Magdeburg l Wenn Marianne Fritz an einer Radierung arbeitet, braucht das Zeit. Viel Zeit. Und die nimmt sie sich gern. „Ich bin dann ganz bei mir“, sagt sie. Die Drucktechnik ist für sie der Gegenpol zur Arbeit an unterschiedlichen Puppentheatern: „Dort müssen Dinge auch mal ganz schnell gehen, sie geschehen im Moment und sind dann auch schon wieder vorbei.“ Ganz anders die Radierung, die im Werden Zeit beansprucht und schließlich bleibt. Es ist überschüssige Fantasie, die sie darin verarbeitet.

1994 lernte Marianne Fritz die Drucktechnik kennen und lieben – im Atelier der Berliner Malerin Monika Meiser. Erste Ausstellungen folgten, „und dann bin ich dabei geblieben“, erzählt die gebürtige Magdeburgerin. Auch ihre Federzeichnungen erinnern an Radierungen, bestehen aus Linien und Schraffuren, die in Formen und Bilder münden. 2016 hat Marianne Fritz begonnen, die Feder als Mittel zum Ausdruck zu nutzen. „Ich möchte mich von allem Schweren befreien“, begründet sie und schiebt ein kleines Kästchen auf ihren Arbeitsplatz im elterlichen Haus in Stadtfeld-West, in dem sie inzwischen lebt. Ein paar Tintenfässchen, eine Feder, „und das genügt“, sagt sie. Etwas Leichtes wohnt auch dem Titel ihrer neuen Ausstellung inne: Alles fließt. Inspiriert von der Heimatstadt an der Elbe wagt sich Marianne Fritz damit erstmals weg von der reinen Fantasie, gibt ihren Bildern etwas Konkretes. Vor allem die großen und kleinen Magdeburger Brücken faszinieren und inspirieren sie zu abstrahierten Bildern. Sowohl die kleine als auch die große Hubbrücke sind in den Zeichnungen wiederzuerkennen. Nicht als originalgetreue Zeichnung, sondern in Formen und Gitter gebettet, verzerrt, teils auf die Seite gelegt. Und so neigt der Betrachter vor Marianne Fritz’ Bildern hin und wieder den Blick und fragt sich: Steht die gezeichnete Welt von Marianne Fritz kopf? Abstraktion ist Teil ihres eigenwilligen Stils und gewollt: „Sonst könnte ich auch einfach ein Foto machen“, sagt sie.

Die Ausstellung möchte sie ihren Eltern widmen, die im vergangenen Jahr verstorben sind. Erst nach deren Tod stieß sie auf eine Sammlung von Magdeburg-Fotografien ihres Vaters. „Ich habe darin eine große Verbundenheit zu Magdeburg gespürt“, erzählt sie. Dabei stammten weder Vater noch Mutter aus der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt.

Auf Spurensuche in der Heimat

Nun befasst sich Marianne Fritz selbst mit ihrer Heimatstadt, sucht Spuren aus der Erinnerung, der Gegenwart und dem, was zukünftig sein könnte. Dass sie aus Berlin jemals wieder nach Magdeburg zurückkehren würde, hätte sie sich früher nicht vorstellen können. Doch die Kontakte zur Kunstwerkstatt, zu Leilani Heinicke und zu Buckau sowie dem Magdeburger Puppentheater haben sie hier wieder Wurzeln schlagen lassen.

Das erste Atelier bekam sie im Buckauer Engpass für kleines Geld. „Damals war Buckau noch ganz anders“, erinnert sie sich, die Häuser unsaniert, viele Wohnungen leerstehend, aber dafür eine Ballung von Kunst und Künstlern, die dort eine Heimstatt fanden. „Es war der Reiz des Anfangs“, sagt Marianne Fritz. Das Puppentheater habe damals im Rahmen des Blickwechsel-Festivals immer wieder Orte inszeniert, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit standen. Auch in Buckau. „Alles hat seine Zeit“, sagt Marianne Fritz rückblickend, „und dann kommt wieder etwas Neues.“

Dem Buckauer Engpass, der heute weitgehend herausgeputzt dasteht, ist sie nach wie vor verbunden und hofft, dass im Hinblick auf das Trendviertel die Durchmischung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen bleibt. Ihr Atelier im Engpass hat sie inzwischen an einen jüngeren Kollegen abgegeben und mit der Entscheidung, ins elterliche Haus zu ziehen, die Möglichkeit, Arbeit und Privatleben unter einem Dach zu bündeln. Das kleine Gärtchen hinter dem Haus ist ein Refugium für die Künstlerin.

Kindheitserinnerungen

Manches Mal träumt sie sich zurück in ihre Kindheit, als der Blick aus dem Kinderzimmer noch auf eine chemische Reinigung fiel, ein Sehnsuchtsort für die junge Marianne Fritz, die sich in langen Nächten, in denen sie als Kind nicht in den Schlaf fand, den Kopf zerbrach über die kleine beleuchtete Bude auf dem Gelände gegenüber und sich fragte, was dieser Mensch darin wohl tat. Es war der Nachtwächter, weiß sie heute.

Mit der Arbeit im Puppentheater wuchs auch die Lust am Erzählen. An der Universität der Künste machte sie das Fach schließlich zur Profession und erzählt Märchen, Mythen und literarische Stoffe längst nicht mehr nur in Bildern, sondern auch mit Sprache sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Das Saatkorn dafür legte ihre Großmutter. „Sie hatte ein Märchenbuch mit einem gelben Umschlag, in den eine große Hexe eingeprägt war“, erinnert sie sich. Die habe ihr Angst gemacht. Aber es lag auch ein Reiz darin. „Ich mag auch heute noch Schauergeschichten“, erzählt Marianne Fritz. Ihre Lieblingsgeschichte aber stammt aus Sizilien und erzählt von der „Mutigen Prinzessin Glücklos“, die der eigenen Familie angeblich Pech bringt. Über Umwege gelangt sie zum Schicksal einer Wäscherin, das hässlich, gram und ungewaschen vor ihr steht. Im dritten Anlauf wäscht sie es es, zieht ihm schöne Sachen an, und das bringt schließlich die erwünschte Wendung. Für Marianne Fritz ist dies eine Geschichte, die sich aufs Leben übertragen lässt.

1953 geboren, denkt Marianne Fritz noch lange nicht daran, das Arbeiten aufzugeben. „Dafür habe ich einfach noch zu viele Ideen“, erzählt sie. Unter anderem hat sie selbst auch angefangen zu schreiben, möchte weiter mit der Feder zeichnen. Die Vernissage am 25. September 2020 um 19.30 Uhr in der Kunstwerkstatt sollte eigentlich bereits im April stattfinden. Doch wegen der Corona-Pandemie musste sie verschoben werden. Als Mensch, der ohnehin oft mit sich und der Kunst beschäftigt ist, sei es Marianne Fritz nicht allzu schwergefallen, zu Hause zu bleiben und zu arbeiten. Jetzt freut sie sich aber wieder auf den Austausch mit anderen: „Der hat auf jeden Fall gefehlt.“

Ausstellung bis 31. Oktober

Um niemanden zu gefährden, findet die Vernissage im Freien statt. Danach können die Gäste die Ausstellung in kleinen Gruppen besichtigen. Die Hygieneauflagen des Landes zur Coronavirus-Pandemie gelten. Bis zum 31. Oktober 2020 sind Interessenten zu den Öffnungszeiten willkommen. Aber auch nach Vereinbarung sind Besichtigungen möglich.