Magdeburg l „Die Faust nach oben – yoda! Faust nach hinten – yuda!“, ruft Claudia Walsleben, zeitgleich folgen Antje Bläßing und Jenny Kaschlaw ihrem Bewegungsablauf. Der Schweiß rinnt über die Gesichter. Es folgt eine Wiederholung. „Nehmt euch Zeit für die Übung, konzentriert euch. Eine Hand am Rollstuhl fixieren, die andere Hand führt aus“, leitet Claudia Walsleben an. Sie selbst sitzt im Rollstuhl, um die Anstrengungen der Sportler nachvollziehen zu können. Mit dem Rollstuhlkarate betritt nicht nur sie Neuland.

„Das ist mal ein anderes Angebot als die Ballsportarten“, sagt Antje Bläßing. Sie ist aufgrund eines Gendefekts auf einen Rollstuhl angewiesen und vom speziell auf Rollstuhlfahrer ausgelegten Sportkurs des HKC begeistert. So auch Jenny Kaschlaw, deren Sohn Tim beim Olvenstedter Verein aktiv ist. „Beim Karate werde ich nicht nur körperlich, sondern auch vom Kopf her gefordert. Oft ist der Körper schneller als der Kopf. Nach dem ersten Training war ich mental platt“, sagt sie schmunzelnd. Die Herausforderung beim Karate besteht darin, die Bewegungen bzw. Schläge mit ihrem Namen zu benennen und gleichzeitig auszuführen – egal ob Fußgänger, wie Menschen ohne eine Beeinträchtigung genannt werden, oder Rollifahrer.

Die Idee, einen Karatekurs für Rollstuhlfahrer zu organisieren, hatte Claudia Walsleben, die in einem Fachbuch auf dieses Thema stieß. „Der Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen, sie über den Sport integrieren zu können“, sagt die Trainerin. Ein Schnellschuss ist das Angebot aber nicht. „Ich musste mich zwei Jahre vorbereiten und habe in dieser Zeit das Rollstuhlfahren erlernt“, so Walsleben. Eine große Umstellung sei es gewesen, stets die Fixierung der Räder nicht zu vergessen. „Bei jeder Bewegung rollte ich immer zurück. Beinstellungen fallen weg, dafür stehen Arme und Oberkörper im Fokus“, gibt sie an.

Fester Platz im Terminkalender

Den Teilnehmern imponiert der Einsatz, den sie mit dem gleichen Engagement honorieren. Die Treffen einmal in der Woche haben bereits nach drei Wochen einen festen Platz im Terminkalender. Trotz der Anstrengungen und Rückschläge (Antje Bläßing: „Teilweise bin ich komplett raus aus den Übungen, weil der Kopf streikt.“) lassen sich die Rollstuhlsportler nicht entmutigen. „Ich fühle mich fitter und selbstbewusster. Auch geistig fühle ich mich frischer, weil ich auch vom Kopf her gefordert werde“, so Jenny Kaschlaw. Wie viele andere Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung habe sie es schwer, eine Arbeitsstelle zu finden, verweist Antje Bläßing. Sie gehört zu einer Gruppe, die sich regelmäßig in der Sporthalle an der Othrichstraße (Neustädter Feld) trifft, um gemeinsam am Sonnabendvormittag aktiv zu sein.

Ein Großteil der Teilnehmer findet sich nun auch donnerstags im Dojo des HKC ein, wenn Claudia Walsleben die Karategrundlagen vermittelt. Dabei soll es nicht bleiben. Die Trainerin steht im Kontakt mit dem mehrfachen Deutschen Meister Sven Baum. Ein Workshop mit dem erfahrenen Rollstuhlsportler ist in Planung. „Wenn die Grundlagen sitzen, ist auch der Wechsel der Teilnehmer in die Fußgänger-Gruppe möglich, um einen Gürtel abzulegen“, ist Claudia Walsleben optimistisch. Bis dahin heißt es aber in Sachsen-Anhalts erster Karategruppe für Rollstuhlfahrer noch unzählige Male: „Konzentrieren, Räder fixieren, Haltung annehmen!“

Die Gruppe besteht derzeit aus sieben Teilnehmern im Alter zwischen 30 und 60 Jahren. Sie trainiert donnerstags ab 12 Uhr in der Johannes-Göderitz-Straße 57. Interessierte sind willkommen. Ein Kontakt ist über den HKC unter Tel. 631 04 09 und über das Internet möglich:

www.hkc-magdeburg.de