Magdeburg l Kaum jemand wird einen selbstmordgefährdeten Menschen besser verstehen als jemand, der es selbst versucht hat. Viktor Staudt hat es getan. Der heute 49-Jährige warf sich im Alter von 30 Jahren – getrieben von Angstattacken und Depressionen – in Amsterdam vor einen Zug.

Der gebürtige Niederländer überlebte, aber er hat seine Beine verloren. Heute ist er froh, dass er lebt. Er gibt Vorträge und Workshops zum Thema Selbstmordprävention.

Bewegendes Schicksal

Die Leiterin der Magdeburger Telefonseelsorge Anette Carstens lernte Staudt und seine bewegende Geschichte bei einem Internationalen Kongress der Telefonseelsorger 2017 in Aachen kennen. „Es war ein hochkarätig besetzter Kongress, doch diese Geschichte hat mich am meisten berührt“, erzählt Carstens. Viktor Staudt wird sein Buch „Die Geschichte meines Selbstmords und wie ich das Leben wiederfand“ am 17. Oktober 2018 in Magdeburg vorstellen.

Was treibt Menschen wie Viktor Staudt an die Grenze ihres Lebens, was kann sie retten? Auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge werden mit solchen Fragen konfrontiert. Auch in Magdeburg gehen regelmäßig Anrufe von Menschen in Suizidgefahr ein, berichtet Anette Carstens. Dann müssen die Helfer bereit sein, sich „mit auf die dunkelste Kellertreppe zu setzen“, wie sie es formuliert.

Magdeburger emotional begleiten

Gut zuhören zu können, dem Anrufer das Gefühl zu vermitteln, dass man ihn ernst nimmt, ihn ein Stück emotional zu begleiten – darauf kommt es an. Dabei die Balance zu halten zwischen Nähe und Distanz. All das lernen die ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Schulungen.

Rund 16.000 Anrufe nimmt die Magdeburger Dienststelle jedes Jahr entgegen. Dabei geht es um Probleme in der Partnerschaft, Angst vor Krankheiten, berufliche Sorgen, Suchtprobleme. „Das Thema Einsamkeit nimmt zum Beispiel immer größeren Raum ein“, erzählt Anette Carstens.

Sorgen in der Familie, depressive Stimmung

Waren es 2014 noch rund 13 Prozent der Anrufe, die sich darum drehten, sind es 2018 schon 20 Prozent. Der Anteil allein lebender Anrufer beträgt inzwischen bereits 42 Prozent. Aber auch Sorgen in der Familie, Ängste und depressive Stimmungen spielen immer häufiger eine Rolle.

Zu tun gibt es viel. Darum suchen die Helfer der Telefonseelsorge auch permanent neue Mitstreiter, die diese wichtige Arbeit ausüben wollen.

Festgottesdienst in Magdeburg

Interessierte, aber auch Wegbegleiter der Magdeburger Telefonseelsorge sind herzlich eingeladen, den 25. Geburtstag mit der Einrichtung zu feiern. Neben einem Festgottesdienst am 29. September 2018 in der Sebastianskirche steht am 17. Oktober 2018 die Lesung mit Viktor Staudt auf dem Programm und am 19. Oktober 2018 ein Benefizkonzert mit dem Konservatorium im Dom. „Wir bedanken uns für diese wunderbare Unterstützung“, freut sich Anette Carstens mit ihren Helfern auf das Jubiläum.