiert über die Antwort: Dort habe man Steffen nicht aufgenommen. Grund dafür soll seine Herkunft gewesen sein. Denn Steffen ist kein Magdeburger. Sondern sein Personalausweis wurde in Sachsen ausgestellt.

Asyl nimmt nicht jeden auf

Die Volksstimme fragt bei der Stadt nach, ob wirklich nur Magdeburger in der Unterkunft in der Basedowstraße schlafen dürfen. „Aktuell wird zunächst jeder Obdachlose, unabhängig vom Herkunftsort, aufgenommen“, lautet die Antwort von Stadtsprecher Michael Reif. Insgesamt stehen dort 88 Plätze zur Verfügung. Reif: „In den vergangenen Jahren haben unsere Plätze immer ausgereicht, auch bei länger anhaltenden Frosttemperaturen.“

Die Betonung liegt offensichtlich auf „Frosttemperaturen“. Denn Florian Sosnowski, der Leiter der Magdeburger Bahnhofsmission, kann aus Erfahrung berichten: Dieser Tage gelte eine Ausnahmeregelung in der Unterkunft aufgrund des kalten Wetters. Regulär würde jedoch oftmals wirklich nur Magdeburgern der Zutritt gewährt. Zwar steht in der Magdeburger Satzung über die Benutzung der Obdachlosenunterkünfte nichts von solchen Beschränkungen. Laut Volksstimme-Informationen ist diese Handhabe jedoch Usus.

Obdachlosen haben keine Stimme

Hintergrund dafür: Für jede Übernachtung bekommt die Einrichtung Geld von der Stadt, in der die Obdachlosen gemeldet sind. Das Geld von den Behörden aus München oder Berlin zu organisieren ist wesentlich umständlicher als vom eigenen Amt in Magdeburg. Florian Sosnowski habe die Erfahrung gemacht, dass wiederholt reisende Obdachlose kein Bett bekommen haben.

Für Tom R. ist das nicht zu fassen. „Die Obdachlosen haben keine Stimme.“ Jeden Tag beobachte er einen älteren Mann, der sich am Hasselbachplatz ein Nachtlager aufbaut. Bis vor kurzen rollte er seine Isomatte noch im Eingang eines leerstehenden Hauses am Breiten Weg aus. Doch damit ist jetzt Schluss. Mit Holzbrettern wurde der Unterschlupf verbarrikadiert.

Bei der Bahnhofsmission kennt man den Mann und seine Verzweiflung. Für Florian Sosnowski können solche Maßnahmen nicht die Lösung sein. Lieber sollten die Banken und Co Geld spenden für sichere Übernachtungsplätze, zum Beispiel in Containern. Denn ein großes Problem im Obdachlosenheim sei die Kriminalität.

Angst vor Übergriffen

Von solchen Sorgen habe auch Steffen berichtet, erzählt Tom R. Der Obdachlose habe in den verschiedensten Städten gelebt. Diebstahl, Pöbeleien untereinander und sexuelle Übergriffe sollen in den Unterkünften keine Einzelfälle gewesen sein. Steffen habe auch erzählt, warum er auf der Straße gelandet ist. Es braucht nur wenig Schlagworte: aufgewachsen im Heim, später betreut von unaufmerksamen Pflegeeltern, von der großen Liebe verlassen. Es habe die Kraft gefehlt, um beim Amt um Hilfe zu bitten. „Aber er wollte unbedingt raus aus der Situation“, so Tom R.

Woran er das gespürt hat: Steffen hat sich bei der Magdeburger Bahnhofsmission Hilfe gesucht. Und auch bekommen: Ihm wurde ein Zugticket nach Göttingen ausgestellt. Weil der Obdachlose abgereist ist, konnte die Volksstimme nicht mit Steffen selber sprechen. In Niedersachsen hat er jetzt die Chance auf einen Platz im betreuten Wohnen.

Auf Nachfrage erklärt Bahnhofsmissions-Leiter Sosnowski: „Wir haben ein großes Netzwerk und können Kontakte vermitteln.“ Weil Tom R. in der besagten Nacht weiß, dass Steffen am nächsten Morgen weiterreist, lässt er den Obdachlosen bei sich schlafen. „Wenn die Gefahr bestanden hätte, dass er jede Nacht wieder vor meiner Tür steht, hätte ich es vielleicht nicht gemacht.“

Kaputte Knochen

Heute ist er froh, seine 42 Quadratmeter mit dem Bedürftigen geteilt zu haben. Sein Schlafgast habe sich wie ein kleines Kind über das weiche Sofa gefreut. „Seine Knochen waren vom harten Boden mit 35 Jahren schon völlig kaputt.“ Immer wieder will Steffen seinen Gastgeber umarmen. Nicht nur diese Nähe verunsichert Tom R. Er hat Angst, in der Nacht bestohlen zu werden. Ganz offen spricht er den Obdachlosen darauf an. Steffen bietet ihm an, seinen Personalausweis als Pfand zu verwahren. Das sei das Wichtigste, was er besitze.

Offiziell gibt es in Magdeburg circa 180 Obdachlose, die bei den Behörden gemeldet sind. Die Dunkelziffer sei allerdings viel höher, weiß Florian Sosnowski aus Erfahrung. Regelmäßig sitzt er mit den Betroffenen zusammen. Sein Credo: „Wir setzen niemanden unter Druck, sondern wenn jemand Hilfe annehmen will, kann er auf uns zukommen.“

Und Steffen ist auf Tom R. zugekommen: „Kannst du bitte mehrere Wecker stellen, damit ich meinen Zug nicht verpasse?“, lautet seine Bitte kurz vor dem Zubettgehen. Tom R. stellt drei Wecker – und bleibt trotzdem wach. Er ist nicht nur zu aufgewühlt, sondern auch Steffens lautes Schnarchen hält ihn wach. Kurz bevor die Wecker klingeln, setzt Tom R. einen letzten, heißen Tee für den Obdachlosen auf.