Magdeburg l Am 21. Juni 2018 wird Klaus John 80 Jahre alt. Während seine Altersgenossen schon seit 15 Jahren und mehr den Ruhestand genießen, steht er von Montag bis Freitag zehn Stunden in seinem Laden für Schreib- und Bürobedarf in der Lübecker Straße 92 in Magdeburg. Doch damit ist bald Schluss.

Seit 1900 gibt es das Geschäft, gegründet vom Großvater Hans John, damals noch in der Lüneburger Straße. Nachdem es Klaus John 1970 von seinem Vater, ebenfalls Hans, übernahm, führte er es bis heute durch die schwierige Nachwendezeit mit all ihren Umbrüchen. Er ist für Magdeburg-Neustadt das, was man eine Institution nennt.

Magdeburger Familientradition endet

Doch am 31. August 2018 endet die Familientradition, wenn er sich in den mehr als verdienten Ruhestand verabschiedet. „Mein Bruder drängte immer schon ‚Hör auf, hör auf‘“, erzählt er. Andere kommen immer wieder in den Laden und sagen „Du arbeitest ja immer noch“. „Es machte mir bis jetzt einfach Spaß“, begründet er sein langes Durchhaltevermögen. Eine Frau, die dagegen Einwände gehabt hätte, gibt es nicht. „Diese Enttäuschung wollte ich mir ersparen. Das Geschäft war mir wichtiger.“

Kugelschreiber, Bastelpapier, lokale Literatur, Schultüten – das Angebot ist groß und bunt. „Wir gehen auch immer mit der Zeit“, sagt Klaus John. Am besten gehen aber trotz Whatsapp und E-Mail die klassischen Glückwunschkarten. „Geburtstage gibt es ja immer“, meint er.

Magdeburger schätzen Atmosphäre

Für Reinhard Bergmann ist es ein bestimmter Taschenkalender, der ihn seit gut zehn Jahren immer wieder in Johns Geschäft führt. „Hier gibt es so viel zu entdecken“, schwärmt er. Als er erfahren hat, dass er schließt, wollte er unbedingt noch mal vorbeischauen. „Es ist eine andere Atmosphäre als in den großen Läden“, sagt er.

Gelernt hatte Klaus John als junger Mann übrigens Konditor. „Das war wohl die Schuld meines Vaters, weil er immer so gerne süße Dinge aß“, erzählt er. Weil es aber keine Stellen in der DDR gab, ging er in das Geschäft und lernte alles „von der Pike auf“.

Kein Nachfolger geplant

47 Jahre später hat er immer einen Spruch auf den Lippen, wenn die Kunden kommen. Stammkunden gab es viele, von denen sind mittlerweile die meisten verstorben. Insgesamt sind es nicht mehr viele, weshalb es auch keinen Sinn gehabt hätte, einen Nachfolger für den Familienbetrieb zu suchen, meint er. „Das kann man niemand zumuten“, sagt er.

Seine einzige Mitarbeiterin von ehemals sechs vor der Wende erhält den Mindestlohn, er gibt sich selbst nur die Hälfte. Verdienen würde er nichts daran. Seit Jahren macht er an Weihnachten die Inventur. „Urlaub habe ich in diesem Jahrhundert noch nicht gemacht.“ Es ist auch ein Grund, warum er mit bald 80 aufhören will. „Es macht keinen Spaß mehr. Viel hat sich verändert. Es gibt überall alles“, sagt er resigniert.

Buchhaltung mit 95 Jahren

Ein Problem, erst mit 80 in den Ruhestand zu gehen, sieht er nicht. „Mein Vater wurde 95 Jahre alt und hatte damals immer noch die Buchhaltung gemacht“, sagt er, „ich habe also noch einiges vor mir.“ Er freut sich zum Beispiel darauf, ausschlafen zu können und nicht mehr jeden Morgen um 6 Uhr aufstehen zu müssen.

Ein bisschen reisen, einige Bücher lesen, mehr Pläne hat er noch nicht für die Zeit nach der Arbeit. Ob er sie vermissen wird? „Das wird sich hinterher zeigen, ich glaube aber nicht“, sagt er, lächelt und sucht gemeinsam mit seinem nächsten Kunden Kugelschreiberminen heraus.