Magdeburg l Dienstagabend im Ladenlokal In:takt; Nordabschnitt Breiter Weg. Überwiegend studentisches Publikum beendet gerade seine Schreibwerkstatt zum „Klimaplan von unten“, einem Kontrapunkt zum Klimapaket der Bundesregierung, das den jungen Leuten hier längst nicht weit genug geht – ein paar älteren auch nicht. Die Oldies for Future haben parallel zum Treffen eingeladen. Sie wollen ihren Infostand und Aktionen zum Klima-Aktionstag am Opernhaus vorbereiten (siehe Infokasten). Acht Frauen und Männer machen mit; zwischen 15 und 20 Mitglieder zählt die junge Oldie-Gruppe insgesamt. Gegründet wurde sie im Oktober.

„Ich habe in Berlin die ,Omas gegen rechts‘ gesehen und gleich gedacht, so was brauchen wir hier auch“, erzählt Christiane Lähnemann. Die Lehrerin beginnt Flyer zu verteilen und in ihrem persönlichen Umfeld um Mitstreiter zu werben. Schnell sind eine Handvoll Protagonisten gewonnen. „Ich bin schon zu den ersten Fridays-for-Future-Demonstrationen auf dem Domplatz gegangen. Mich hat das einfach interessiert“, sagt Marion Jacob-Gämlich. Die Rentnerin ist begeistert von den jungen Leuten und ihrem Einsatz für eine gesunde und gerechte Welt. Mit 72 Lenzen fühlt sie sich längst nicht zu alt zum Mitmachen. Ihren 80-jährigen Mann hat sie auch schnell überzeugt. Die beiden Magdeburger treibt neben dem Klimaschutz die Polarisierung in der Gesellschaft um, der rauer werdende Ton, der Hass. „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda. Es ist Zeit, dagegen auf die Straße zu gehen“, sagt Ekkehart Gämlich – und geht mit, zum Beispiel am 16. November gegen die rechtsgerichtete Compact-Klimakonferenz – hier im Kreis eher Konferenz der Klimawandel-Leugner genannt – in Sudenburg.

Vom Wissenschaftler bis zum Pfarrer

Die Motivation der „Oldies“ ähnelt sich trotz ihrer verschiedenen Lebenshintergründe sehr. Hier machen Wissenschaftler, Pfarrer im Ruhestand und Referenten im Ministerium mit, wie auch der langjährige Leiter der Magdeburger Telefonseelsorge, der Pfarrer Michael Rafalski. „Ich bin vor acht Jahren in den Ruhestand gegangen und wollte erst einmal gar nichts tun. Ich habe die Zeit mit meiner Familie genossen“, erzählt er. Aber das Thema habe ihn schon lange beschäftigt. „Und es gibt leider auch in meinem Umfeld viele Leute, die sagen, die spinnen doch, diese Jugendlichen, und sie sollen lieber zur Schule gehen.“ Als er dann von der Oldie-Gruppe gehört habe, sei der Entschluss gereift: „Ich will noch einmal Gesicht zeigen, den jungen Leuten auf Augenhöhe begegnen und etwas von ihnen lernen und vielleicht auch sie von uns.“

Ralf Hartmann (65) ist im Magdeburger Seniorenbeirat aktiv und auch in der Senioren- AG der Magdeburger Sozialdemokraten. „Unsere Landesgruppe hat beschlossen, dass wir Fridays for Future unterstützen wollen.“ Er wolle das ganz konkret und auch auf der Straße tun. Andreas Dieckmann (63), Referent im Finanzministerium, hat Enkel, die für den Klimaschutz auf die Straße gehen und selbst Sorge mit Blick auf Spaltung und Polarisierung in der Gesellschaft. Aus beiden Gründen ist er dabei. „Ich gehöre in der eigenen Familie jetzt zur ältesten Generation. Das ist schon ein komisches Gefühl, aber auch Antrieb.“

"Daran sind alte weiße Männer schuld"

Auch im Respekt vor dem Einsatz und der Konsequenz mancher Studenten ist Hartwig Haase ein Future-Oldie geworden. An der Otto-von-Guericke-Universität befasst sich der promovierte Logistiker heute fast ausschließlich mit nachhaltigen Mobilitäts- und Verkehrssystemen für die Zukunft. „Wir haben die Gnade der Geburt im reicheren Teil der Welt“, habe mal eine Studentin gesagt und damit recht, dass wir dafür etwas zurückgeben sollten. Das sei sein Anliegen, etwas zu tun gegen Klimawandel, Artensterben, Teilung der Gesellschaft. „Daran sind alte weiße Männer schuld“, sagt Haase und dass er, selbst ein solcher, einen anderen Fuß- und Fingerabdruck auf der Welt hinterlassen wolle.

Die Oldies for Future sind mit dem Herzen bei der Sache und zum Umdenken bereit. „Eine junge Frau hat neulich in einem Interview gesagt, dass sie keine Kleidung mehr kauft. Da ist mir bewusst geworden, dass ich auch genug für die nächsten zehn Jahre habe“, sagt Christiane Lähnemann.

Stoff für die Zukunft

Das In:takt im Breiten Weg füllt sich an diesem Dienstagabend wieder rund um die „Oldies“ herum mit überwiegend studentischem Publikum. Gleich läuft hier „Tomorrow“, ein französischer Dokumentarfilm über zehn Klimaschutzprojekte aus zehn Ländern; Stoff für die Zukunft, wie er auch die Oldies hoffnungsvoll stimmt. Erst einmal sind sie gerüstet für den Klima-Aktionstag heute ab 15 Uhr am Opernhaus.