Sachsen-Anhalt

Sparkassen: Geschröpft durch negative Zinsen

Michael Ermrich, Verbandschef der Ostsparkassen, hält die Zinspolitik für verfehlt. Warum, erläutert er im Volksstimme-Interview.

Foto: Uli Lücke- Sparkassenfiliale am Alten Markt in Magdeburg Uli Lücke

Magdeburg l Michael Ermrich ist verwurzelt in Sachsen-Anhalt. Mehr als zwei Jahrzehnte war er Landrat im Harz, dann wechselte der CDU-Politiker an die Spitze des Ostdeutschen Sparkassenverbands. Dort ist er nun schon seit acht Jahren Präsident.
Volksstimme: Herr Ermrich, die Menschen in Sachsen-Anhalt haben 2020 mehr Geld zur Sparkasse gebracht als je zuvor. Ist das in Zeiten von Negativzinsen für Sie noch eine gute Nachricht?
Es ist erst einmal eine gute Nachricht, weil es zeigt, die Menschen vertrauen der Sparkasse. Aber es ist natürlich schon so, dass wir durch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ein Problem haben. Was machen wir mit dem Geld der Kunden? Das ist in der heutigen Zeit nicht so einfach.
Weil die Sparkassen bei der EZB für geparktes Geld Negativzinsen zahlen müssen …
Richtig. Normalerweise funktioniert es bei der Sparkasse ja so: Der Kunde bringt das Geld zu uns, bekommt Geld und wir bekommen dafür einen Zins, weil wir mit dem Geld arbeiten. Wir geben Kredite aus oder legen es anderweitig an. Nun ist es so, dass wir bei der EZB einen Negativzins von 0,5 Prozent bezahlen, wenn wir einen bestimmten Freibetrag überschritten haben. Bringen uns unsere Kunden Geld, müssen wir also zahlen.
Das Betriebsergebnis der ostdeutschen Sparkassen ist in den vergangenen Jahren gesunken. Ist die Niedrigzinspolitik der EZB der Hauptgrund?
Ja, das muss man so deutlich sagen. Denn der Hauptertrag ist bei uns die Zinsspanne. Das ist die erzeugte Differenz zwischen dem Zins des Kunden und dem Zins, den die Bank bekommt, wenn sie mit dem Geld arbeitet. Durch die EZB-Politik müssen sie selbst für Bundesanleihen noch Geld bezahlen. Früher hingegen gab es für Bundesschatzbriefe Verzinsungen von bis zu sieben Prozent. Die Negativzinspolitik der EZB schlägt durch auf den gesamten Finanzmarkt. Für sichere Anlagen muss Geld bezahlt werden. Damit ist die Zinsspanne weg.
Ist die Niedrigzinspolitik der richtige Weg in dieser Krise?
Nein. Die EZB versucht dadurch seit Jahren Investitionen anzukurbeln und eine Inflation von zwei Prozent zu erreichen. Das sind die Ursprungsziele. Wir müssen aber heute nach Jahren der Niedrigzinspolitik sagen, das ist nicht eingetreten.
Aber in der Krise ist es doch auch wichtig, dass Menschen sich günstig Geld leihen können, wenn es nicht mehr reicht. Die Menschen kommen ja dann auch zur Sparkasse und wollen Kredite. Gleicht das die Probleme mit den Spareinlagen nicht aus?
Nein, das gleicht sich nicht aus. Wir bekommen grundsätzlich mehr Geld, als wir an Krediten ausreichen. Das ist in den alten Bundesländern nicht unbedingt so. Aber bei uns im Osten haben wir nach wie vor relativ wenig Investitionen im Verhältnis zu den Spareinlagen. Die Wirtschaft ist hier kleinteiliger. Ein Handwerker braucht eben oft keine großen Maschinen.
Die Sparkassen haben 2020 rund neun Prozent mehr an Krediten vergeben als im Vorjahr …
Trotzdem ging das Betriebsergebnis zurück. Denn auch die Kreditzinsen sind gefallen. Häuslebauer und Unternehmen freuen sich natürlich darüber. Und auch den Ländern spielt diese Negativzinspolitik bei der Staatsverschuldung in die Hände. Sie können Milliarden zur Bekämpfung der Pandemie ausgeben, ohne Zinsen zu zahlen. Für uns aber wird die Zinsspanne sehr klein, sodass mehr Kreditvergaben trotzdem einen Rückgang des Betriebsergebnisses bedeuten.
Zuletzt haben viele Sparkassen die Negativzinsen auch für kleinere Beträge auf Girokonten an ihre Kunden weitergegeben. Neukunden der Sparkasse Magdeburg müssen etwa für Beträge ab 10.000 Euro auf dem Girokonto einen Negativzins von 0,5 Prozent zahlen. Wird dieser Trend zu Negativzinsen anhalten?
Da müssen wir unterscheiden zwischen Unternehmen, Bestandskunden und Neukunden. Unternehmen lagern unter Umständen viel Geld bei uns ein, sie müssen liquide sein. Bei ihnen gibt es eine Bereitschaft, Verwahrentgelt auf höhere Beträge zu zahlen.
So weit ich das sehe, sind Bestandskunden nicht von Negativzinsen betroffen. Hier suchen unsere Sparkassenberater aber bei hohen Einlagen auf Girokonten das Gespräch, um Alternativen aufzuzeigen, etwa Bausparverträge, Fonds und Lebensversicherungen. Problematisch sind Neukunden, die bei anderen Banken Negativzinsen bezahlen und plötzlich die Liebe zur Sparkasse entdecken. Die kommen dann mit viel Geld zu uns und glauben, wir nehmen keine Negativzinsen.
Müssen wir bei anhaltender Niedrigzinspolitik der EZB davon ausgehen, dass alle Sparkassen in Sachsen-Anhalt in den kommenden Jahren Negativzinsen für fünfstellige Beträge auf Girokonten verlangen?
Das ist nicht unser Ziel. Wir als Sparkassen sind bestrebt, andere Lösungen zu finden. Wir versuchen erst einmal, Synergieeffekte herzustellen und unsere Prozesse zu optimieren. Wir bleiben mit einem umfangreichen Filialnetz in der Fläche präsent, andere ziehen sich zurück. Wir unterscheiden uns deswegen mit unserem Geschäftsmodell auch von einer Direktbank. Unsere Kunden haben einen Ansprechpartner vor Ort, der sie berät.
Synergieeffekte lassen sich durch Fusionen herstellen. Die Sparkassen Magdeburg und Jerichower Land haben das gerade getan. Müssen wir mit weiteren Fusionen rechnen in den kommenden Jahren?
Eine Zusammenlegung muss auch Sinn haben. Wir führen keine Fusionen durch, nur um Geld einzusparen. Grundsätzlich gilt für uns: ein Landkreis, eine Sparkasse. Bei Großstädten mit starken Verflechtungen ins Umland kann eine Fusion mit der Nachbarsparkasse aber sinnvoll sein. In Sachsen-Anhalt sind Sparkassen vor der Fusion in Magdeburg zuletzt in Folge der Kreisgebietsreform 2007 per Gesetz zusammengelegt worden. Insgesamt kann ich für das Gebiet des Ostdeutschen Sparkassenverbandes keinen Trend zu Fusionen erkennen.
Die Sparkassen engagieren sich für das Gemeinwohl im Land. Im vergangenen Jahr floss allerdings weniger Geld in das Sponsoring von Vereinen oder Stiftungsvorhaben. Gibt es durch das schwieriger gewordene Geschäftsumfeld künftig weniger Spielraum für dieses Engagement?
Die Sparkassen sind nicht gewinnmaximierend, sie arbeiten für das Geschäftsgebiet. Insofern gehe ich davon aus, dass die Sparkassen auch zukünftig Unterstützung leisten werden. Der geringere Betrag im vergangenen Jahr kommt durch Corona. So sind etwa Großveranstaltungen ausgefallen, bei denen wir sonst dabei sind. Im Moment ist noch kein Trend zu erkennen, dass die Sparkassen sich mit ihrem Engagement zurückziehen.
Viele Ökonomen sagen, die Krise ist noch gar nicht richtig durchgeschlagen auf die Wirtschaft aufgrund der vielen staatlichen Hilfen. Erwarten Sie eine Zunahme der Insolvenzen in den kommenden Monaten?
Ja. Aber dazu muss man wissen, dass wir durch die staatlichen Unterstützungen einen Niedrigstand an Insolvenzen hatten. Wenn man in der Krise weniger Insolvenzen hat als ohne Krise, gibt es wahrscheinlich eine kleine Bugwelle. Die Zahlen werden steigen und nicht alle Unternehmen durch die Krise kommen.
Was bedeutet das für die Sparkassen?
Selbst wenn wir bald mehr Insolvenzen haben, ist das zwar für die Betroffenen ein Problem, aber nicht für die Sparkassen. Unser Geschäft ist kleinteilig. Wir vergeben keine großen Kredite, sondern viele kleine. Wir erwarten, dass einige wenige dieser kleinen Kredite ausfallen. Das ist für die Sparkassen keine besondere Herausforderung.
Sie sind nun schon seit acht Jahren Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, bis zum Jahresende sind Sie gewählt. Werden Sie sich danach wieder stärker politisch im Harz engagieren?
Ich werde mich sicher weiter engagieren und aktiv bleiben. Aber wie, das wird sich zeigen.