Magdeburg l Nach der Bluttat eines Neonazis in Halle ist auch in Magdeburg die Betroffenheit groß. Viele fragen sich, welche Folgen dieses Attentat auf das religiöse Leben in Magdeburg hat. Die Volksstimme fragte nach.

Evangelischer Kirchenkreis: Das Thema Sicherheit soll im evangelischen Kirchenkreis mit seinen 19.500 Kirchgliedern auch in Zukunft keine hervorgehobene Stellung einnehmen. „Veranstaltungen mit großer Öffentlichkeit wie etwa ein Kirchentag wurden von uns schon immer angemeldet und waren somit schon immer der Polizei bekannt. Daran wird sich auch nichts ändern“, sagte Superintendent Stephan Hoenen. Auch auf das normale gemeindliche Leben mit Gottesdiensten werde die Tat von Halle keine besonderen Folgen haben. Veranstaltungen wie diese sollen auch künftig nicht besonders bewacht werden. Folgen habe die Tat jedoch auf die inhaltliche Arbeit. Der zunehmende Antisemitismus könne nicht akzeptiert werden, so Hoenen. „Diesem Thema wollen wir uns noch stärker als bisher widmen“, so Hoenen.

Kirchenbeauftragter bei der Landesregierung: „Wir haben ohnehin eine vertrauensvolle Beziehung zur Polizei und zur Landesregierung“, sagte Albrecht Steinhäuser, Beauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland bei der Landesregierung Sachsen-Anhalts. Das normale Gemeindeleben wie Gottesdienste werde auch künftig öffentlich bleiben. „Wenn wir uns jetzt prophylaktisch abschotten würden, hätten die Menschen, die ein Klima der Angst erzeugen wollen, ja ihr Ziel erreicht.“ Jetzt komme es vielmehr darauf an, den jüdischen Glaubensgeschwistern das Signal zu geben, dass man an ihrer Seite stehe.

Leiter des katholischen Büros: Zutiefst betroffen zeigte sich auch Stephan Rether vom Katholischen Büro Sachsen-Anhalt in Magdeburg, der Verbindungsstelle zur Landespolitik. „Hier wurde die Gemeinschaft der Weltreligionen getroffen.“ Aufgabe sei es nun, dass es eine nicht wiederholbare Einzeltat bleibe. Für den Kirchenalltag solle der Vorfall keine Auswirkungen haben. Gottesdienste waren und bleiben öffentlich und sind an jedermann gerichtet. „Wir sind keine Klubdisco mit einem Türsteher. Wir lassen uns nicht Bange machen“, so Rether weiter. Besondere Sicherheitsmaßnahmen gebe es nur bei Großveranstaltungen wie Wallfahrten.

Vorsitzende Förderverein „Neue Synagoge“: Nach dem Anschlag herrschen auch in der jüdischen Gemeinde in Magdeburg Entsetzen, aber auch Furcht, wie Waltraut Zachhuber, Vorsitzende des Fördervereins „Neue Synagoge Magdeburg“, sagte. „Es muss genauer durchdacht werden, wie der polizeiliche Schutz gewährleistet werden kann – gerade auch zu großen jüdischen Festen. Das war in Halle ja nicht der Fall und ist, wie man leider feststellen muss, nötig“, so Waltraut Zachhuber. Es müsse sichergestellt sein, dass Juden in Frieden und Freiheit leben und ihre Religion ausüben könnten, sagte sie. Der Förderverein setze sich dafür ein, dass in Magdeburg eine Synagoge gebaut wird, damit dies auch möglich werde.

Vorsitzender der islamischen Gemeinde: „Wir sind entsetzt, was unseren Religionsbrüdern in Halle passiert ist. Ein Anschlag auf eine religiöse Gebetsstätte ist schrecklich für uns alle“, sagte Moawia Al-Hamid, Vorsitzender der islamischen Gemeinde Magdeburg. Mit großer Sorge habe auch die islamische Gemeinde Magdeburg die schreckliche Tat von Halle verfolgt. Noch am Mittwoch habe er Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Halle aufgenommen. Auch in der islamischen Gemeinde herrsche Furcht vor solch einem Anschlag. Zu den Freitagsgebeten kämen in Magdeburg stets an die 1000 Besucher. „Unser Gemeindehaus bietet aber nur Platz für etwa 500. Das bedeutet, dass immer auch Besucher draußen auf der Straße beten. Zu Festgebeten kommen sogar bis zu 1500 Besucher“, verdeutlichte Al-Hamid.

In Halle habe die Tür der Synagoge Schutz geboten. In Magdeburg sei dies nicht möglich. Deshalb wünsche und fordere er polizeilichen Schutz zu den Gebeten. „2014/15 kamen zu den Gebeten immer zwei, drei Polizisten. Seit wir unser neues Gemeindehaus bezogen haben, kommt niemand mehr“, so Al-Hamid, der auch Vorsitzender des Dachverbandes islamischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt ist. In dem Dachverband sind zwölf islamische Gemeinden vertreten. Für alle müsse Schutz gewährleistet sein, forderte er. Al-Hamid will sich mit den Polizeibehörden deshalb in Verbindung setzen, wie er sagte.

Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Magdeburg: Deutschland habe sich sehr verändert, beschreibt Igor Tokar als Vorsitzender der „Jüdischen Gemeinde zu Magdeburg“ seine Eindrücke. Vor 20 bis 30 Jahren sei Deutschland ein sicheres Land gewesen. Als stellvertretende Vorsitzende fühlt sich auch Larisa Korshevnyuk betroffen. „Der Rechtsextremismus nimmt drastisch zu, das ist meine persönliche Meinung“, sagt sie und bedauert, dass Synagogen bewacht werden müssen.

Wadim Laiter, der Vorstandsvorsitzende der jüdischen Synagogengemeinde Magdeburg, stand auf Nachfrage für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung.