Magdeburg l War das Knöllchen für das Falschparken wirklich berechtigt? Hab ich tatsächlich so viel Tempo draufgehabt, wie der Bußgeldbescheid behauptet? Warum weigert sich der Kfz-Versicherer der Gegenseite, mir die 500 Euro Schaden an meinem Auto zu ersetzen? Fragen, die Betroffene inzwischen immer häufiger vor Gericht klären lassen möchten.

Nicht nur das: Immer mehr Magdeburger ziehen auch wegen geringerer Streitsummen vor Gericht. Laut Streitatlas 2017 des Versicherers Advocard war es im Jahr zuvor sogar schon mehr als jeder vierte Magdeburger, der vor Gericht zog. 27,4 Streitfälle pro 100 Einwohner gab es in der Stadt. Nur bei unseren Nachbarn im Jerichower Land waren es mit 29,4 Streitfällen pro 100 Einwohner noch mehr.

Magdeburger streiten häufiger

Die Magdeburger streiten damit aber schon häufiger als die Bewohner im Nachbarlandkreis Börde (24,5 Streitfälle) und Salzlandkreis (23 Streitfälle). 2014 lag der Durchschnitt in Sachsen-Anhalt noch bei 22,4 Fällen auf 100 Einwohner.

Bilder

In den Verfahren geht es vor allem um Privatangelegenheiten. Sie machen 35,2 Prozent aller Streitigkeiten aus, wobei an erster Stelle Scheidung und Trennung Thema sind, gefolgt von Erbstreitigkeiten sowie Urlaubs- und Reisemängeln. Auf Platz zwei der häufigsten Streitfälle vor Gericht stehen in Magdeburg Verkehrsstreitigkeiten mit 26,3 Prozent.

Magdeburger mit mehr Selbstbewusstsein

Für die unter Aktenbergen ächzende Justiz mag das belastend sein, für den Magdeburger Anwalt Ronni Krug ist es ein Ausdruck wachsenden Selbstbewusstseins vieler Elbestädter. Sein Recht durchzusetzen sei zudem ein völlig legitimes Mittel in einem Rechtsstaat.

Krug spricht dabei dem Internet eine fast revolutionäre Wirkung zu: „Betroffene informieren sich heute ganz selbstverständlich im Netz und stellen z. B. fest, dass mit dem ein oder anderen Blitzergerät nachweislich fehlerhaft gearbeitet wurde. Sie lesen, dass sich andere erfolgreich gegen solche Bescheide gewehrt haben und fühlen sich ermutigt, auch ihren Fall prüfen zu lassen“, nennt Anwalt Krug ein Beispiel. Dies führe dazu, dass Bescheide kritischer hinterfragt werden und „Behörden gründlicher arbeiten müssen“, findet der Fachanwalt für Verkehrsrecht.

Hemmschwelle im Osten höher

Zudem sei im Osten die Hemmschwelle früher etwas größer gewesen, mit einem Problem vor Gericht zu ziehen. „Im Westen war es schon immer ganz normal zu sagen, ich gebe die Angelegenheit an meinen Anwalt“, so Krug. Auch im Osten werde das immer mehr zur Normalität.

Es lohne sich zudem häufig, Rechtsbeistand zu suchen, behauptet er. Das zeigten viele Fälle aus der Praxis, selbst bei einfachen Verwarn- und Bußgeldbescheiden. Beispiel eins: drohende Fahrverbote. So sei es durchaus möglich, vor Gericht das Verbot gegen eine andere Strafe – unter anderem über ein höheres Bußgeld – aufzuheben, wenn z. B. berufliche Gründe eine wichtige Rolle spielten.

Rechtsschutzversicherung nutzen

Beispiel zwei: Bagatellschäden nach Unfällen. „Viele Versicherer zahlen erst mal nicht und spielen ein Spiel. Nicht alle Betroffenen klagen sich kleinere Summen ein. Das rechnet sich für die Versicherer über die Masse“, glaubt der Anwalt. Insofern biete sich eine Rechtsschutzversicherung an, die auch solche Fälle abdeckt.

Nützlich könne das unter anderem beim Arbeitsrecht sein. Wer zum Beispiel gegen eine Kündigung klagt bzw. eine Abfindung erstreitet, muss schon in der ersten Instanz seinen Anwalt selbst bezahlen. Auch im Verkehrsrecht sei eine Rechtsschutzversicherung hilfreich, weil es hier viele Verfahren gebe und man jeden Tag betroffen sein könne.

Anwälte müssen Rechnung stellen

Streitlust hin oder her: Von Anwälten im Netz, die kostenlos Hilfe anbieten, rät Ronni Krug dringend ab. „Um seriös helfen zu können, muss sich ein Anwalt mit dem einzelnen Fall vertraut machen und aktiv werden.“ Für diese Leistung müsse er auch eine Rechnung stellen.