Magdeburg l Mit 18,3 Millionen Euro hatte die Stadt für das laufende Jahr unter dem Haushaltstitel „Hilfen zur Erziehung“ kalkuliert. Aus dem Topf werden neben amtlich attestierten Hilfebedarf/Erziehungsbeistand für Familien oder Alleinerziehende auch die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien oder im Heim, die Unterbringung von Müttern/Vätern und Kindern in betreuten Wohngemeinschaften, die Hilfen für seelisch behinderte Kinder und auch die Betreuung sogenannter „UMF“ finanziert. Die Abkürzung benutzten Behörden für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, also Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern mit dem Flüchtlingsstrom in Magdeburg anlanden.

Das eingeplante Geld ist aufgebraucht. Am Donnerstag muss der Stadtrat eine Draufgabe in Höhe von drei Millionen Euro freigeben. Der Beschluss ist eine Formalie. Die Stadt ist nach dem Sozialgesetzbuch VIII zur Fürsorge für Kinder und Jugendliche verpflichtet, wenn deren Wohl gefährdet ist. Die Kosten dafür werden „unabweisbar“ genannt.

Die Begründung zur Drucksache bietet wie schon in den Vorjahren Grund zur Sorge. Langsam, aber stetig wächst der Hilfebedarf. 40 Kinder und Jugendliche mussten im ersten Halbjahr 2015 aus ihren Familien herausgelöst und vom Jugendamt in Obhut genommen werden. Das sind 54 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2014 (26). Hinter jedem dieser Einzelfälle verbirgt sich ein Drama. Minderjährige müssen zur Abwendung einer Kindeswohlgefährdung aus ihrer gewohnten, aber sozial oft kritischen Umgebung gerissen und bei Bereitschaftspflegefamilien oder im Kinder- und Jugendnotdienst untergebracht werden. Letzterer ist inzwischen ständig komplett belegt, ebenso die Clearingstelle für unbegleitete Flüchtlingskinder. Im Jahr 2014 landeten sechs Minderjährige ohne Eltern in Magdeburg an. Bis August 2015 waren es schon 21, wovon allein 14 im Juli/August ankamen; Tendenz steigend. Mit 360 ist im Vergleich zum Vorjahr (345) auch die Zahl der Heimkinder wachsend.

Neuausstattung kostet Geld

Nicht nur Flüchtlingskinder, auch jene aus hiesigen Familien kommen im Notdienst, bei Bereitschaftspflegefamilien oder im Heim in der Mehrzahl nur mit dem an, was sie gerade am Leibe tragen. Wechselkleidung sei in der Regel nicht verfügbar und wenn, dann nicht in passender Größe. Erforderlich sei häufig „eine vollumfängliche Neuausstattung“, berichtet das Jugendamt. Auch hierfür wird mehr Geld gebraucht.

Daneben wächst auch die Sensibilisierung in der Gesellschaft für Kinder und Familien in Not und ebenfalls der Stand der Aufklärung von Sorgeberechtigten in persönlichen Krisensituationen über ihr Recht auf Erziehungshilfe. „Immer mehr Institutionen verweisen auf Hilfen des Jugendamtes und Kliniken geben bereits in ihren Abschlussberichten aus ihrer Sicht geeignete Jugendhilfeleistungen an, die bei Nichtgewährung seitens des Jugendamtes durch die Sorgeberechtigten eingeklagt werden“, heißt es im Mehrkosten-Beschlusspapier.

Nach aktueller Schätzung muss die Stadtverwaltung 2015 mehr als 21 Millionen Euro aufbringen, um Familien zu helfen oder Kinder im Ernstfall gänzlich selbst zu versorgen.