Magdeburg l Nach einer achtstündigen Schicht wird eine junge Frau ihren blauen Kittel und Mund-Nasen-Maske abgelegt, sich in ihre dunkle und bequeme Straßenkleidung geworfen und den Heimweg angetreten haben. Sie wird sagen: “Heute war ein unaufgeregter Tag”, und dabei lächeln. Der Mann um den sie sich in den vergangenen acht Stunden gekümmert hat, der von ihr gewaschen, rasiert und mit Medizin versorgt wurde, bleibt zurück. Im Tiefschlaf.

Lisa-Marie Hönig ist Gesundheits- und Krankenpflegerin. Sie arbeitet seit zwei Jahren auf der Intensivstation im Klinikum Magdeburg, zuvor absolvierte sie dort eine dreijährige Ausbildung. Wenn sie Frühschicht hat, fängt ihr Tag an, noch bevor sich die Straßenlaternen der Stadt verdunkeln und das geschäftige Treiben beginnt.

Es ist ein Freitagmorgen, 5.40 Uhr. Schwester Lisa schreitet auf den Personaleingang zu. Trotz der frühen Uhrzeit wirkt sie fit und konzentriert. Weiter geht es durch die von Leuchtstoffröhren erleuchteten Korridore, am Ende des Ganges öffnet sie die massive Tür mit einer vierstelligen Tastenkombination.

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Auf der Intensivstation angekommen, wechselt sie ihre Kleidung, zieht sich eine Schutzmaske über Mund und Nase. Ihr heutiger Arbeitsplatz ist der Bereich C - eine von drei Bereichen, auf denen Intensivpatienten rund um die Uhr beatmet und versorgt werden. Die Kollegen werden auf dem Weg zum Tresen begrüßt - der Tresen, die Schaltzentrale der Station, die für die Überwachung der Patienten, der Koordination der Pfleger und für einen der seltenen Gesprächen unter Kollegen genutzt wird.

Ihr Patient, Schwester Lisa

Zeit für den Schichtwechsel, Schwester Lisas Kollegen aus der Nachtschicht übergeben ihr einen Patienten. Ein großer, korpulenter Mann mit grauem Haar liegt auf einem der Betten im Zimmer. Am Kopfende des Bettes: Beatmungsgerät, Monitore, Perfusoren. Das Gesicht des Mannes ist geschwollen, Schläuche und saubere Bandagen bedecken den Großteil dieses. Die Diagnose lautet schwere Kopfverletzung, Kieferbruch, Schrammen an Armen und Beinen. Der Mann wurde auf einer Autobahn von einem Auto erfasst, seitdem liegt er im  künstlichen Schlaf auf der Intensivstation im Klinikum, hat eine Hirndrucksonde im Schädel und wird von der Maschine beatmet. “In der Regel kümmert sich eine Pflegekraft um einen Patienten, manchmal auch zwei”, erklärt Hönig. “Doch das ist kaum einzuhalten, gelegentlich sind es mehr Patienten als Pfleger, da kann es an manchen Tagen hektisch werden.”

Personalmangel. Wie die Bundesagentur für Arbeit in Sachsen-Anhalt der Volksstimme berichtet, waren es hierzulande im Dezember vergangenen Jahres allein über 1000 Stellen in der Pflege- und Gesundheitsbranche, die unbesetzt waren. Corona verstärkt diesen Missstand. Das Klinikum selber war seit dem Frühjahr 2020 auf Corona-Intensivpatienten vorbereitet, erklärt die Pressesprecherin des Klinikums Magdeburg, Kathleen Radunsky-Neumann. Arbeitsabläufe und -aufwand haben sich in vielerlei Hinsicht verändert. Zudem ist Nachwuchs rar gesät. Die wenigen, die sich für den Pflegedienst entscheiden, werden mit aller Kraft gehalten, erklärt die Pressesprecherin.

Lisa-Marie Hönig blieb nach ihrer Ausbildung im Klinikum. Eine bewusste Entscheidung, sagt sie, während sie Medikamente aus dem Schrank nimmt, große Spritzen aufzieht und den Reanimations-Wagen vorbereitet, der jeden Moment zum Einsatz kommen könnte. Nach jedem Handgriff desinfiziert sie ihre Hände. “Ich habe eine sehr gute Ausbildung genossen, das möchte ich nun zurückgeben”, so die 24-Jährige.

Aus der geschäftigen Ruhe heraus ertönt ein Signalton. Ein Parameter eines der Patienten ist gefallen. “Alles in Ordnung”, betont Schwester Lisa, nachdem sie sich vergewissert hat. Ein Ton, der sie und ihre Kollegen noch die gesamte Schicht über begleiten wird.

7.07 Uhr. Die junge Pflegerin wirft sich eine durchsichtige Schutzbekleidung über und beginnt mit der Pflege des Patienten, wechselt die Schläuche, wäscht und rasiert ihn. Jeder Handgriff wird von ihr angekündigt. "Damit der Patient weiß, was nun geschehen wird", erklärt sie, da er trotz Bewusstlosigkeit etwas wahrnehmen kann. Zu zweit drehen die zierliche Pflegerin und ihre Kollegin den schweren, ohnmächtigen Mann zur Seite, damit sie den Rücken säubern kann - ein Kraftakt. Die Rasierschaumdose und genutzten Fläschchen desinfiziert sie anschließend, ihre Hände natürlich auch.

Wieder ertönt der schrille Signalton, doch diesmal gilt er nicht Hönigs Patienten. Eine Kollegin betritt den Raum. Sie wirkt leicht außer Atem, aber ruhig. Sie war gerade einen Patienten reanimieren, erzählt sie. Eine weitere Kollegin ruft Hönig ins Nebenzimmer und bittet sie um Hilfe. Die Schutzbekleidung landet im dafür vorgesehenen Mülleimer, eine neue wird angelegt, erneut wird zu zweit ein weiterer Patient gedreht und gewaschen, dabei werden Geschichten aus dem Alltag erzählt - für die Pflegekräfte ein Weg, um mit der täglichen Belastung umzugehen.

Von Ärzten und Pflegern

Langsam verzieht sich das Dunkel vor den Fenstern. Lisa-Marie Hönig prüft mit einer schmalen, schwarzen Taschenlampe die Augenbewegung, später misst sie die Blutwerte ihres Patienten. Die Ergebnisse verzeichnet sie auf der Kurve (‘Korve’, wie sie in ihrer leichten Staßfurter Mundart zu sagen pflegt). Darin werden die Vitalwerte, Medikamente, die Diagnostik und Befunde eines Intensivpatienten eingetragen und für die anderen Schichten und behandelnden Ärzte festgehalten.

Schwester Lisa erläutert das Eingetragene, ihre Worte wählt sie präzise, manchmal kneift sie ihre Augen dabei kurz zusammen. Sie denkt schnell und handelt überlegt. In jeder Sekunde merkt man ihre Leidenschaft für die Medizin an. “Ich arbeite gerne mit und vor allem für die Menschen”, offenbart sie. “Die Profession, die Pflege, zog mich damals an. Wir sind nicht, wie viele denken, die Handlanger der Ärzte, sondern arbeiten selbstständig, haben eine pflegerische Perspektive auf die Patienten. Als ich das verstanden habe, war das der Moment, in dem ich mich in die Pflege verliebt habe”, sagt Schwester Lisa und betont: “Es geht nicht darum wieso man sich für den Beruf entscheidet, sondern warum man drinnen bleibt.”

Die Arbeit mit den Ärzten, so ergänzt sie, sei dabei sehr oft auf Augenhöhe. Es herrsche ein reger und konstruktiver Austausch zwischen Ärzten und Pflegekräften, man dürfe nur keine Handlungskompetenzen überschreiten: “Nicht grundlos durchlaufen Ärzte ein sechsjähriges Studium und Pflegekräfte eine dreijährige Ausbildung”, betont sie. Drei Jahre Ausbildung, die sie nicht missen möchte. Sie erzählt von gesteigerter Stressresistenz, Verantwortungsbewusstsein, Arbeit in einem multiprofessionellen Team und Einordnung von Empathie - Kompetenzen, die sie in den insgesamt fünf Jahren im Klinikum gelernt hat.

Ein gesundes Verhältnis zwischen Pfleger und Patient sei essenziell, ein gewisser Grad an Objektivierung eines Patienten immer da, so Hönig. So könne sie jeden Krankheitsfall mit gleich hohem Anspruch behandeln. “Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst und ich trage wahnsinnig viel Verantwortung, das darf man nicht vergessen - man muss sich ständig vor Augen führen, dass alle Menschen mit denen ich arbeite, meine Patienten, in der schlimmsten Akutsituation ihres Lebens sind.” Ein Fehler reicht, um verheerende Folgen nach sich zu ziehen. Das Krankenhaus als ambivalenter Ort, an dem Leben geschenkt wird und ebenso endet.

Der Kreislauf, die Routine

Die Uhr zeigt 8:30 Uhr an. Pausenzeit. Das Frühstück holt sich Schwester Lisa aus der Kantine. Gang links, danach rechts und wieder links. Tür auf, Treppen hoch, ein freundliches “Guten Morgen” hier und dort. Sie wählt den gemischten Salat und zwei Brötchen, die sie später im Aufenthaltsraum der Intensivstation mit veganem Räuchertofu-Grünkohl-Aufstrich bestreichen wird. Gelegentlich fällt ihr dabei eine Strähne ihrer zum Zopf gebundenen Haare ins Gesicht. Ihr linker Arm ist geschmückt von unterschiedlichen Tätowierungen. “Mein Band-Arm”, erklärt sie, deutet mit ihrem Finger auf die Motive der Bands, die sie sich hat stechen lassen. Finntroll, Prodigy, Die Antwoord. Letztes ist eine Textzeile der südafrikanischen Band in Keilschrift-Form. Was das zu bedeuten hat? “Verrat ich nicht, ist ein Freundschaftstattoo.”

Zurück auf der Station prüft Lisa-Marie Hönig die Vitalwerte ihres Patienten und trägt alles sorgfältig in die Kurve ein. Wenig später steigt der Hirndruck ihres Patienten. “Er muss möglicherweise ins CT”, sagt sie, das entscheide der Neurochirurg. “Vielleicht muss seine für nächste Woche geplante Operation vorgezogen werden”, ergänzt sie. Wenig später die Gewissheit, der Mann muss zur Computertomographie. Der Patient ist an einem mobilen Monitor angeschlossen ist, der seine Vitalwerte permanent aufzeichnet. Auf dem Weg zum CT frotzeln sie und die Kollegen aus anderen Abteilungen, die Stimmung ist gelassen. Eine Atmosphäre, die man so kaum erwartet. Eine besondere Art, um mit der angespannten Situation auf der Intensivstation umzugehen. Anschließend geht es wieder zurück, es müssen neue Medikamente aufgezogen und Perfusoren bestückt werden; die Routine - lebenserhaltend und lebenswichtig.

Ein weiterer Patient wird in das Zimmer gefahren und an die Geräte angeschlossen. Der Mann hat ein Herz- und Lungenleiden. Er wurde von der Wachstation der “Inneren” auf die Intensivstation verlegt, nachdem sich seine Werte verschlechtert haben. Es laufen bereits die Vorbereitungen für den Schichtwechsel. Eifrig kratzen Kugelschreiber über Kurven-Bögen. Plötzlich ertönt der Signalton. Hönig und zwei Kollegen sehen nach der Ursache. Es ist der Herz-Lungen-Patient. “Alles in Ordnung”, betont sie, nachdem sie seine Werte kontrolliert hat, “sein Herz hat eben kurz geflimmert.” Kurz darauf steigt die Temperatur des Patienten - schnell wird ihm ein fiebersenkendes Medikament verabreicht und alles in die Kurve eingetragen.

13.40 Uhr. Schichtübergabe. Lisa-Marie Hönig instruiert die Folgeschicht. Der Patient mit dem Kieferbruch erhält noch umgehend eine neue Hirnsonde, die ihm vor Ort eingesetzt wird. Die junge Pflegerin lässt anschließend ihren blauen Kittel im Container verschwinden und ist nun wieder schwarz gekleidet. Sie verabschiedet sich bei den Kollegen, verlässt das Klinikum und sagt mit einem Lächeln im Gesicht: “Heute war ein unaufgeregter Tag”.

Video: Klinikum Magdeburg - Eine Schicht auf der Intensivstation