Magdeburg l Im Jahr 2089 sollen die Magdeburger an allen Straßenbahnhaltestellen stufenlos ein- und aussteigen können. So sieht es eine Prioritätenliste der Verwaltung vor. Vielleicht fahren in so ferner Zukunft aber auch gar keine Bahnen mehr, sagt der Stadtrat und fordert eine überschaubare Frist. 

„Es wird schwer für uns, das noch zu erleben“, ruft der Ratsvorsitzende Michael Hoffmann (CDU) mit ironischem Unterton die Debatte zur „Drucksache 0327/20“ im Stadtrat auf. Inhalt ist eine Prioritätenliste zur Herstellung von Barrierefreiheit an allen Magdeburger Straßenbahnhaltestellen. Hoffmann wird nächstes Jahr 60. Die letzte Bahnhaltestelle soll 2089 stufenlos sein, mit dann 129 Lenzen wird Hoffmann auch spätestens Barrierefreiheit nötig haben.

Wie Hoffmann kann auch sein Fraktionskollege Reinhard Stern die gedachte Zeitachse nicht ganz ernst nehmen. Er fühle sich an Fünf- oder Zehnjahrespläne aus DDR-Zeiten erinnert und daran, wie schnell selbst die Makulatur gewesen seien. „Wir haben an der Uni hier einen Professor, der sich schon lange Gedanken darüber macht, wie der Verkehr in einigen Jahrzehnten aussehen könnte. Er geht von autonomen Verkehrsmitteln, die jeder jederzeit buchen kann, aus.“ Das Thema sei zu wichtig, so ein „utopisches Papier“ einfach durchzuwinken. Stern verlange für seine Fraktion einen Rückverweis des Beschlusspapiers in die Ausschüsse und eine neue Verhandlung mit dem Ziel deutlich gekürzter Zeiträume zum Umbau des Haltestellennetzes.

Nahverkehr soll schneller barrierefrei werden

Bauausschusschef Mirko Stage (future!) kann den Zeitplan so wenig wie Stern nachvollziehen, wünschte sich aber trotzdem eine Abstimmung der Liste. „Das ist sonst keine schlechte Drucksache. Das Punktesystem zur Bewertung von Prioritäten ist in Ordnung, lediglich die Zeiten stören auch uns.“ Umso weniger wolle man das Thema noch einmal aufschieben, gestrafft werden könne nach dem Grundsatzbeschluss. Stage für seine Fraktion Grüne/future!: „Unser Ziel ist ein barrierefreier Nahverkehr in 28 Jahren.“

„Wir müssen sofort mit der Planung beginnen“, unterstützte Falko Grube für die SPD einen schnellen Grundsatzbeschluss, ebenso wie einen nachträglich beschleunigten Zeitplan, „aber sonst sind wir irgendwann bei 2099 und das kann keiner wollen“.

Dagegen bezogen René Hempel für die Linke und Roland Zander für die Fraktion Gartenpartei/Tierschutzallianz pro Vertagung Stellung. Vor allem fehle bei der städtischen Ausbauplanung bisher eine konsequente Abstimmung mit den Magdeburger Verkehrsbetrieben, kritisierte Hempel. Die sei aber zwingend, weil die MVB im Zuge von Streckensanierungen parallel auch Barrierefreiheit herstelle und zwei parallele Planungen keinen Sinn ergäben. „Auch uns geht es zu langsam“, sagt Gartenpartei-Mann Zander. Eine neue Drucksache mit neuen Zeiten müsse her – nicht als Bremse, sondern als das Gegenteil.

70-Jahres-Plan zurückgewiesen

Am Ende stimmte eine große Ratsmehrheit aus CDU, Linken, AfD, FDP/Tierschutzpartei und Gartenpartei/Tierschutzallianz für den Rückverweis des Fast-70-Jahres-Plans zur neuen Verhandlung in den Ratsausschüssen.

Der barrierefreie Ausbau des Straßenbahnnetzes ist eine Mammutaufgabe, die tatsächlich nicht von heute auf morgen zu erledigen ist. Von 299 sogenannten Halteplätzen in ganz Magdeburg – eine Haltestelle kann je Richtung und Linie mehrere Halteplätze haben – sind nach Auskunft der Stadt bisher 182 teilweise oder ganz barrierefrei; 117 weitere (knapp 40 Prozent) noch nicht. Für den Umbau eines Halts kalkuliert die Stadt mit mehr als einer halben Million Euro, so dass in Summe noch mindestens 64 Millionen Euro für einen komplett stufenlosen Nahverkehr in Magdeburg anfallen.