Magdeburg l „Mein Opa Paul hat mich hier schon als Säugling durch den Garten geschoben“, sagt Monika Sempfle nachdenklich, während sie liebevoll über die Blätter der Rose streicht, die den Gartenweg in der Magdeburger Kleingartensparte "Am Unterbär" säumt. Die Pflanzen halten Winterschlaf. In der schönen Jahreszeit wächst und blüht es auf der Parzelle üppig: Kartoffeln, Mohrrüben und Rosenkohl gedeihen auf den Beeten. Lavendel und Rosen versprühen wunderbare Düfte. Es ist ein kleines Paradies für Monika Sempfle und ihren Mann Kurt - seit Jahrzehnten schon.

„Meine Mutti hat den Garten von meinem Opa übernommen und ich von meiner Mutti“, meint die 75-jährige Magdeburgerin. Der Walnuss- sowie der Pflaumenbaum, die schon der Großvater gepflanzt hat, schenken heute noch Früchte. Doch der Traum, die kleine selbst geschaffene Oase bis ins hohe Alter genießen zu können, droht zu platzen.

Magdeburg baut zwei Schulen

Seit die Nachricht die Runde machte, dass wichtige Bereiche der Anlage einem Grundschulneubau zum Opfer fallen sollen, finden auch die Sempfles kaum noch Ruhe. Dabei wäre ihre Parzelle wahrscheinlich nicht direkt betroffen von den Bauplänen, aber zahlreiche Nachbarn. „Der Gedanke, dass unsere Anlage zerstört werden soll, schmerzt sehr“, sagt Monika Sempfle und erntet Zustimmung von ihrem Mann.

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Er sagt: „Es geht uns nicht nur um uns. Wir kämpfen dafür, dass die Anlage für alle Kleingärtner und in der jetzigen Form erhalten bleibt.“ Für den 80-Jährigen und seine Frau würde die Anlage entscheidend an Erholungswert verlieren, sollten Teile davon mit Bauten für eine Schule samt Turnhalle weichen müssen.

Kampf für "ein wenig Natur"

Auch Bengt Wiegmann, betroffener Kleingärtner der Anlage „Am Unterbär“, macht seinem Ärger Luft. „Wir als Kleingärtner kämpfen nicht nur für unsere Scholle, sondern auch für ein wenig Natur“, schreibt er und betont, dass man nicht gegen Schulbauten sei, „aber bitte auf versiegelten Flächen“, so Wiegmann.

Das ist auch der Knackpunkt für das Ehepaar Sempfle. In der Umgebung gebe es Freiflächen, ohne dass den Kleingärtnern etwas weggenommen werden müsse, sagen sie. „Fragt mal jemand, wie es in uns aussieht, wenn man etwas jahrelang Liebgewonnenes, ein zweites Zuhause, aus dem Herzen gerissen bekommt“, so Monika Sempfle.

Protest erreicht Stadtrat Magdeburg

Der anhaltende Protest der Gärtner vom Unterbär und der gleichfalls von Schulbauplänen betroffenen Sparte am Schanzenweg ist inzwischen nachhaltig im Stadtrat Magdeburg angekommen. Auf der nächsten Sitzung am 24. Januar 2019 sollen die Beschlüsse für die Schulneubauen im Süden sowie in Ostelbien fallen. Für die Anlage „Fort I“ gibt es Signale, dass dieser Standort womöglich bald vom Tisch ist. Und auch die Pläne der Verwaltung für den Brückfelder Standort „Am Unterbär“ geraten ins Wanken.

Vier Änderungsanträge zum Schulstandort Cracau landeten bis bislang bereits auf der Tagesordnung für die Ratssitzung. Bemerkenswert: Alle vier beantragenden Fraktionen sehen den Schulneubau nicht in der Gartenanlage Am Unterbär. Würden alle Räte dieser Fraktionen für ihren eigenen und gegen den Vorschlag der Verwaltung stimmen, wären das schon 44 Gegenstimmen von 56 im Stadtrat. Wie die Stimmverteilung nachher aber im Einzelnen aussieht, bleibt abzuwarten.

Alternative Standorte vorgeschlagen

Die Änderungsanträge konkret: Die SPD-Fraktion schlägt den alternativen Standort am Heumarkt vor. So das Land zum Verkauf des ehemaligen Verfassungsschutzgebäudes bereit sei, sei vorrangig die Sanierung und Nutzung dieser Immobilie zu prüfen, heißt es. Die Fraktion CDU/FDP/BfM favorisiert hingegen den Standort Struvestraße/Am Brellin (verlängerte Friedrich-Ebert-Straße) – ebenso wie die Gartenpartei. Für die Linke/future! bekommt ebenfalls der Vorschlag Heumarkt den Vorzug.