Magdeburg l Frank Dowideit macht sich mit sechs Zehn-Liter-Gießkannen auf den Weg rund ums Hundertwasserhaus. Fünfmal war er schon unterwegs, es wird an diesem Tag nicht die letzte Runde sein. In der Grünen Zitadelle ist montags, mittwochs und freitags „Gießtag“. Und bei dieser anhaltenden Trockenheit brauchen einige Pflanzen einen „ordentlichen Schluck“ mehr aus der Gießkanne. „Ein Baum benötigt wöchentlich rund 90  Liter Wasser“, sagt Matias Tosi. Er ist künstlerischer Leiter der Grünen Zitadelle. 50 Bäume wachsen in und auf dem Gebäude. Sträucher kommen mit je 10  bis 30 Liter Wasser pro Woche aus. Insgesamt schluckt die aufwendige Bewachsung des Hundertwasserhauses 320 000 Liter pro Jahr. „Dabei wässern wir im Grunde nur vier Monate im Sommer, denn im Herbst und im Frühling fällt meist genug Regen“, sagt Matias Tosi. Und im Winter ist auch in der Grünen Zitadelle Vegetationsruhe.

Für die momentane Trockenheit sehen Bäume und Sträucher im Hunderwasserhaus noch sehr grün aus. Dennoch gibt es auch Bäume, die bereits vertrocknete Blätter haben, wie Volksstimme-Leser entdecken konnten. „Das stimmt“, sagt Matias Tosi. An der Nordseite gebe es drei Bäume, die bereits trockenes Laub haben, darunter ein Ahornbaum. Das Problem hänge aber nur zum Teil mit der Trockenheit zusammen. Das Ökosystem der Grünen Zitadelle ist kompliziert. Die meisten Bäume, Sträucher und Wiesen werden über ein Schlauchsystem, das im Boden verlegt ist, mit Wasser versorgt. Das System wird zentral nach einem genauen Plan gesteuert, überall im Haus befinden sich Verteiler-Stationen. Die besagten Bäume gehören allerdings nicht dazu. Der Künstler Friedensreich Hundertwasser wollte, dass einige Wohnungen in der Grünen Zitadelle mit „Baumbewohnern“ ausgestattet werden. Das sind Bäume, die auf Balkonen oder Terrassen wachsen.

Mieter sollen Bäume gießen

Die Mieter dieser Wohnungen sind verpflichtet, ihre Baummitbewohner zu pflegen, also auch zu gießen. Das funktioniere in der Regel auch sehr gut. „Bei den vertrocknet aussehenden Bäumen wurde für diesen trockenen Sommer zu wenig gegossen“, sagt Matias Tosi. Und das heiße Wetter habe zu einem speziellen Effekt bei den Bäumen geführt. „Um sich zu schützen, fallen die Bäume in eine Art ,Trockenkoma‘. Die Blätter werden nicht mehr mit Wasser versorgt und vertrocknen.“ Der Baum selbst sei damit aber nicht verloren. „Wir haben die betroffenen Bäume vom Magdeburger Öhmi-Labor begutachten lassen“, sagte Matias Tosi. Demnach seien die Blätter der Bäume zwar vertrocknet, die Äste und der Stamm aber noch grün und beweglich. Das spreche für besagten Schutzmechanismus. Die Bäume hätten also gute Chancen, im kommenden Jahr wieder Blätter auszubilden. „Wir werden uns um diese Baumbewohner besonders kümmern“, versprach Matias Tosi, der sich darüber freut, dass die Magdeburger wahrnehmen, wenn mit dem Grün der Grünen Zitadelle etwas nicht stimmt.

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Das Bewässerungssystem im Haus wird übrigens bei dem momentanen Wetter nicht verstärkt „hochgefahren“. Die Anlage laufe in den Sommermonaten immer unter Volllast. Das sei wegen der speziellen Bodenverhältnisse (wenig Erde) notwendig. „Mehr Wasser geht nicht. Und wenn manche Pflanzen durch das trockene und heiße Wetter in Stress geraten, ist das durchaus im Sinne von Hundertwasser. Auch eine Trockenheit gehört mit zur Natur“, meint Matias Tosi. Und die Natur sollen die Bewohner und Besucher der Grünen Zitadelle ja hautnah erleben können. So nah, wie Haustechniker Frank Dowideit, der dreimal pro Woche zum großen Gießen ausrückt.