Magdeburg l Der kleine Leon kann nicht bei seiner leiblichen Mutter leben. Als er nicht mal ein Jahr alt ist, kommt er in die Bereitschaftspflege. In diesen besonderen Pflegefamilien werden Kinder vorübergehend untergebracht, wenn sie in Not geraten, ihre eigenen Eltern sie nicht mehr versorgen können.

Es folgen Wochen, in denen das Jugendamt Magdeburg mit allen Beteiligten klärt, ob das Kind zu seinen Eltern zurückkehren kann oder dauerhaft ein anderer Lebensmittelpunkt gefunden werden muss. Heute – 15 Monate später – lebt Leon in seiner neuen Familie.

Kinderwunsch mit Pflegekind erfüllt

Er hat im Sommer 2017 bei Judith Linde-Kleiner, ihrer leiblichen, zwölf Jahre alten Tochter und ihrer Frau Uta ein Zuhause gefunden. Mit der Entscheidung für ein Pflegekind „konnten wir uns unseren Kinderwunsch erfüllen“, sagt Judith Linde-Kleiner.

Circa ein Jahr hat es gedauert – von der ersten Kontaktaufnahme zum Jugendamt bis zum Einzug von Leon. Die zukünftigen Pflegeeltern füllen einen detaillierten Fragebogen aus. Dabei geht es um Alter, Geschlecht und die Herkunftsfamilie des Kindes. Damals habe Judith Linde-Kleiner diese Liste als seltsam empfunden. „Aber mittlerweile verstehe ich es. So kann möglichst gut ausgeschlossen werden, dass es am Ende zwischen den Pflegeeltern und dem Kind nicht passt.“

Mutter mit Pflegemüttern einverstanden

Für die Pflegemama ein wichtiger Punkt. Denn: „Pflegekinder haben bereits einen Beziehungsabbruch hinter sich. Dass sich das wiederholt, sollte unbedingt vermieden werden“, so die 35-Jährige. Judith Linde-Kleiner und ihrer Frau war nur wichtig, dass die leiblichen Eltern ihres Pflegekindes nicht aggressiv sind, der Familienzuwachs nicht älter als zwei Jahre ist und ganz entscheidend: „Die leiblichen Eltern sollten ihr Okay dazu geben, dass ihr Kind in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung aufwächst.“ Leons Mutter hat damit kein Problem.

Judith Linde-Kleiner kann sich noch gut an die erste Begegnung mit Leon im Jugendamt erinnern. „Wir fanden ihn sofort so süß.“ Anfangs haben die zukünftigen Pflegemütter den Einjährigen nur beobachtet. Es folgen weitere Treffen, Eltern und Kind nähern sich an. Bis Leon nach drei Wochen Eingewöhnung das erste Mal in seinem neuen Zuhause übernachtet.

Pflegemutter als Mama akzeptiert

Während die Magdeburgerin davon erzählt, düst Leon mit einem Kinderauto um sie herum. Die Pflegemutter folgt ihm mit ihren Augen überall hin. Schwungvoll drückt er sich mit seinen Beinen ab. Bis ein Bordstein dem Spaß ein Ende bereitet. Leon beginnt zu weinen und ruft nach seiner „Mama“. Judith Linde-Kleiner ist sofort da, nimmt ihn liebevoll auf den Arm und tröstet. Schnell ist der Sturz vergessen.

Seine zweite Pflegemutter nennt Leon „Mamau“ – das U von Uta einfach an das Mama drangehängt. Das sei die Idee ihrer Tochter gewesen, erklärt Judith Linde-Kleiner.

Sommerfest beim Pflegekinderdienst

Leon zeigt derweil auf die Hüpfburg, die auf dem Gelände vor dem Mehrgenerationenhaus „Villa Böckelmann“ aufgebaut ist. Die Pflegefamilie ist zu Gast beim Sommerfest vom Pflegekinderdienst des Magdeburger Jugendamtes. Seit drei Jahren laden die Mitarbeiter und Amtsleiterin Cornelia Arnold alle Pflegefamilien zum Grillen und Spielen ein. Die Stimmung ist ausgelassen. „Wir wollen damit den Pflegeeltern Danke sagen“, so Marco Jeske vom Jugendamt.

Die Pflegefamilie Linde-Kleiner hat in den letzten Monaten viel Zeit investiert, um alles zu regeln und zusammenzuwachsen. „Zum Glück haben unsere Kollegen das Ganze mitgetragen“, sagt Judith Linde-Kleiner. Die Ausbilderin für Erzieher ist dankbar für die Unterstützung. Die gab es auch von ihrer zwölfjährigen Tochter. „Wir haben das zusammen entschieden und auch sie hat sich das gewünscht.“ Das bedeute allerdings nicht, dass es nicht trotzdem mal zu kleinen Eifersuchtsattacken kommen kann.

Regelmäßiges Hilfeplangespräch

Apropos Eifersucht: Weiß Leon, dass sie nicht seine leiblichen Eltern sind? Judith Linde-Kleiner: „Noch ist er zu klein, um das zu verstehen, aber wir gehen offen damit um.“ Jedes halbe Jahr gibt es ein Hilfeplangespräch, bei dem alle an einen Tisch kommen – auch das betroffene Kind. „Die Kinder wissen früher oder später also ganz genau, dass sie sich in einer anderen Situation befinden.“

Die Pflegeeltern machen sich jedoch noch Gedanken über den besten Weg, Leon seine Vergangenheit zu erklären. „Er soll wissen, dass seine Mama sich zwar nicht um ihn kümmern konnte, aber dass da nie eine böse Absicht dahinter stand.“

Leibliche Mutter hat Recht auf Umgang

Bisher hat Leons Mutter keinen Kontakt zu ihm gesucht. Bei Pflegekindern haben die leiblichen Eltern ein Recht auf Umgang. Die Mutter könnte sich jederzeit beim Jugendamt melden. „Da habe ich Respekt vor, aber das ist der Deal, auf den man sich als Pflegeeltern einlässt“, sagt die 35-Jährige. Über Adoption haben sie trotzdem nie nachgedacht. Schon allein, weil dieser Weg viel länger gedauert hätte.

Leons neue Eltern wünschen sich trotzdem, dass er bei ihnen aufwächst und nicht irgendwann zurück in seine Herkunftsfamilie geht. „Das Ziel bleibt natürlich immer, dass die leiblichen Eltern in die Lage versetzt werden, dass das Kind zu ihnen zurück kann“, erklärt Alexander Selig vom Pflegekinderdienst. Doch Fakt ist: Gut 90 Prozent der Kinder bleiben bis zum ihrem 18. Lebensjahr in ihrer Pflegefamilie.

Adoption dauert zu lange

Judith Linde-Kleiner und ihre Frau wissen schon nach wenigen Wochen, dass sie alles richtig gemacht haben. „Ich kann das nur allen Eltern empfehlen. Es ist ein gangbarer Weg, man wartet nicht ewig wie bei einer Adoption und wird intensiv durch das Jugendamt betreut“, sagt Judith Linde-Kleiner und macht deutlich: „Auch wenn viele Kinderheime inzwischen gut sind, ist es für so kleine Kinder einfach keine geeignete Unterbringung. Diese Kinder müssen in stabilen Familien aufwachsen können.“