Ex-Aida-Manager vermarktet jetzt die Ottostadt in Sachsen-Anhalt

Wie Magdeburg bei Touristen in Europa punkten will

Von Rainer Schweingel

Magdeburg.

Sie waren zuvor fürs Kreuzfahrtmarketing bei Aida zuständig. Was hat Sie zur Landratte in Magdeburg werden lassen?

Hardy Puls: Als ich die Stellenausschreibung gesehen habe, fand ich sie unglaublich reizvoll. Daraufhin habe ich mich intensiver mit Magdeburg beschäftigt. Dabei habe ich gemerkt, dass das touristische Potenzial der Stadt einfach so groß ist, auch in der Vielfalt. Da habe ich gesagt: Das ist sehr spannend, da muss ich mich bewerben.

Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Hardy Puls: Ich bin wirklich froh, dass das geklappt hat. Ich habe vom ersten Tag an das Gefühl, hier anzukommen. Dabei treffe ich auf viele nette Menschen. Und ich sehe jeden Tag, an dem ich hier arbeite, das Potenzial dieser Stadt, das wir gemeinsam heben können.

Magdeburg als Herausforderung

Trotzdem versteht nicht jeder: Sie geben einen attraktiven Posten bei einem Kreuzfahrtunternehmen auf, um in einer Stadt anzuheuern, die nicht als Touristen-Hotspot gilt. Warum?

Hardy Puls: Die letzten 15 Jahre waren sehr spannend und arbeitsintensiv. Da stand vor allem die Digitalisierung im Marketing und der Aufbau einer starken Marke im Mittelpunkt.

Da lernt man eine ganze Menge. Jetzt war es für mich genau der richtige Zeitpunkt, das, was ich da gelernt habe, einzupacken und woanders mit hinzunehmen. Was mich an Magdeburg reizt, ist, dass es eine Stadt ist, die sich vielleicht nicht auf den ersten Blick erschließt.

Es ist keine kompakte Stadt. Ich sage: „Alter Markt – Neuer Markt – Fußgängerstraße dazwischen - das kann jeder.“ Magdeburg hat das nicht, und das reizt mich.

Und was kann Magdeburg?

Hardy Puls: Wir haben eine immense Breite, wir haben Fläche, wir haben Größe. Wir haben eine wahnsinnige Geschichte. Wer Magdeburg besucht, muss es sich erarbeiten.

Magdeburg im Bild aus DDR-Zeit

Was heißt das?

Hardy Puls: Magdeburg hat Geschichte, die erlebt werden muss. Und das macht im Marketing gerade den Reiz unserer Aufgaben aus. Deshalb gehen wir da in nächster Zeit an dieses Thema ran und fragen uns: Was sind Erlebniswelten, die wir schon haben oder schaffen müssen? Und wie bringen wir das in eine Marketingform und überzeugen Leute, dass sie dafür nach Magdeburg kommen?

Mal Hand aufs Herz: Was haben Sie vor der Stellenausschreibung über Magdeburg gewusst?

Hardy Puls: Ehrlich gesagt wenig. Ich wusste: mittelgroße Großstadt in der Mitte von Deutschland mit dem Image einer Industriestadt, das vielleicht noch geprägt aus DDR-Zeiten. Mir ging es aber wie vielen Touristen, die hierherkommen und sagen: Das hätte ich nicht gedacht - schön, abwechslungsreich, grün und mit vielen Möglichkeiten. Genau das ist unser Potenzial. Da müssen wir nach vorn kommen und Anreize für Gäste schaffen, die dann sagen: Das will ich erleben.

Kann man aus dem Kreuzfahrt-Marketing etwas nach Magdeburg übertragen?

Hardy Puls: Ich denke schon. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir als Stadt eine starke touristische Marke brauchen. Wenn man Magdeburg hört, müssen Bilder im Kopf entstehen und Lust machen, in die Stadt zu kommen und sie zu entdecken. Das müssen wir schaffen als Vermarkter. Und da müssen auch alle anderen in der Stadt mitziehen und diesen Gestaltungswillen für die nächsten Jahre mittragen.

Interessant für Rostock oder Stuttgart

Und in Sachen Digitalisierung?

Hardy Puls: Wir werden sicher wegkommen von gedruckten Broschüren und Faltplänen und hin zu mehr digitalem Marketing – im Netz, und vor allem auf mobilen Endgeräten. Der Gast macht ja bereits vor seiner Ankunft hier eine Reise, die schon viele digitale Elemente enthält. Das beginnt mit der Inspiration und geht über in Informationsbedarf, Entscheidung und letztlich Buchung. Und ist der Gast erst mal hier, möchte er sich natürlich weiter informieren – und da wird dann häufig das Handy gezückt.

Wie haben Sie Magdeburg vorgefunden – beruflich als auch privat?

Hardy Puls: Ich bin mit unglaublich offenen Armen empfangen worden. Dem Magdeburger eilt ja der Ruf voraus, eher ruhig zu sein und sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Diesen Eindruck habe ich bisher überhaupt nicht. Ich habe sehr viele freundliche, nette Menschen getroffen, die auch alle eine Geschichte zu erzählen haben und stolz auf ihre Stadt sind. Viele von denen haben großen Willen zur Gestaltung, etwas anpacken zu wollen. Und ich glaube, das ist eine Stärke der Stadt.

Ihr Start steht wegen Corona unter einem denkbar schlechten Stern. Trotzdem: Was packen Sie als Erstes an?

Hardy Puls: Wir sitzen gerade in ersten Workshops zusammen und suchen nach Ideen fürs Marketing. Haben wir wirklich alle Zielgruppen im Blick? Was könnten Bilderwelten sein? Welche Filme kann man künftig zeigen? Was sind die Geschichten, die wir erzählen wollen? Man hat immer schnell eine Zielgruppe im Kopf, aber eigentlich gibt es links und rechts davon noch viel mehr Anlässe, in die Stadt zu kommen – sei es für einen Tag oder länger. Daran wollen wir jetzt arbeiten, damit die Konzepte dann auf die Straße kommen, wenn es mit dem Tourismus wieder losgehen kann.

Wenn Sie jemand in Rostock oder Stuttgart fragt, warum er als Tourist nach Magdeburg kommen soll. Was sagen Sie dem?

Hardy Puls: Definitiv, dass wir eine grüne Stadt am Fluss sind. Daraus machen wir noch zu wenig. Dann haben wir diese unglaubliche Vielfalt der Architektur. Und auch wenn man dafür Wege zurücklegen muss: Es macht Spaß, sich das zu erarbeiten. Und es gibt eine sehr vielfältige und aktive Kulturszene. Ich finde das alles sehr spannend und habe es, ehrlich gesagt, auch nicht so erwartet.

Debatte um Theater und Domplatz

Magdeburg in zehn Jahren unter Ihrer persönlichen touristischen Vermarktung: Was wird dann besser sein?

Hardy Puls: Auf jeden Fall ist Magdeburg eine florierende Großstadt. Mein Wunsch ist natürlich, dass jeder Deutsche und auch etliche Mitteleuropäer sagen: Da war ich schon mal oder da muss ich unbedingt noch hin. Und ich glaube, Magdeburg kann das schaffen, weil hier noch so viel passiert. Wir müssen unsere Stärken noch positiver verpacken. Mein Wunsch: Magdeburg auf der touristischen Landkarte leuchten zu lassen.

Zwei touristische Themen werden diskutiert: Eines ist eine erneute Bewerbung Magdeburgs für eine Bundesgartenschau. Was sagen Sie zu dieser Idee: Ausgelutscht oder eine Chance?

Hardy Puls: Jedes große Ereignis ist eine Chance, Menschen in die Stadt zu holen. Die Buga hat sich ja auch weiterentwickelt. Deshalb würde ich da eine Chance sehen.

Zweiter Diskussionspunkt ist das Theater-Open-Air auf dem Domplatz. Die einen lieben es dort, weil es Flair bringt. Die anderen kritisieren, weil der Domplatz blockiert ist. Was sagen Sie als Tourismusexperte?

Hardy Puls: Das kann ich nach so kurzer Zeit hier noch nicht beurteilen. Damit werde ich mich aber auseinandersetzen.