Magdeburg l Ein Stadtarchiv ist das Langzeitgedächtnis einer Stadt. Je größer und lückenloser dessen Bestand ist, desto besser das Erinnerungsvermögen über das Leben von der ersten urkundlichen Erwähnung bis in die Gegenwart. Magdeburg leidet in dieser Hinsicht unter einer Amnesie (Gedächtnislücken). Der Grund dafür sind die großen Archivverluste von 1631, als die Stadt während des Dreißigjährigen Kriegs von Tyllis Truppen fast komplett zerstört wurde. Einen zweiten großen „Gedächtnisverlust“ verursachten die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs, als besonders im Januar 1945 das Stadtarchiv empfindlich getroffen wurde.

Vor diesem Hintergrund ist man im Magdeburger Stadtarchiv sehr darauf bedacht, durch wissenschaftliche Forschung Lücken in der Dokumentation der Stadtgeschichte zu schließen. Dazu gehört aber auch, die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit abzubilden. Eine gute Möglichkeit dafür ist es, private Sammlungen und Nachlässe, soweit sie für Magdeburg von Bedeutung sind, zu übernehmen.

Wie aus einer Information des Kulturbeigeordneten Matthias Puhle auf eine Anfrage der Grünen-Stadtratsfraktion hervorgeht, werden im Stadtarchiv mehr als 100 Nachlässe und Sammlungen von Privatpersonen verwahrt. Die Sammlungen stammen von Familien, Künstlern, Ärzten, Denkmalpflegern, Fotografen, Unternehmern, Politikern und Vereinen. Wie unterschiedlich diese privaten Sammlungen sind, zeigt die Liste der Übernahmen in den Jahren 2017 und 2018. So wurde das Archiv des Familienverbands von Alemann (16. bis 20. Jahrhundert) vorläufig übernommen, das Tagebuch eines Schülers des Pädagogiums Unser Lieben Frauen aus den 1830er Jahren, Briefe von OB Carl Gustav Friedrich Hasselbach von 1856 und Familienfotos aus dem Nachlass von OB Hermann Beims (aus den Jahren 1919-1931). Die Tagebücher der Unternehmerin Selma Rudolph aus den 1940er Jahren fanden den Weg ins Stadtarchiv, ebenso die Lebenserinnerungen von Magdeburgern aus den 1930/40/50er Jahren, Teile des Nachlasses des Verlegers Fritz Faber und ein Tagebuch des Stadtverordneten Bernhard Meyer, von ihm geschrieben in den ereignisreichen Jahren 1935 bis 1947. Fotografien von Dieter Müller, aufgenommen während der Demonstrationen im Herbst 1989, die Chronik des Magdeburger Domchores und Teile des persönlichen Archivs des ehemaligen Magdeburger OB Willi Polte (1980er-2018) wurden ebenfalls ins Stadtarchiv aufgenommen. Und auch das Archiv der FCM-Fanzine „Planet MD“ aus den Jahren 2003 bis 2017.

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Darüber hinaus erwirbt das Stadtarchiv ständig reguläre und graue Literatur über Magdeburg, sammelt zeitgeschichtliche Dokumente und wertet die aktuelle Presse auf stadtgeschichtlich relevante Berichterstattung hin aus, so Kulturbeigeordneter Puhle.

Regale nicht wahllos füllen

Dabei gehen die Fachleute im Stadtarchiv nicht einer planlosen „Sammelwut“ nach. Es wird eine Auswahl getroffen. Die Sammlungen müssen die heutige Lebenswelt für die Zukunft dokumentieren und zugleich einen hohen Informationswert haben. „Es wäre unverantwortlich, die Regale des Archivs bedenkenlos mit Material aller Art zu füllen, das weder inhaltlich erschlossen noch konservatorisch im Original erhalten werden kann. Denn nur für die Öffentlichkeit nutzbares Archivgut kann seinen Zweck erfüllen“, erklärt Puhle dazu. Und man prüfe immer auch, ob die angebotenen Sammlung nicht möglicherweise in anderen, übergeordneten Beständen, wie etwa dem Landesarchiv, besser aufgehoben wären.

Das Stadtarchiv will aber auch die Magdeburger für sich interessieren. So werde etwa mit Persönlichkeiten und Sammlern schon zu deren Lebzeiten Kontakt aufgenommen. Es gibt Bürgerworkshops, Informationsveranstaltungen für Vereine und Beratungsgespräche zur Archivierung, öffentliche Vorträge und eine Facebook-Seite mit aktuellen Infos.