Magdeburg l Mit 64 Jahren ist für Hans-Peter Pischner Schluss. Der Behindertenbeauftragte der Stadt Magdeburg geht zum 1. Januar 2020 in Rente. Seinen Schreibtisch im Rathaus hat er bereits geräumt, den Schlüssel zum Büro schon zurückgegeben.

Seit April 1998 kümmerte sich Pischner, der Ende der 1980er Jahre durch eine Erkrankung selbst erblindete, als Angestellter der Stadt um die Belange der Menschen mit Behinderungen. Zuvor war er einige Jahre im Behindertenbeirat aktiv, arbeitete jedoch „weit ab von der Stadtverwaltung“, erinnert er sich zurück. Der Beirat auf städtischer Ebene wurde Anfang der 90er Jahre aufgelöst – „er hatte zu wenig Effekte“ – und kurz darauf die kommunale Stelle des Behindertenbeauftragten geschaffen, „obwohl es damals dafür keine Verpflichtung gab“, so Pischner.

Knapp 19.000 Magdeburger gelten als schwerbehindert. Hatte Pischner anfangs noch oft mit den individuellen Problemen der Betroffenen zu tun, änderte sich sein Aufgabenfeld hin zu den Belangen, die gesamtstädtisch betrachtet werden mussten und sollten. Von einem großen Erfolg während seiner Amtszeit möchte der Magdeburger allerdings nicht sprechen. Aber: „Es gab in meiner Zeit eine Vielzahl von kleinen und größeren Veränderungen.“ Am meisten ärgern ihn die Punkte, die bis heute offen geblieben sind und um die sich nun sein Nachfolger kümmern muss. Pischners Einschätzung im Überblick:

Akzeptanz: Die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung hat sich laut Pischner in den vergangenen 20 Jahren gewandelt – zum Positiven. Inzwischen könnten sich immer mehr Menschen in die Lage von Behinderten hineinversetzen und würden so mehr Verständnis für deren Belange zeigen.

Barrierefreiheit bei Bus und Bahn: Viele Menschen mit Behinderung sind auf Bus und Bahn angewiesen. Insbesondere für Sehbehinderte stellt dabei das Erkennen der richtige Linie eine Herausforderung dar. Eine Lösung wären Ansagen sowohl an Bus und Bahn als auch an den Haltestellen. „Wenn beispielsweise mehrere Busse an einer Haltestelle einfahren, fällt es uns Blinden schwer, die unterschiedlichen Linien auseinanderzu alten“, erklärt Pischner das Problem. „Am besten helfen hier Ansagen, die direkt vom Bus oder der Bahn aus kommen.“ Zwar gebe es an einigen Haltestellen Säulen, die – nach Knopfdruck – über die Linien Auskunft erteilen, „aber sobald mehrere Busse oder Bahnen gleichzeitig einfahren, ist das System nicht mehr zuverlässig“.

Ein Ärgernis sei der noch immer viel zu langsame Ausbau von barrierefreien Haltestellen. Ein Beispiel dafür ist die Endstelle Kroatenweg in Sudenburg. „Das wäre aus meiner Sicht die wichtigste“, so Pischner. Zum einen steigen hier viele Magdeburger um, die weiter Richtung Ottersleben und Lemsdorf fahren wollen. Zum anderen hat nur wenige Straßen weiter im Wilhelm-Höpfner-Ring das Sozial- und Wohnungsamt seinen Sitz – eine wichtige Anlaufstelle für Menschen mit Behinderungen. Denn viele von ihnen leben laut Pischner nur von der Grundsicherung oder einem sehr geringen Einkommen.

Barrierefreier Zugang zu Immobilien: Selbst einige kommunale Gebäude sind noch immer nicht barrierefrei zugänglich. Ein Beispiel: das Haus für den Fachbereich Schule und Sport in der Gerhart-Hauptmann-Straße. „Hier würde man sich Barrierefreiheit wünschen“, so Pischner. Ein anderes Beispiel sei die Obdachlosenunterkunft in der Basedowstraße. „Dort gibt es keinen Aufzug“, so Pischner.

Barrierefreies Wohnen: Der Bedarf an barrierefreien und bezahlbaren Wohnungen ist in Magdeburg laut Pischner nicht gedeckt. Zwar werde in letzter Zeit viel gebaut, „aber Sachsen-Anhalt hat viel zu laxe Vorschriften, was das betrifft“. Die meisten Wohnungen seien nur seniorenfreundlich. Viele Vermieter werben damit, doch fehle auch eine echte Übersicht über den Markt. Pischner zählt auf, welche Punkte in einer behindertengerechten Wohnung umgesetzt sein müssten: stufenloser Zugang über eine Rampe oder einen Aufzug, Bewegungsfreiraum für Rollstühle, das heißt mindestens 90 Zentimeter breite Türen in der gesamten Wohnung, 1,20 Meter Breite Platz im Flur, 1,50 mal 1,50 Meter Freiraum im Bad, auch am WC. Ob sich ein Fenster elektrisch schließen lasse, sei dagegen sekundär.

Verkehr: Ampeln mit akustischem Signal und abgesenkte Bordsteine sind die wichtigsten Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen. Nur etwa die Hälfte der Magdeburger Ampeln sind laut Pischner mit einem hörbaren Signal ausgestattet. „Das reicht nicht aus.“ Zebrastreifen als Alternative zu Ampeln an Überwegen seien keine befriedigende Lösung. „Das ist zwar besser als nichts“, dennoch seien diese Übergänge zu gefährlich, „da kein Blickkontakt zu Autofahrern besteht.“

Für Sehbehinderte und Blinde seien auch E-Autos eine große Gefahr. „Wenn sie weniger als 30 km/h fahren, sind sie zu leise“, so Pischner. Bei Mischverkehr würden sich die Töne überlagern oder gar untergehen. Ab Juli 2021 müssen deshalb alle neu zugelassenen E-Autos mit zusätzlichem Geräusch (Acoustic Vehicle Alerting System) ausgestattet sein.

Ebenfalls ein Problem seien E-Roller, die wie in Berlin an jeder Straßenecke stehen oder liegen. Magdeburg ist davon bislang verschont geblieben.

Mit Radfahrern gebe es dagegen nur Probleme, „wenn sie sich nicht an die Ordnung halten“, so Pischner, also beispielsweise auf der verkehrten Seite oder auf dem Fußweg fahren. „Als Blinder kann man sich nur schwer auf diese Verkehrsteilnehmer einstellen.“

Tourismus: Magdeburg sei durchaus für Touristen mit Behinderung zu empfehlen. „In der Innenstadt sind in den vergangenen Jahren Hotels entstanden, die auch barrierefreie und bezahlbare Zimmer anbieten“, resümiert Pischner. „Wenn jetzt auch noch der Zoo seinen Zugang barrierefrei gestalten würde, wäre das sehr gut.“ Vom Parkplatz führt nur eine sehr steile Rampe zum Zoo. Wer hingegen mit dem Auto bis zum Eingang vorfahren will, muss erst umständlich die Poller am Parkeingang überwinden. „Im Zoo selbst gibt es keine Probleme“, so Pischner. Auch seien zahlreiche Kultureinrichtungen und Sportstätten barrierefrei zugänglich.

Inklusion: Von wegen Inklusion – die hält Pischner für gescheitert. Die allgemeine Teilhabe sei bedauerlicherweise rückläufig. Zwar sei die gemeinsame Erziehung in den Kitas noch gut gelöst, doch spätestens ab dem Schulalter gebe es kaum Inklusion. Natürlich sei diese auch abhängig von Art und Schwere der Behinderung, „doch viele Kinder, die eine Sonderschule besuchen, könnten auf eine Regelschule gehen“, so Pischner. Hier sei vor allem das Land gefragt. Denn nur wer schon zu Schulzeiten Inklusion erfahre, habe später auch im Berufsleben eine Chance auf dem regulären Arbeitsmarkt. „Kinder, die auf einer Förderschule waren, arbeiten anschließend meistens in den Behindertenwerkstätten. Dort bleiben sie wieder nur unter sich“, kritisiert Pischner.