Magdeburg l Eine Kommode, umfunktioniert als gemütliche Leseecke fürs Kinderzimmer. Eine große Truhe, die neuerdings als Sandkasten gute Dienste leistet, ein ausrangierter Holzfensterrahmen – hübsch arrangiert als Schlüsselanhänger für den Flur oder eine antike Nähmaschine als Schreibtisch: Wer sagt, dass all diese Dinge nur eine Bestimmung haben? „Für mich hat jedes alte Möbelstück und jeder Gegenstand einen eigenen Charakter. All die Dinge erzählen ihre eigene Geschichte“, findet Janine Bremer aus Magdeburg. Und genau diese Sicht aufs Alte und Morbide inspiriert die 29-Jährige immer wieder aufs Neue.

Sie ist keine Möbeltischlerin und schon gar keine Restauratorin. „Das sag ich auch immer ganz deutlich. Wenn der Wunsch besteht, ein altes Möbelstück zu restaurieren, dann verweise ich auch an solche Fachleute“, sagt die gebürtige Altmärkerin. Janine Bremer ist eine Verwandlungskünstlerin, die viel mit Holz und Pastellfarben experimentiert. Der alte Essschrank oder der Hocker sind am Ende nicht einfach nur ausgebessert und farblich neu gestaltet, sondern erhalten ihre eigene künstlerische Handschrift. „Ich gestalte um, und das mit großer Hingabe und viel Herzblut“, sagt die junge Frau von sich selbst.

Drei Lager voller Stühle

Alte Adventskränze, Teppiche, Omas alter Kochtopf oder ausrangierte Bettfedern beflügeln die Kreativität der jungen Magdeburgerin ebenso. Kein Wunder, dass schon drei Lager fast bis unter die Decke vollgestellt sind mit alten Stücken, die auf eine neue Zukunft und die geschickte Hand von Janine Bremer warten: Stühle, Nähmaschinen, Schränke, Spiegel sind darunter.

Was ist mein Beruf, meine Berufung? Diese Frage stellte sich Janine Bremer wie so viele andere schon in der Schulzeit. „Ich habe eine Optikerlehre begonnen, aber das war nichts“, meint sie. Sie wurde Verkäuferin, holte das Abi nach und lernte schließlich den Beruf der Zahnarzthelferin. .„Das ist auch etwas Handwerkliches und es hat mir Spaß gemacht“, erzählt Janine Bremer. Doch die Arbeitszeiten seien nicht familienfreundlich gewesen. Der Wiedereinstieg in den Beruf nach einem Elternjahr gestalte sich als junge Mutti auch schwierig, da die Bezahlung und unfreundlichen Arbeitszeiten schlecht vereinbar seien.

Magdeburgerin bekommt zweites Kind

Das mussten sie aber, als sich vor zwei Jahren der erste Nachwuchs ankündigte. Pepe Fynn bekommt nun schon bald ein kleines Geschwisterchen – Janine Bremer, die Frau mit den knallig pinkfarbenen Haaren, erwartet im September ihr zweites Kind.

Der schon zweijährige Sohn „funkte“ damals zur richtigen Zeit dazwischen. „Mein Mann Martin und ich teilen die Leidenschaft für alte Möbel. Er nur privat, er arbeitet in der Versicherungsbranche“, berichtet Janine. Doch er habe sie ermutigt, als junge Mutti den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Für sie geht damit ein Lebenstraum in Erfüllung. „Es ist ein finanzielles Wagnis, aber man hat auch die Chance, sich die Zeit ein bisschen freier einzuteilen“, meint 29-Jährige, die ihrer großen Liebe Martin vor einigen Jahren in dessen Heimatstadt Magdeburg folgte.

Magdeburgerin besucht Nachgründungskurs

Auf staatliche Förderung wie Gründerzuschuss oder Einstiegsgeld konnte sie indes nicht zurückgreifen. „Die einzige staatliche Förderung erhalte ich über einen sehr interessanten Nachgründungskurs über das Innovations- und Gründungszentrum Magdeburg“, berichtet Janine Bremer.

Ihr Mann ist für sie derweil eine wichtige Stütze. Er hilft auch, die schweren Möbel zu tragen, wenn sie bis zu 100 Kilometer ins Umland fahren, um besondere Stücke zu finden. Manchmal bei Haushaltsauflösungen, manchmal im Sperrmüll oder auch auf Plattformen im Internet. „Wir geben auch gern noch Geld dafür. Die Vorbesitzer sollen wissen, dass ihre Sachen für uns einen Wert haben und noch etwas Schönes daraus entsteht“, meint Janine Bremer.

Täglich in eigener Werkstatt

So ist sie nun fast täglich in ihrer eigenen Werkstatt in Neue Neustadt zu finden. Dazu gehört auch ein kleines Ladengeschäft an der Mittagstraße, Ecke Nachtweide, wo einige Stücke ausgestellt sind.

Das kleine Geschäft direkt an der Ecke ist zumeist jedoch abgeschlossen. Auf der Schaufensterscheibe prangt groß ihre Telefonnummer. Oder man klingelt einfach, um sich bemerkbar zu machen und Janine aus ihrer Werkstatt zu locken, die gleich dahinter liegt.

Der Ort, an den sie sich so oft es geht zurückzieht, den sie mit am meisten liebt. Wo sie den alten Dingen neues Leben einhaucht. Ihnen eine neue Bestimmung gibt. Mit Farbe, Pinsel und viel Fantasie.